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HHL-Chef: „Leipzigs City wird eine Mustermesse“

Andreas Pinkwart im Interview HHL-Chef: „Leipzigs City wird eine Mustermesse“

Was muss eine Stadt mitbringen, um in Zukunft erfolgreich zu sein, worauf kommt es an? Und wie steht Leipzig im Vergleich zu anderen Städten da? Was zeichnet die Stadt aus? Andreas Pinkwart, Rektor der HHL, beschäftigt sich wissenschaftlich mit diesem Thema – und im Interview mit der LVZ.

Andreas Pinkwart (56), Rektor der HHL Leipzig Graduate School of Management und Lehrstuhlinhaber für Innovationsmanagement und Entrepreneurship
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.  Was muss eine Stadt mitbringen, um in Zukunft erfolgreich zu sein, worauf kommt es an? Und wie steht Leipzig im Vergleich zu anderen Städten da? Was zeichnet die Stadt aus? Andreas Pinkwart beschäftigt sich wissenschaftlich mit diesem Thema – und im Interview mit der LVZ.

Warum befassen sich Betriebswirtschaftler von der HHL mit der Stadt der Zukunft?

Die Städte sind das Aktionsfeld vieler Bereiche, mit denen auch wir als HHL uns befassen – Unternehmen, Handel, Wissenschaft, Medien und Kulturwirtschaft. All diese Bereiche unterliegen einem massiven Wandel – und das hat erhebliche Auswirkungen auf die Zukunft der Stadt. Globalisierung und Digitalisierung wie auch Neo-Ökologie verändern unsere Städte – und zwar mit einem enormen Tempo.

Wie sieht die Leipziger Innenstadt aus, durch die wir in 20 Jahren spazieren? Gehen wir dann überhaupt noch durch die Stadt spazieren? Oder kaufen wir da gar nichts mehr ein, sondern bestellen alles online?

Wir werden uns in der Innenstadt bewegen und uns gerne dort aufhalten, sie bleibt der Ort des Austausches und der Unterhaltung, noch mehr als bislang. Sicherlich ändert E-Commerce die Logistikkette. Es werden weniger Fertigprodukte in die Innenstadt geliefert und dann von den Kunden dort wieder in die Stadteile und ins Umland zurücktransportiert. Aber die Stadt wird weiter der Ort sein, an dem man das Neue vorstellt und erklärt, und sei es nur in virtueller Form. Dieser Gedanke der Mustermesse, der ja aus Leipzig kommt, wird den innerstädtischen Handel der Zukunft stark prägen. Dabei gewinnen die persönliche Beratung und der Event-Charakter einen immer größeren Stellenwert. Die handwerksähnliche Produktion kehrt über den 3D-Druck in die Innenstadt zurück. Individuelle Lösungen werden auf diese Weise zu bezahlbaren Preisen möglich. Zudem erwarten uns völlig neue Formen der umweltfreundlichen Mobilität bis hin zum selbst- und vernetzt fahrenden Elektrofahrzeug.

Also ist die Debatte zum Thema Wirtschaftsverkehr, gegen eine Behinderung des Automobilverkehrs in der Stadt, eigentlich eine Debatte von gestern?

Nein, an der Mobilität der Zukunft arbeiten wir ja noch. Ich kann nicht eine Lebensader abschneiden, ohne eine Alternative anzubieten. Was wir brauchen ist ein fairer Wettbewerb um beste Lösungen für morgen. Hierzu müssen die verschiedenen Verkehre umweltfreundlich aufeinander abgestimmt und neue Mobilitätskonzepte entwickelt und ausprobiert werden – wie etwa Bike- und Car-Sharing. Hierzu zählt die kabellose Stromübertragung im ruhenden Verkehr wie auch auf Zufahrtstraßen etwa über Induktionsschleifen. Der öffentliche Nahverkehr hat ebenfalls noch Potenzial. So sind die S-Bahn-Unterführung und die Leipziger Tram genial, weil sie das Umland und die Stadtteile hervorragend einbinden. Allerdings werden die Grenzen zwischen Individual- und öffentlichem Nahverkehr künftig noch fließender.

Welche Städte werden in Zukunft die Nase vorn haben?

Wir hatten lange Zeit eine Stadt-Land-Wanderung, weil die Städte vor allem für Familien aber auch für Betriebe nicht mehr attraktiv waren, man strebte aufs Land. Die Zeiten sind vorbei, die Städte sind in jeder Hinsicht lebenswerter geworden, sie sprechen den Menschen mit seinen Sinnen, Fähigkeiten und Begabungen an – durch ein reiches Kultur- und Bildungsangebot zum Beispiel. In Leipzig begeistert alle Besucher, dass die Hochschulen im Zentrum der Stadt sind. Da gehören sie auch hin, denn da findet der Austausch, der Diskurs statt. Und die Menschen haben viel zu besprechen, weil sich ihr Umfeld und ihr Leben dynamisch verändern und in eine nächste Stufe hinein entwickeln. Manche Städte leiden erkennbar darunter, dass sie die Hochschulen aus den Innenstädten verbannt haben. Auf diese Weise geht verloren, was Städte heute und in Zukunft so spannend macht: der lockere Austausch zwischen unterschiedlichen fachlichen Ausrichtungen, Ideen und Kulturen sowie die schnelle informelle Wissensaufnahme und Verbreitung.

