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Gut ausgebildet, hoch motiviert, Zukunft in Leipzig: Zuwanderer im Porträt bei LVZ-Online

Gut ausgebildet, hoch motiviert, Zukunft in Leipzig: Zuwanderer im Porträt bei LVZ-Online

Deutschland zieht immer mehr Zuwanderer an: Laut einer OECD-Studie nimmt Deutschland Platz zwei hinter den Vereinigten Staaten als Einwanderungsziel ein. Mehr als 400.000 Zuwanderer kamen 2012 nach Deutschland, und auch Leipzig spiegelt diesen Trend wieder.

Leipzig. Arbeit, Liebe, Kultur, oder einfach nur der Wunsch, etwas Besonderes aus dem Leben zu machen - die genaue Gründe für Zuwanderer, nach Sachsen zu kommen, sind so vielfältig wie ihre Herkunftsländer. Die Studie zeigt: Neuankömmlinge sind immer besser qualifiziert. Auf gebildete und erfolgreich integrierte Arbeitskräfte sei der Freistaat auch angewiesen, so zumindest der sächsische Innenminister. Andererseits fürchten viele auch eine Sozialzuwanderung. LVZ-Online sprach mit drei Neu-Leipzigern aus Spanien, Polen und Amerika über ihre persönlichen Motive und Herausforderungen.

Der Betriebswirt: „Ich will meine Ausbildung nicht verschwenden“

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José Izquierdo, Betriebswirt.

Quelle: Krysta Brown

Um 8.30 Uhr früh schaut José Izquierdo aus dem Fenster seiner Eutritzscher Wohnung in die dicken grauen Wolken der Messestadt. Ein starker Unterschied zu dem stets blauen Himmel seiner spanischen Heimat und etwas, woran er sich anfangs gewöhnen musste. Er muss sich nun beeilen: In einer halben Stunde geht es los im Integrationskurs in Stadtteil Stötteritz, und der hohen Stellenwert der Deutschen an Pünktlichkeit hat er bereits schon miterlebt.

„Man hat schon irgendwelche Vorkenntnisse von kulturellen Unterschieden, wie zum Beispiel Pünktlichkeit, Begrüßungen und Sprachlautstärke“, sagte der 32-jährige Betriebswirtschaftler, lachend. „Doch es ist schon was anderes, wenn man hier ist, und das alles mit eigenen Augen sieht.“

Als Spanier gehört Izquierdo zu den neuen Bewegungen von Zuwanderern nach Deutschland sowie nach Leipzig. Mit mehr als 7,6 Millionen ist die Zahl von ausländischen Einwohnern in Deutschland höher als je, so das Statistische Bundesamt. Dieser Trend ist im Kleinen auch in Leipzig zu sehen: Nach städtischen Angaben kamen 2013 mehr als 9.000 Neuzuwanderer in die Messestadt – hauptsächlich aus Spanien, Polen und Portugal, aber auch aus außerhalb der EU.

Im Vergleich zu anderen Großstädten sei Leipzig „einfach besser für den Anfang“, betonte Izquierdo. „Fürs Deutschlernen ist die Stadt ideal: es fühlt sich international an, es gibt viele Studenten und viele günstige Wohnungsangebote.“

Trotzdem zeigen sich immer wieder die Sprache und Kultur als besondere Herausforderungen für viele Zuwanderer. Durch Integrationskurse versuchen viele Neulinge, sich besser der deutschen Gesellschaft anzupassen. In Leipzig werden diese Kurse immer stärker nachgefragt – fast alle Kursanbieter berichten in letzter Zeit von einem großen Zuwachs. Inzwischen entstehen oft lange Wartelisten.

Izquierdo will sich vor allem sein Studium und sein Wissen zunutze machen: Wegen der Wirtschaftskrise in seiner Heimat ist er im Januar dieses Jahr nach Deutschland gezogen. Und, weil die Arbeitsituation in Spanien sein Wunsch nach persönlicher Entwicklung nicht ermöglicht, hat er woanders gesucht. „Ich hätte bestimmt in Spanien bleiben können und im Restaurant oder so arbeiten“, erklärt er. „Aber ich will eine Arbeit finden, die mir gefällt.“

In Deutschland sind die langfristigen Arbeitsmöglichkeiten besser als in Großbritannien und woanders, meinte er. Allerdings hat er sich schon bei mehr als 30 Firmen im Lande beworben, bisher ohne Erfolg. Das liegt möglicherweise daran, dass viele Arbeitgeber mindestens B2 Niveau verlangen, wobei andere immer noch nur schwer einen fremden Berufsabschluss erkennen wollen, meinte Olaf Hennig, Vorsitzender eines Kursanbieters in Lindenau. Nach den Europäischer Referenzrahmen für Sprachen gibt es insgesamt sechs Sprachniveaus: A1 für komplett Anfänger bis zum C2 für fast perfekten Kenntnissen.

