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Großbaustelle Karli: Wirte blicken voller Sorge in das kommende Jahr

Großbaustelle Karli: Wirte blicken voller Sorge in das kommende Jahr

"Willkommen auf der Karli" - seit zweieinhalb Monaten prangt der Begrüßungs-Slogan auf Plakaten im Stadtgebiet, um Besucher auf die Karl-Liebknecht-Straße zu locken.

Leipzig. Denn Leipzigs beliebte Kneipenmeile ist derzeit auch dessen prominenteste Großbaustelle: Einige Gastronomen beklagen daher einen drastischen Rückgang bei Umsatz und Gästen. Bis November 2015 sollen die Arbeiten zwischen Körnerstraße und dem Innenstadtring noch dauern. Die LVZ hat sich acht Monate nach Baubeginn umgehört.

Die Bagger am Peterssteinweg direkt vor der Haustür, geht China-White-Chef Vincent Lee bis kommenden Montag in die Sommerpause und macht sein Lokal die nächsten Tage dicht. "Es lohnt sich kaum", sagt er, "die Zeit werden wir für Renovierungsarbeiten nutzen." Seit die Bautrupps vor seinem Haus den Gehweg aufreißen und zum Schleichweg machen, musste er Umsatzeinbußen von 50 Prozent im Vergleich zum Vormonat hinnehmen. "Gegenüber dem Vorjahr sind es vielleicht 30 Prozent." Der Vermieter kam ihm entgegen: Für Juli bis September erließ er ihm zehn Prozent vom Mietpreis.

Auch Eleonora Andreeva vom Papa Hemingway schlägt Alarm, die Baustelle verhagelt ihr das Geschäft. Sie hat bereits eine achtmonatige Durststrecke hinter sich: "Verglichen mit dem Vorjahr betragen die Verluste mehr als 50 Prozent", erzählt die Chefin des Lateinamerika-Restaurants am Münzplatz. "Es könnte wohl noch schlimmer werden." Unter Straßenlärm und -staub leidet sie jetzt schon, demnächst muss auch der Freisitz vor dem Lokal den Bauarbeiten weichen. "Und das gerade in der Sommersaison, wenn die Leute draußen sitzen wollen." Rücken die Bauarbeiten bis zur Hauswand vor, werde das Hemingway wohl ein Inseldasein fristen. Der Gästestrom werde möglicherweise vorbeigelenkt, Touristen kämen nun ohnehin schon selten zu Besuch.

Dort, wo die Bürgersteige noch passierbar sind, haben sie die dramatischen Umsatzeinbrüche vom Jahresbeginn abgeschwächt. "Wir haben nach wie vor Einbußen, aber bei weitem nicht mehr im Bereich von 40 Prozent, wie es noch Anfang des Jahres der Fall war", sagt Volkshaus-Inhaber Andreas Bürger. Tagsüber gebe es noch etwa 20 Prozent Minus, beim Abendgeschäft habe sich der Verlust auf zehn Prozent eingependelt. "Geholfen haben da auch die Fußball-WM, die warmen Temperaturen und das Karli-Beben im April."

Fürs Karli-Beben gibt es übrigens am 13. September eine Wiederholung, kündigt Falk Weinrich von der Interessengemeinschaft (IG) Karli und Besitzer der Kneipe Acapulco an. Geschäfte und Lokale locken dann erneut auf die "Erlebnisbaustelle" und Amüsiermeile Karl-Liebknecht-Straße mit einem bunten Kulturprogramm. "Mittlerweile hat man sich wohl mit der Baustelle arrangiert", sagt Weinrich, "Umsatzverluste haben aber fast alle, das ist nicht gut."

Die Sorge einiger Kneipiers wächst mit 2015: Dann wechseln die Bauarbeiten von der Ost- auf die Westseite der Straße. Wenn der Gehweg umgebaut wird, muss dann auch die Terrasse vorm Volkshaus verschwinden, so Andreas Bürger. Vorbei ist's dann mit der Open-Air-Saison. "Prinzipiell geht's uns jetzt gut, die große Herausforderung wird erst nächstes Jahr kommen", meint auch Stefan Walther, Inhaber des "Frizz Karli", und baut auf die heimische Stammkundschaft, um die Ausfälle abzufedern: "85 Prozent unserer Gäste kommen aus dem Viertel", so Walther.

"Es ist nicht mehr so schlimm, wie es Anfang oder Februar der Fall war", meint Holm Retsch vom Leipziger Hotel- und Gaststättenverband Dehoga. "Entwarnung können wir aber auch nicht geben und müssen sehen, wie sich das weiter entwickeln wird." Umsatzeinbußen könnten zwar bei der Industrie- und Handelskammer gemeldet werden, allerdings müssten die Ausfälle und deren Gründe detailliert nachgewiesen werden. Die Erfolgsaussichten für eine Entschädigung seien gering, so Retsch.

"Zumindest von den Gastronomen wissen wir, dass es ihnen relativ gut geht", sagt Roland Quester vom Baudezernat. Um die Gewerbetreibenden und Händler zu unterstützen, wurde ein 54 000 Euro schweres Extra-Werbebudget für die Karli-Anrainer aufgelegt. Von diesem Geld seien unter anderem Flyer, Prospekte und die Plakate finanziert worden.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.08.2014

Benjamin Winkler

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