Also ist Leipzig für die Zukunft gut aufgestellt?

Ja, hervorragend. Die Stadt ist offen für neue Ideen und Konzepte, sie hat eine enorme Transformation hingelegt und ist erfolgreich. Das brauchte Zeit, aber es ist Großartiges gelungen. Wir haben bereits starke Partner hier. Was wertgeschätzt wird, ist die ebenso vielseitige wie überschaubare Stadt, sind die kurzen Wege. Alle zentralen Einrichtungen sind fußläufig und ohne Steigungen erreichbar. Das gibt es in kaum einer anderen Stadt dieser Größenordnung. Und: Leipzig hat im Vergleich zu anderen Städten so viele Fähigkeiten und Stärken, dass sie ihr Glück nicht in der Nische suchen muss, sondern mit ihren Pfunden wuchern kann. Weiterer Vorteil: Es gibt noch freie Fläche im Außenring, die in Breite wie Höhe für bezahlbares Wohnen und moderne Arbeit genutzt werden kann, weil die Bürger dieser Stadt schon vor hundert Jahren mutig gedacht und geplant haben. Das schafft Raum für Fantasie und eine weitere dynamische Stadtentwicklung.

Braucht es bestimmte Menschen für eine erfolgreiche Stadt?

Es entwickeln sich besonders jene Städte erfolgreich, die „smarte“ Menschen anziehen können. Menschen, die über Wissen und Unternehmergeist verfügen, die risikobereit und weltoffen sind, die Dinge vorantreiben wollen. Diese Menschen suchen sich Städte, die spannend sind, die sie kulturell anregen, die familien- und umweltfreundlich sind, kurze Wege ermöglichen und wo sie auf andere weltoffene Leute treffen. Von solchen dynamischen Menschen hat Leipzig – auch relativ zur Größe – sehr viele. Ihre starke Tradition als Bürger-, Freiheits- und Messestadt wird von den Bürgern hochgehalten und mit neuem Leben erfüllt, das macht Leipzig glaubwürdig und lebenswert. Dazu kommt: Wir haben eine gute Durchmischung – von junger und älterer Bevölkerung, von Studenten und Geschäftsleuten; man spricht und lernt voneinander. Mit dem Erfolg im Fußball setzt man sich national noch mal ganz anders mit Leipzig auseinander. Und wer nach Leipzig kommt, ist von der Stadt, ihrer architektonischen hochwertigen Weiterentwicklung, dem bürgerschaftlichen Engagement und den gelebten Werten schnell begeistert.

Welche Werte meinen Sie genau?

Freiheit, Weltoffenheit, Toleranz, Humanität. Hier steht der Mensch nicht im Wege, sondern im Mittelpunkt – der Musik, der Literatur, der Medizin, der Wissenschaft und dem Sport. Uni, HTWK, HHL und die Forschungsinstitute haben den Menschen, sein Verhalten und seine Entwicklungsmöglichkeiten im Blick. Das sollten wir uns noch mehr bewusst machen. Früher waren andere Bereiche entscheidend. Rohstoffe, Maschinen, technische Ausrüstung. Das ist auch künftig von Bedeutung. Aber im Zentrum der neuen Entwicklung steht der Mensch. Er rückt auch als Konsument vom Ende der Lieferkette immer stärker ins Zentrum – und das kann Leipzig. Die anderen haben Rohstoffe in der Erde. Wir haben den Rohstoff „Wissen und Können“ in unseren Genen. Diese müssen wir weiterentwickeln und in die neue Zeit transformieren.

Sind wir tatsächlich international genug?

Die Stadt ist international, aber das kann weiterentwickelt werden – keine Frage. Unsere internationalen Studenten fühlen sich hier sehr wohl und gut aufgenommen. Ich führe das auf die lange Messetradition der Stadt zurück; man hat hier über Jahrhunderte gelernt, dass es einen eigenen Vorteil bringt, offen zu sein für andere Kulturen und Nationalitäten. Und das ist nicht künstlich aufgesetzt, etwa durch eine Marketingkampagne nach dem Motto „Wir wollen jetzt mal weltoffen sein“. So etwas funktioniert nicht. Nein, das ist in dieser Stadt kulturell ganz tief verankert und wird sofort wahrgenommen. Allerdings muss daran auch weiter gearbeitet werden, damit es so bleibt. Wir müssen uns kümmern, damit internationale Studierende, Wissenschaftler und Unternehmer auch künftig gerne nach Leipzig kommen, sich wohlfühlen und bleiben wollen. Wenn man starke Werte und Wurzeln hat wie diese Stadt, dann überdauert das auch Diktaturen.

