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Lokales Gesprengte Uni-Kirche: Glocke klingt wieder - und Misstöne hallen nach
Leipzig Lokales Gesprengte Uni-Kirche: Glocke klingt wieder - und Misstöne hallen nach
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16:56 19.05.2015
Die Sprengung der Universitätskirche St. Pauli am 30. Mai 1968. Quelle: Karin Wieckhorst

Pauli" und die Universität dafür aus, den Gewaltakt nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Bemühungen der Veranstalter, sich auf ein gemeinsames Gedenken zu einigen, waren im Vorfeld jedoch gescheitert.

Während das Bündnis unbedingt um 10 Uhr Leipzigs Kirchenglocken läuten wollte - weil die Paulinerkirche am 30. Mai 1968 um 10 Uhr gesprengt worden war -, präferierte die Uni 11 Uhr. Dies sei wegen der Sommerzeit historisch korrekt, lautete die Begründung. Weil das Bündnis diese Auffassung nicht teilte, fanden letztlich zwei separate Gedenkveranstaltungen statt - eine um 10 Uhr (Bündnis) und eine um 11 Uhr (Universität).

Auf beiden wurden weitere Meinungsverschiedenheiten laut. "Der Neu- bau steht nicht nur am Standort der gesprengten Universitätskirche St. Pauli, er ist die neue Universitätskirche St. Pauli", betonte Thomaspfarrer Christian Wolff bei der Veranstaltung des Bündnisses, bei dem auch die Stiftung Universitätskirche St. Pauli und der Paulinerverein Flagge zeigten. Wolff kritisierte, dass die Universität den Neubau zu einem "Neutrum" mache, indem sie ihn "Paulinum" oder "Aula-/Kirchenbau" nennt. Auch der neue Chorraum, in dem die Universität zahlreiche rekonstruierte Grabmale aus der alten Kirche anbringen will, dürfe keine "Art von Mona-Lisa-Museum" werden.

Zeitzeugin Helga Hassenrück berichtete, dass zu DDR-Zeiten die Erinnerung an die Universitätskirche ausgelöscht werden sollte. "Die meisten Studierenden erfuhren nie, dass ihre Universität eine Kirche hatte", sagte sie und befand, die Auslöschung des Gotteshauses sei "recht gut gelungen". Hassenrück: "Ich hoffe, dass unsere Universität eines Tages ihre Aula auch als Universitätskirche begreifen und benennen wird."

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Feist konstatierte, die Sprengung der Kirche habe eine Wunde geschlagen, "die bis heute nicht vollständig geheilt ist". Die gerettete alte Kanzel müsse im Innenraum "an einem zentralen Ort" angebracht werden. "Denn sie ist ein Symbol des freien und unzensierten Wortes."

Gunter Weißgerber (SPD) wandte sich gegen "Glas-Mauer-Bauer", die den sakralen Bereich des Neubaus mit einer Glaswand abtrennen. "Ich gehöre keiner Religionsgemeinschaft an und möchte doch in einer Gesellschaft leben, die jedem Menschen das Recht auf Religionsausübung zugesteht", erklärte er. Dazu gehöre auch, Menschen nicht hinter Glas zu Beobachtungsobjekten zu machen und die gerettete Kanzel nicht zu einem unantastbaren Museumsstück zu degradieren. Weißgerber: "Ich appelliere an die Glasfraktion der Universität: Die Sprengung war großes Unrecht - lasst es uns richtig und nicht halbherzig wiedergutmachen."

Auf der Veranstaltung der Uni signalisierte Rektorin Beate Schücking Gesprächsbereitschaft: Sie lud die Kritiker zu einem öffentlichen Dialog ein - und ließ Paulinervereinschef Ulrich Stötzner eine Rede halten. Gleichzeitig stellte sie aber klar: "Wir haben nicht in allen Fragen den gleichen Standpunkt und auch nicht die gleiche Zufriedenheit mit der baulichen Ausstattung." Aber der Neubau ermögliche der Alma mater nicht nur die Wiedergewinnung von Nutzungsmöglichkeiten, sondern auch von universitärer Identität. "Wir sind dabei, beides wiederzubeleben - in neuer Form", sagte sie.

Mit Blick auf die geforderte dauerhafte Öffnung der Glaswand und das Anbringen der alten Pauliner-Kanzel bat sie um Verständnis. "Unsere Universität muss diese Entscheidungen vernünftig und zukunftsfähig treffen", betonte sie. Dies brauche Zeit. Dann kündigte sie an, künftig an jedem 30. Mai die gerettete Glocke der gesprengten Paulinerkirche läuten zu lassen. Ob dies um 10 oder um 11 Uhr geschieht, müsse aber noch einmal geprüft werden. Andreas Tappert

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 31.05.2013

Tappert, Andreas

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