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"Grenzen überwinden": Leipzig feiert Lichtfest zum Gedenken an die Friedliche Revolution

"Grenzen überwinden": Leipzig feiert Lichtfest zum Gedenken an die Friedliche Revolution

Leipzig. Zum Gedenken an die Friedliche Revolution in der DDR hat Leipzig am Dienstag das traditionelle Lichtfest gefeiert. Den Auftakt machte am Nachmittag das Friedensgebet in der Nikolaikirche - dem Ort, an dem sich damals die Menschen vor den Montagsdemonstrationen versammelt hatten.

Tausende formten auf dem Augustusplatz eine aus brennenden Kerzen gestaltete ’89.

„Grenzen überwinden" – dieses Motto des Lichtfestes hat für Ildikó Bódvai, die Leipzig das erste Mal besuchte, eine besondere Bedeutung. Die ungarische Journalistin war 1989 am legendären „Paneuropäischen Picknick" in Sopron dabei, bei dem am 19. August Hunderte Bürger der DDR nach Österreich flohen. Freunde von ihr hatten das Picknick als Friedensdemonstration an der österreichisch-ungarischen Grenze organisiert. „Es war schnell klar, dass sich die Situation anders entwickelt. Ungarische Grenzsoldaten haben sich sehr liberal verhalten, als die DDR-Bürger die Grenze passierten", erinnert sich Bódvai, die sich darüber freut, dass beim Lichtfest an die Rolle ihres Heimatlandes erinnert wird, die mit zum Ende der DDR und zur deutschen Wiedervereinigung führte.

Jährlich am 19. August finden an der Stelle des Grenzdurchbruchs Gedenkfeiern statt. „Noch nicht so monumental wie in Leipzig, aber es ist wichtig, solcher historischer Ereignisse gebührend zu gedenken", sagte sie und lädt die Leipziger in den Gedenkpark ein.

Jung spricht von "Meilenstein der europäischen Geschichte"

An die Rolle Ungarns erinnerte auch Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), der den Aufbruch zur Demokratie als „ein Meilenstein der europäischen Geschichte" bezeichnete. Begleitet war das Lichtfest allerdings von der Kritik an der Einladung des ungarischen Staatsministers Zoltán Balog. Die Bürgerinitiative „Leipziger Korrektiv" sowie Abgeordnete von Grünen und Linken protestierten gegen seine Einladung und wollten Balog einen offenen Brief übergeben. Darin werden massive Einschränkungen von Grund- und Freiheitsrechten im heutigen Ungarn sowie die Situation der in Ungarn lebenden Roma-Minderheit kritisiert.

Über jene „besorgniserregenden Entwicklungen", sagte auch Jung, wolle man „im Geist der friedlichen Revolution" mit den ungarischen Freunden reden. „Wir werden aber nie vergessen, was wir ihnen zu verdanken haben", sagte er. Balog rief dazu auf, für Demokratie zu kämpfen. „Freiheit bedeutet aber nicht automatisch Gerechtigkeit", gab er zu bedenken und erinnerte an die Armut, in der viele Menschen in den osteuropäischen Ländern leben müssen. Er lud die Leipziger ein, sich selbst ein Bild zu machen.

Der 9. Oktober war aber nicht nur Gottesdienst, Demokratie-Rede und Lichtfest. Den ganzen Tag über fand in Leipzig etwas statt, so auch eine besondere Schulstunde in der Runden Ecke. Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasiunterlagen, und MDR-Journalist Siegbert Schefke, erzählten vor 150 Leipziger Schülern und Gästen der älteren Generationen aus revolutionären Tagen zum Ende der DDR.

Roland Jahn spricht von seiner Zeit im Widerstand

Schefke hatte mit dem Freund Aram Radomski – beide engagierten sich ab Mitte der 1980er-Jahre bei der oppositionellen Ostberliner Umweltbibliothek – den Zerfall in der DDR gefilmt und ihre Aufnahmen mittels Diplomaten nach Berlin-West gebracht. Hier war Roland Jahn, der 1983 aus der DDR zwangsausgewiesene Bürgerrechter beim Sender Freies Berlin tätig und sorgte dafür, dass die Aufnahmen gesendet wurden. Berühmt wurden Schefke/Radomski und Jahn mit dem 9. Oktober. Die einen filmten Leipzigs Montagsdemo vom Turm der Reformierten Kirche, am Abend danach waren die bewegten und bewegenden Bilder im West-Fernsehen zu sehen.

Die Schüler schienen gebannt von solcher Art Geschichte. Jahn sprach auch darüber, wie er zum Widerstand gekommen war. „Wir wollten unser Leben selbst bestimmen, lange Haare tragen Party machen, und weil uns auch das nicht gestattet wurde, hat der Staat dafür gesorgt, dass wir aufbegehrten."

Wie es gelang, Filmaufnahmen ins (West)-Fernsehen zu bekommen, auch darüber staunten die Schüler. Jahn: „Heute nicht mehr vorstellbar, aber nur drei Mann machten Fernsehen, einer drehte, einer transportierte, einer steckte die Kassette rein." Die Stasi mutmaßte immer, Schefke und Co. wären im Auftrag des BND aktiv. Man wollte den angeblichen Spionagering ausheben. Mit dem Ende der DDR, eingeläutet am 9. Oktober ins Leipzig, war auch der Operative Vorgang „Satan" erledigt.

dpa/Mathias Orbeck/Felix Kretz/Thomas Mayer

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