Da die Förderung der Integrationskurse durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nur bis zum Niveau B1 testet, kann diese Voraussetzung für ein B2-Niveau zu Problemen führen, meinte der Geschäftsführer des Community of Practice Vereins. „Viele Berufe und Berufsbildungen verlangen mindestens ein B2 Niveau, aber dies wird nicht vom BAMF gefördert und somit gar nicht getestet“, so Hennig. „Es gibt also eine Lücke dazwischen.“

Die Architektin: Aus Liebe hergezogen

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Maja Jozefiak, Landschaftsarchitektin.

Quelle: Krysta Brown

Maja Jozefiak hat ihre rosarote Brille aufgesetzt: Frisch verheiratet, die junge Polin sieht nur Möglichkeiten für die Zukunft. Die Landschaftsarchitektin ist bereits sechs Monate in Deutschland und macht seit drei Monaten einen Integrationskurs in Lindenau. Ihr Mann, ein Robotertechniker, ist letztes Jahr aus Polen ausgewandert, um als Programmierer bei einer Leipziger Firma zu arbeiten. „Ich wollte dann natürlich mitkommen“, sagte die 24-Jährige in fast-perfektem Englisch mit charmantem Akzent.

Aktuelle Zahlen verzeichnen seit 2011 eine steigende Zahl von Zuwanderern in Sachsen. Die meisten davon sind jung und gut ausgebildet, und mehr als die Hälfte kommen wegen einer Berufstätigkeit. Fast ein Viertel davon kommen aus Polen, Russland und der Ukraine.  

Die Arbeitssituation in Polen ist nicht die Beste, meinte sie, aber sie hätte es trotzdem in ihrem Beruf noch schaffen können. Nach einem fünfjährigen Master of Science in Engineering hat sie, zusammen mit einer Freundin, ein eigenes „Start-Up“- Landschaftsunternehmen gegründet. „Als Landschaftsarchitektin gab es nicht so viele Arbeitsmöglichkeiten in meiner Stadt, aber es gab genug, und ich war selbstständig“, erklärte sie. „Ich könnte meine eigenen Projekte durchführen.“

Nun macht sie einen neuen Anfang als Ehefrau in einer fremden Stadt. Die Integrationskurse dienen dazu, dass sie sich besser an die Kultur gewöhnen kann. Dort wird nicht nur die Sprache vermittelt, sondern auch gesellschaftlich relevante Themen wie Politik und Geschichte. „Die kulturellen Unterschiede sind auch schwierig“, sagt sie. „Es ist oft schwierig, andere Leute kennenzulernen. Man fühlt sich schon etwas von der Gesellschaft ausgeschlossen.“

Diese wahrgenommene Verschlossenheit der Deutschen könnte ihre Wurzeln in der Geschichte haben, so der Vorsitzender des Deutsch-Russischen Zentrums Herbert Schmidt. In der ehemaligen DDR hatten die Ostbürger nur wenig Kontakt mit Ausländern – nur etwa ein Prozent der Bevölkerung war nicht-deutsch. Die plötzlichen Strömungen von Spätaussiedler nach der Wende sorgten öfter für hohe Anspannung, und die Zuwanderer wurden nicht immer mit offenen Armen empfangen, so Schmidt. „Der zurückhaltende Empfang bei ihren deutschen Nachbarn damals lag teils daran, dass die als Konkurrenz für kaum vorhandene Arbeitsplätze gesehen wurden“, erklärte Schmidt.

