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Gut Holz! in Leipzig – mit Leidenschaft aus dem Rollstuhl heraus

Behinderten-Freizeitsport Gut Holz! in Leipzig – mit Leidenschaft aus dem Rollstuhl heraus

Leipziger Behinderten-Kegelgruppe feiert fünfjähriges Bestehen und sucht bundesweit nach ebensolch sportlichen Gegnern zwecks Wettkampf

Lieben ihren Freizeitsport: die (an dem Tag nicht vollzählige) Behinderten-Kegler. Anojeta Marggraf (l.) und Christa Dobbermann (r.) haben die hilfreichen Kegelschienen auf den Schultern liegen. Rechts hinten im karierten Hemd: Hartmut Ballenberger.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig.

Also kommen Würstchen und Steaks auf den Grill, steht ein Schnäpschen auf dem Tisch – und sitzt der treueste Verbündete, Hartmut Ballenberger, mit an der Freisitztafel. Denn auch, wenn man sich in den fünf Jahren der Vereinszugehörigkeit von den übrigen Lok-Sportlern „nicht sonderlich gut angenommen fühlt“, wie Marggraf sagt: Bei SV-Geschäftsführer Ballenberger wisse man sich „stets gut aufgehoben“. Der wiederum weiß noch zu gut, wie er und die Sportlerbaude zu dieser munteren Truppe – zwischen 60 und 77 Jahren alt – kamen: „Wir hatten hier Freizeitkegler, von denen ein Mitstreiter einen Schlaganfall erlitt und fortan im Rollstuhl saß. Damit er weiter am Spiel teilnehmen konnte, bediente er sich einer Kegelschiene. Das ging. Nur musste er im Rolli immer die Treppe zur Gaststube heraufgetragen werden, um auf die Kegelbahn zu gelangen. So beschlossen wir damals, eine Rampe zu bauen und generell etwas mehr Barrierefreiheit zu schaffen.“

Was mit viel Eigeninitiative und freundlichst zugedachten Fördermitteln passierte. „Als die Rampe stand, wurden wir gebeten, sie zu testen“, fährt Marggraf, zugleich BVL-Vorsitzende, fort. „Also rollte ich mit meinen Leuten an – und entdeckte die Kegelbahn. Und da kam mir die Idee: Mensch, hier könnten wir eine Kegelgruppe aufbauen.“ Der SV Lok schaffte daraufhin mit Spendenhilfe eine zweite Kegelschiene an. Am 15. Juni 2012 schließlich traten die Rolli-Kegler mit ihren Begleitern erstmals untereinander in den Wettstreit. Seit her wünscht man sich „Gut Holz!“. Regelmäßig. Dafür nehmen die (für gewöhnlich zwölf) Damen und Herren – die meisten sitzen im Rollstuhl – Anfahrten unter anderem aus Holzhausen, Grünau, Wiederitzsch oder Paunsdorf in Kauf.

„Der Treff bedeutet mir sehr viel“, betont Hannelore Sittner. „Mein Mann ist verstorben, ich lebe allein, da sucht man solche Zusammenkünfte. Ich muss hier ja auch keine Pokale gewinnen. Dabeisein ist alles!“ Und klar, etwas Bewegung, so gut es eben geht, sei nie verkehrt. Christine Knospe indes gesteht frank und frei, sie lasse sich nach dem Kegeln immer gern „das dufte Gaststätten-Essen“ im Kreise der Truppe schmecken. Selbst Bernd Allritz mag den Termin nicht missen. Er steht auf gesunden Beinen und begleitete bislang seine Frau, die auf den Rolli angewiesen war. Anfang des Jahres ist sie gestorben. „Doch der Bernd gehört längst zu uns“, lassen Christa Dobbermanns Worte auf gewachsene Bindungen schließen.

Und dann gibt es ihn an diesem Feier-Freitag doch noch: den Abstecher auf die Kegelbahn. Ein Erinnerungs- sprich Pressefoto muss sein. Jeweils zwei Rolli-Fahrer rollen also vor, bekommen die Laufschienen auf die Schultern gelegt und sodann die Kugeln gereicht – und schon geh’n sie ab. Kollektiver Jubel für Ilona Winkler! Alle Neune! Die 72-Jährige ist der Kegelneuling im Team, erst das dritte Mal dabei – und doch lässt sie gleich ungeahnte Talente ahnen. „Es ist nämlich gar nicht so einfach, mit der Schiene die Kugel so auszutarieren, dass sie einen optimalen Lauf bekommt“, gibt Christine Knospe zu verstehen. „Da geht es mitunter um einen Millimeter“, ergänzt Marggraf und bekennt selbstironisch, dass sie schon einen Pokal habe: den für die„Rattenkönigin“.

Nun, welche Pokale in der Truppe auch immer die Runde machen: „Wir wünschten uns schon, mal gegen eine andere Behinderten-Kegelgruppe aus dem Bundesgebiet anzutreten“, sagt Marggraf. Nach langer Internetrecherche fand sich zwar ein Gegner in Bayreuth, doch der ließ dann nie wieder etwas von sich hören. „Dabei hatten wir für die Mannschaft schon die Übernachtung klargemacht und die Finanzierung durch die ,Aktion Mensch‘ organisiert.“ Allerdings verbinde sich mit dem Wunsch, richtige Wettkämpfe zu erleben, auch ein weiteres Problem: „Wir benötigen hilfsbereite Menschen, die uns dabei die Kugeln in die Hand reichen. Daran mangelt es uns aktuell noch sehr“, sagt BVL-Chefin Marggraf.

Von Angelika Raulien

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