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Lokales Gut behütet: Wie eine Leipzigerin den Darmkrebs besiegte
Leipzig Lokales Gut behütet: Wie eine Leipzigerin den Darmkrebs besiegte
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06:03 25.04.2018
Ein Leipziger Pferdetrainer hatte ihr vor der Operation das Hufeisen geschenkt. Ein Neffe, der im Vatikan lebt und arbeitet, hatte an anderer Stelle ein gutes Wort eingelegt: Katharina Dietrich, 60, mit der Chirurgin Christina Klein, 49, und Onkologe Christian Prause, 36, im Helios Park-Klinikum. Quelle: Armin Kühne
Leipzig

Wenn am Maifeiertag die Pferde im Scheibenholz aufgaloppieren, wird Katharina Dietrich selbstverständlich da sein. Und Hut tragen. Genauso wie sie Hut trägt, wenn sie in Dubai, Paris, Rom, Tokio oder Bad Doberan an der Rennstrecke mitfiebert. Stolz zeigt die Leipzigerin Hochglanzmagazine mit arabischen Schriftzeichen und die ausgerissene Seite einer französischen Tageszeitung. Überall ist sie abgebildet. Im Blümchen-Kleid oder umhüllt von der Trikolore. Unter einem bunten Schirm. Auf jedem Foto ein anderer Hut. Jeden davon hat sie selbst gestaltet.

Mitte August 2017 ist Katharina Dietrich nach einer Operation in einem Krankenhausbett aufgewacht, und ihr erster Blick ging nicht auf den Verband, der ihre Narbe am Bauch verdeckte. Nein, sie ertastete ihren Kopf – und spürte: einen Hut! Na, Gott sei Dank. An dem Tag war ihr ein Tumor aus dem Dickdarm entfernt worden. Sie habe schnell eingesehen, dass sie ohne Hut in die Narkose dämmern musste, erzählt sie. „Aber ich bat darum, dass sie mir einen Hut aufsetzen, bevor ich aufwache.“ Die Pfleger hielten ihr Versprechen. Und wurden in den folgenden Tagen belohnt: Bei jeder Visite überraschte sie das Klinik-Team mit neuer Kopfbedeckung.

Gut behütet fühlte sich Katharina Dietrich in dem Krankenhaus aber sowieso. „In guten Händen“, sagt sie. Ihre Chirurgin Christina Klein, Oberärztin im Helios Park-Klinikum Leipzig, glaubt, dass die optimistische Lebenseinstellung maßgeblichen Anteil an der Genesung hat: „Das erleben wir immer wieder. Ob nun an einem Hut auf dem Kopf zu erkennen oder einfach an einem Lächeln im Gesicht.“ Noch wichtiger jedoch sei, dass Katharina Dietrichs Tumor so früh entdeckt wurde, sagt Christian Prause, Onkologe im Park-Klinikum. „Es ist das Tückische am Darmkrebs, dass man die Symptome kaum spürt, bis die Krankheit schon weit fortgeschritten ist. Eine regelmäßige Vorsorgeuntersuchung ist daher entscheidend.“

Allerdings sah Katharina Dietrich das zunächst anders. Zumal eine Routine-Untersuchung noch im Juli ohne Befund geblieben war. Ihre Hausärztin riet ihr dennoch zur Darmspiegelung. „Ich solle das doch hinter mich bringen, um unbeschwert meinen 60. im Oktober zu feiern, überredete sie mich schließlich“, erzählt die Patientin. Und nicht nur der runde Geburtstag stand an: Für November war ein Flug nach Tokio zum Pferderennen gebucht.

Gütesiegel für Krebs-Behandlung

Nachdem sie den Vorsorge-Check Anfang August hinter sich gebracht hatte, rückten jedoch beide Pläne in den Hintergrund. „In der Arztpraxis schauten sie alle so traurig“, erinnert sich Katharina Dietrich. Eine Woche später bestätigte ein Pathologe die Diagnose: Darmkrebs. Schon zehn Tage danach wachte sie gut behütet im Helios Park-Klinikum auf.

Die Deutsche Krebsgesellschaft hat das Leipziger Krankenhaus gerade als Viszeralonkologisches Zentrum zertifiziert. Im Umkreis von rund 100 Kilometern, bis Jena und Dresden, besitzt in der Region keine weitere Klinik dieses Gütesiegel, das die hervorragende Behandlung von Krebs im Bauchraum auszeichnet. Katharina Dietrich hat erlebt, was das Zertifikat mit sich bringt. Schon am Tag nach dem Eingriff saß eine Ernährungsberaterin an ihrem Bett: Ein operierter Darm verträgt nicht jedes Essen. Psychoonkologen und eigens geschulte Pflegekräfte gehören zum Netzwerk. In einer sogenannten Tumorkonferenz beraten Chirurgen, Onkologen, Strahlentherapeuten, Radiologen und Labor-Spezialisten jeden einzelnen Fall und konsultieren bei Bedarf weitere Experten. Wird etwa ein Krebspatient aus dem benachbarten Herzzentrum überwiesen, schätzt sein dortiger Arzt in der Konferenz ein, ob dessen Herz eine Darm-OP überhaupt verträgt.

Für Katharina Dietrich hatten die Klinik-Mitarbeiter bereits vor der Operation einen Kurplatz gefunden: Sechs Tage, nachdem der Tumor entfernt war, bezog sie ihr Zimmer im Kurort Bad Elster. Die 60-Jährige gilt als geheilt – wie etwas mehr als 50 Prozent der Darmkrebspatienten im Park-Klinikum, so Oberärztin Christine Klein. Als Leiterin des Viszeralonkologischen Zentrums trägt sie Sorge dafür, dass die Fäden des Netzwerks verknotet bleiben. Die Deutsche Krebsgesellschaft überprüft regelmäßig, ob die Bedingungen für das Zertifikat noch erfüllt sind.

„Die Vorsorge ist eine große Chance“

Seit 2002 raten die Krankenkassen ab einem Alter von 55 zur Darmspiegelung im Fünfjahresrhythmus – und bezahlen sie auch. In Deutschland geht etwa ein Fünftel der Menschen im entsprechenden Alter zur Vorsorge. Bei der Prozedur entfernen die Ärzte sogleich Darmpolypen, die als Vorstufe zum Darmkrebs gelten. In der Region Leipzig ist die Fallzahl in 15 Jahren um etwa 20 Prozent zurückgegangen. Ließen sich alle ab dem sechsten Lebensjahrzehnt regelmäßig den Darm spiegeln, könnte die Darmkrebs-Mortalität fast auf Null sinken, vermuten die Krebs-Spezialisten Klein und Prause. „Die Vorsorge ist eine große Chance“, sagt Prause. „Um Tumore in anderen Bauchregionen zu entdecken, etwa in der Bauchspeicheldrüse, gibt es kein vergleichbares Verfahren.“

Weil die Forschung davon ausgeht, dass erbliche Faktoren beim Darmkrebs eine Rolle spielen, hat Katharina Dietrich ihrem erwachsenen Sohn das Versprechen abgerungen, dass auch er zur Untersuchung geht – und irgendwann seine Tochter hinschickt. „Ich habe jetzt drei Mal im Jahr Geburtstag“, sagt sie ein gutes halbes Jahr, nachdem sie ihren 60. dann doch feiern konnte. „Am Tag, an dem ich geboren bin, am Tag meiner Darmspiegelung und am Tag, an dem Doktor Klein mir gesagt hat, dass ich geheilt bin.“ Sogar mit dem Flug nach Japan zum Tokio Cup im November hat es geklappt. Samt Hut selbstverständlich.

Von Mathias Wöbking

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