Vielmehr aber gebe es eine soziologische Auswirkung der DDR-Mentalität, die nach der Wende geblieben ist – und die teils heute noch zu sehen ist. Laut der Soziologin Helena Flam der Uni Leipzig: „ Es beruht auf dem Begriff 'Volkssolidarität', was zu DDR-Zeit weit verbreitet wurde und besonders im Osten noch zu sehen ist. Diese negative Einstellung gegen Zuwanderer sieht man im Arbeitsmarkt sowie in der Schule.“

Nach dem Gesetz sollen EU-Bürger und Deutschen mit Migrationshintergründen beim Arbeitsmarkt gleichgestellt werden – problematisch ist, diese Voraussetzung wird kaum nachgeprüft, wie in Großbritannien oder Schweden. Von daher weiß man nicht, ob diese Regelungen gehalten werden oder nicht, erklärte Flam. Sie und ihre Kollegen des Instituts für Soziologie hatten vor acht Jahren Interviews mit zahlreichen Beamten, Lehrkräfte, NGO-Mitglieder und Angestellte an Migrationsbehörden in Leipzig und Augsburg durchgeführt. Das Ergebnis: „Leipzig sagte immer noch: Zuerst die Deutschen“, erklärte Flam. Zur erfolgreichen Integration stellt diese Nachhaltigkeit der DDR-Mentalität gegenüber Ausländer eine besondere Herausforderung dar. Eine vorherige OECD-Studie stellte zugleich dieser Trend zur deutschen Arbeitsmigration dar.  

Beim Integrationskurs findet man allerdings einen gemeinsamen Treffpunkt mit Teilnehmern aus der ganzen Welt. Dort hat sie ihre Kollegin Katarina Kokot kennengelernt. Die 25-Jährige aus Polen gehört auch zu den neuen Einwanderungsgruppen in Leipzig, aber mit einer anderen Motivation. „Das Leben in meiner Heimat ist eine Katastrophe – hier habe ich eine Familie und eine bessere Zukunft“, meinte die junge Kosmetikerin. Ihre Schwester und Schwager wohnen seit einigen Jahren schon in Deutschland und haben eine Firma gegründet.

Nach dem Integrationskurs hoffen die beiden auf eine Arbeit in ihren Berufen. „When you really want something, there’s always a way to make it happen (wenn man etwas wirklich will, ist es immer möglich, sein Ziel zu erreichen) “, ergänzt Jozefiak, strahlend und optimistisch.  

Der Jazz Musiker: Das Verlangen nach Familie und Kultur

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Corey Lareau, Musiker.

Quelle: Krysta Brown

„Für mich war es vor allem die Liebe, die mich hierher gebracht hat“, sagt der Amerikaner Corey Lareau lachend. Dazu aber auch die kulturellen Angebote, Musik-Geschichte und die Familienfreundlichkeit der Stadt. „Es gab viele Gründe, hierherzuziehen“, sagt er weiter.

Diese Gründe haben auch zu seiner musik- und kulturfreudigen Familie gut gepasst: Der 40-Jährige ist selbst Musiklehrer und Jazz-Musiker. Seine Frau ist Opernsängerin und gebürtige Leipzigerin. Nach 15 Jahren zusammen in den Staaten wollten die beiden eine neue Familie in ihrer Heimatstadt gründen. Nun haben sie einen einjährigen Sohn, Emmett, und die Schwager sind nicht allzu weit entfernt. „Wir wollten etwas Neues probieren“, sagt er.

Insbesondere sei die Stadt der perfekte Ort für Kinder: Die vielen Parks, Grünflächen und kulturellen Angeboten boten eine willkommene Abwechslung zu dem Chaos der amerikanischen Stadt Boston. „Die Städte sind ungefähr die gleiche Größe, aber Leipzig fühlt sich irgendwie kleiner und gesellschaftlicher an“, meinte der ehemalige New Yorker. „Ich habe das Gefühl, in der deutschen Kultur wird mehr Wert auf Familie und Zusammensein gelegt.“

Lareau ist einer von mehr als 1500 Zuwanderern außerhalb der EU, die allein im Jahr 2012 nach Leipzig zogen. In den letzten zwei Jahren lockt die Stadt neue Zuzüge aus China, den USA und Polen. Allerdings steht Leipzig, mit nur 5,9 Prozent Ausländeranteil, relativ weit unten im Vergleich zu den westdeutschen Großstädten: Bis zu einem Viertel der Bevölkerung in Köln, München und Frankfurt am Main haben Migrationshintergründe.

Wie Lareau suchen einige von diesen neuen Zuwanderern neue Erlebnisse, und somit auch neue Wege in die Zukunft: für die Familie Lareau liegt der Fokus zurzeit mehr auf der Familie. Für José Izquierdo, auf  Selbstverwirklichung. Noch andere, wie Maja und Katarina, kamen erst durch familiäre und ethnische Bindungen. Im Endeffekt aber haben viele der neuen Zuwanderer einiges gemeinsam: die Motivation, in ihrem neuen Zuhause ein produktives Leben zu führen.

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Krysta Brown

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