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Lokales "Großstadtpflanze" mit tollem Geschenk - So war das damals in Leipzig
Leipzig Lokales "Großstadtpflanze" mit tollem Geschenk - So war das damals in Leipzig
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23:59 05.09.2014
Quelle: Privat

Diesmal berichtet Sigrid Liebeheim. Als ich Mitte der Dreißigerjahre noch ein Vorschulkind war, bekam meine Großmutter zum Weihnachtsfest immer Besuch aus Berlin. Es war für mich die Tante Melanie, obwohl sie eine Cousine meines Vaters war. Sie kam als Großstadtdame mit viel Eleganz an, was mir natürlich sehr imponierte. Es war für mich immer eine große Vorfreude, denn ich wusste genau, dass sie bestimmt wieder etwas Schönes für mich mitgebracht hat.

Am Nachmittag des Heiligen Abends gingen mein Vater, mein Bruder und ich immer zur Großmutter, während unsere Mutter zu Hause die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum verteilte und das Abendessen mit Kartoffel-Heringssalat und Würstchen vorbereitete. Bei der Großmutter angekommen, war ich schon gespannt auf mein Geschenk. Und siehe da, ein wunderschönes weißes Eislaufkleid. Es war von der Tante selbst gefertigt worden und glich dem einer Olympiasiegerin aus dieser Zeit! Ich konnte meiner Freude gar nicht so schnell Ausdruck verleihen, denn ich war hin und weg! Das war der Hammer. Damit waren all die Geschenke, die es zu Hause gab, nicht zu vergleichen.

Am 1. Feiertag war die Tante Melanie bei uns zum Gänsebraten eingeladen, was nun schon zur Tradition gehörte. Meine Mutter hatte sich viel Mühe gemacht, und alle saßen am festlich gedeckten Tisch. Nachdem wir rundum satt waren, sagte mein Vater: "So, jetzt machen wir einen schönen Verdauungsspaziergang in den Winterwald." Ich setzte mich auf den Schlitten und ließ mich ziehen. Die Tante Melanie ließ sich von meinem Vater hofieren, denn meine Mutter war ja nicht dabei. Sie musste stattdessen zu Hause den vielen Abwasch bewältigen und das Kaffeetrinken vorbereiten. Jahre später hat mir meine Mutter erzählt, dass die "Berliner Pflanze" nie einen Finger gerührt hat und immer nur bedient werden wollte. Ich glaube, Mutter war wohl ein bisschen eifersüchtig.

Während des Krieges und nach dem Tod der Großmutter wurden die Besuche merklich weniger. Trotzdem hatte ich das Bedürfnis, sie einmal in Berlin zu besuchen, was dann auch Anfang der Achtzigerjahre geschah. So stand sie plötzlich vor mir, inzwischen auch über 80 Jahre alt. Und ich traute meinen Augen nicht, denn sie sah jetzt genau so aus wie meine Großmutter mit weißem, schütteren Haar. Da sie alleinstehend war, sollte ich sie am liebsten gleich mit zu mir nehmen, dafür wollte sie mir alles vermachen. Aber so einfach ging das ja nicht. Beim Abschied schenkte sie mir noch ein silbernes Armband, was ich später leider verloren habe. Kurze Zeit danach ist sie verstorben, und da sie kein Testament hatte, war der Staat der Gewinner.

Auch aus den Siebzigerjahren kann ich eine Weihnachtsgeschichte erzählen. Wie so oft, fuhren wir zu den Kindern nach Dresden. Meine zwei Enkeltöchter im Alter von vier und sieben Jahren waren an diesem Heiligabend schon sehr aufgeregt, denn es dauerte nicht mehr lange, bis der Weihnachtsmann kommen sollte. Meine Tochter vertraute mir an, dass in diesem Jahr kein Weihnachtsmann zur Verfügung steht, und sie bat mich, ich solle doch den Alten spielen.

Davon war ich aber gar nicht begeistert, denn erstens bin ich dafür viel zu klein, zweitens ist die Stimme nicht rau genug und drittens hätten mich die Kinder doch vermisst oder mich auch erkannt. Nun war guter Rat teuer. Alle Geschenke waren schon in einem großen Sack verstaut und das Kostüm samt Larve lag vor der Tür. Ich war hin und her gerissen und fasste den Entschluss, mich noch einmal an die frische Luft zu begeben, ehe ich dieses ungewollte Amt antrat. Wie ich nun so vor der Haustür stehe und nachdenke, kommt doch tatsächlich ein richtiger Weihnachtsmann daher gelaufen. Ich sagte gleich zu ihm: "Dich schickt der Himmel!" Beherzt fragte ich ihn, ob er mir aus dieser Misere helfen kann, und ich erzählte, dass da oben zwei kleine Mädchen sehnsüchtig auf den Weihnachtsmann warten. Er konnte meiner Bitte nichts entgegensetzen und er hatte trotz Zeitnot Verständnis für meine Notlage. Als wir die Treppe zum zweiten Stock geschafft hatten, wusste er nun, dass die beiden Mädchen Ivonne und Kathleen heißen. Er nahm den vollen Sack mit den Geschenken und klopfte kräftig mit der Rute an die Tür. Als meine Tochter öffnete, staunte sie nicht schlecht, dass ich ganz normal eintrat und hinter mir der Weihnachtsmann stand. Nun konnte endlich die Bescherung ihren Lauf nehmen und die Kinder hatten nichts von der vorangegangenen Aufregung mitbekommen. So war der Heilige Abend gerettet.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.09.2014

Kasel, Beatrice

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