Sie betonen die Pluralität. Leipzig – Stadt der Friedlichen Revolution, der Kunst, der Musik, der Wissenschaft. Verzetteln wir uns da nicht? Sollten wir uns in der Außendarstellung nicht auf etwas konzentrieren?

Entscheidend ist ein überzeugendes Grundverständnis: Der Mensch muss sich entfalten, kreativ und innovativ sein können. Die Informatikerin. Der Künstler. Die Start-up-Gründerin. Der Kaufmann. Die Ärztin. Der Lehrer. Die Unternehmerin, die Umbrüche selbst gestaltet, Chancen der Veränderung nutzt – anstatt zu klagen und nach dem Staat zu rufen. Der Mensch in seiner Vielseitigkeit, Verschiedenheit, mit seinen unterschiedlichen Talenten und Interessen, der ein Umfeld braucht, in dem er sich vielseitig entwickeln, aber auch soziale Verantwortung wahrnehmen kann. In diesem Sinne brauchen wir ein plurales Verständnis. Ein Stadtmarketing kann nicht sagen: Wir machen nur Oper, oder nur Wissenschaft – das wäre der falsche Ansatz, weil die „smart people“ viele Talente und Interessen mit ihren Familien zur Entfaltung bringen wollen. Leipzig ist für mich daher ein Ort, der eher für ein Lebensgefühl und die besondere Fähigkeit steht, Menschen in ihrer Vielfalt zu verstehen, sie voranzubringen und sie zu begeistern.

Sie haben viel von den Erfolgreichen gesprochen, die es braucht, damit eine Stadt erfolgreich wird und bleibt, von den „smart people“, von den Start-up-Gründern. Aber was ist mit denen, die nicht erfolgreich sind? Was ist mit den Abgehängten? Wie nimmt man die mit, wie können die profitieren?

Die Verantwortung für den nächsten ist ganz wichtig für eine lebenswerte Stadt, weil es immer Gewinner und Verlierer geben wird. Das zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Zivilisationsgeschichte. Die Stadt bietet für die Menschen seit der Frühzeit aber auch Sicherheit und bessere Chancen – ohne Gleichmacherei. Die Stadt muss in der Lage sein, Menschen aufzunehmen, aufzufangen, ihnen neue Chancen zu geben. Hier ist die Bürgergesellschaft in der Mitverantwortung. Sicherlich brauchen wir eine funktionsfähige kommunale und öffentliche Infrastruktur. Aber wenn die Bürgergesellschaft nicht mitmacht, funktioniert es nicht. In Leipzig packt man an und findet innovative Lösungen, man integriert Menschen, gibt ihnen neue Chancen. Wir brauchen die Offenheit der Stadt für die verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Wer durch ein persönliches Schicksal oder den Strukturwandel seine Arbeit verliert, muss durch Bildungsangebote und gezielte Ansprache für neue Aufgaben gewonnen werden.

Die Stadtbevölkerung der Zukunft muss sich also Aufgaben auf den Tisch ziehen und sich verantwortlich fühlen für Themen, bei denen wir heute sagen: Das soll mal die Agentur für Arbeit machen...

Ja, auch dadurch, dass wir deren Arbeit aktiv unterstützen und für private Angebote sorgen. Um manche soziale Belange kann man sich ehrenamtlich sinnvoll kümmern, um manche auch unternehmerisch – Stichwort „soziales Unternehmertum“. Gerade „smart people“ sind bereit, ihr Können und ihre Netzwerke in den Dienst der Lösung sozialer Probleme zu stellen – wenn man sie nur lässt. So haben unsere Studenten etwa beim Umbau der Philippus-Kirche zum Hotelbetrieb geholfen – mit Marktanalysen und Business-Plänen. Oder karitativen Einrichtungen bei der Erstellung von Marketingkonzepten fürs Sponsoring. Das Social Impact Lab fördert gezielt Start-ups im sozialen Bereich. Aktuell haben wir gerade mit anderen Partnern Gründer ausgezeichnet, die sich besonders um das Gemeinwohl verdient machen.

Die Akteure in der wachsenden Stadt sind aber auch nicht vor Rückschlägen gefeit...

Das ist niemand. Wir haben aber in Leipzig Führungskräfte in Organisationen und Unternehmen, die bereit sind Verantwortung zu übernehmen und Risiken einzugehen, um etwas Neues zu wagen. Ich beobachte in dieser Stadt, dass nicht gefragt wird: Wo kommt die rettende Hand her, sondern dass gesagt wird: Da müssen wir uns nun was Neues einfallen lassen und dafür Partner finden. Und in der Regel findet man sie dann auch. Deshalb sind die Voraussetzungen für Innovation und Wandel gut. Wer Unternehmergeist nutzt und soziale Verantwortung übernimmt, macht sich und die Menschen in dieser Stadt glücklicher.

Von Björn Meine

Leipzig 51.339695 12.373075
Leipzig
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