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Handwerkskammer Leipzig will Flüchtlinge in Arbeit bringen

Projekt für Asylbewerber Handwerkskammer Leipzig will Flüchtlinge in Arbeit bringen

Die Handwerkskammer zu Leipzig (HWK) will bei der Integration von Flüchtlingen endlich Nägel mit Köpfen machen. Ein Projekt, das die HWK schon Anfang des Jahres vorgestellt hat, bekommt bislang keine Unterstützung von Bund und Land. Leipziger Abgeordnete auf beiden Ebenen hatte die Kammer vor Monaten angeschrieben. „Es gab viel verbale Wertschätzung“, erklärt HWK-Hauptgeschäftsführer Volker Lux.

Ein junger Mann aus Afghanistan konjugiert im Deutschkurs an einer Tafel das Verb „arbeiten“.

Quelle: dpa

Leipzig. Die Handwerkskammer zu Leipzig (HWK) will bei der Integration von Flüchtlingen endlich Nägel mit Köpfen machen. Ein Projekt, das die HWK schon Anfang des Jahres vorgestellt hat, bekommt bislang keine Unterstützung von Bund und Land. Leipziger Abgeordnete auf beiden Ebenen hatte die Kammer vor Monaten angeschrieben. „Es gab viel verbale Wertschätzung“, erklärt HWK-Hauptgeschäftsführer Volker Lux.

Die Idee: Die HWK will in ihrem Bildungs- und Technologiezentrum in Borsdorf ein „Jahr der Berufsorientierung“ installieren. Für Flüchtlinge, die das Asylrecht eindeutig in Anspruch nehmen können, die eine Perspektive haben, hierzubleiben und die ausbildungswillig sind. Begleitet werden sie von Sozialpädagogen und Ausbildern. „Zuerst stellen wir mit unseren Ausbildern Eignung und Neigung fest“, erläutert Volker Lux. Welche Fähigkeiten bringt die Person mit, welchen berufsspezifischen Möglichkeiten gibt es? Innerhalb der ersten sechs Wochen werden zudem Kontakte zu potenziellen Praktikumsbetrieben geknüpft. Das gesamte Konzept basiert auf einer ganztägigen Beschäftigung der Personen bis zu zwölf Stunden – inklusive Frühstück und einer warmen Mahlzeit sowie Mitgliedschaft im „SV Handwerk“ mit diversen Sportarten. Im Mittelpunkt stehen berufspraktische Bezüge. In Borsdorf gibt es für jüngere Teilnehmer auf Wunsch auch Internatsplätze. Bis zu 80 sind es derzeit – mit dem entsprechenden politischen Willen könnte die Kapazität ausgebaut werden. An das Jahr der Berufsorientierung könnte sich eine Ausbildung anschließen, wer ausbildungswillig ist, habe gute Chancen, heißt es. Die gesamte Integrationsmaßnahme dauert damit bis zu vier Jahre; sie enthält auch eine sprachliche Fortbildung. Das Gelände in Borsdorf ist bewacht und umzäunt. Klar ist für die HWK auch: Wer nicht mitzieht und sich nicht an hiesige Gesetze, Vorschriften und Arbeitsregeln hält, bekommt die Gelbe und notfalls die Rote Karte.

Die Sprachförderung: Deutschkenntnisse werden in Einheiten vermittelt – so viel, wie für den Job und das Leben in der Bundesrepublik zunächst nötig sind. Die HWK hält diese Kombination für sinnvoller als ganztägige Sprachkurse ohne Anbindung an mögliche spätere Jobs. „Ein Flüchtling, der Wochen oder Monate unterwegs war, kann nicht plötzlich acht Stunden am Tag auf eine Schulbank gesetzt werden“, sagt Volker Lux.

Die Erfahrungen: Die HWK hat bereits ähnliche Projekte mit spanischen Jugendlichen durchgeführt – mit Erfolg. Und: Zu Beginn der 90er-Jahre – während des massiven Einbruchs in der ostdeutschen Wirtschaft – haben Handwerker schon einmal geholfen, vielen Menschen per Umschulung eine neue Perspektive zu bieten. „Die Situation jetzt ist ähnlich“, sagt Volker Lux, „damals wurden Arbeitslose zu Gesellen in Handwerksberufen gemacht.“

Der Mehrwert: „Es geht darum, Vertrauen auf beiden Seiten zu bilden“, erklärt HWK-Geschäftsführer Lux. Zugleich werden die Teilnehmer mit den hiesigen Regeln und Werten vertraut gemacht. Die meisten Betriebe seien familiär geprägte Einzelunternehmen. „Das ist doch die bestmögliche Integrationsleistung“, meint Lux. Diese Leistung würde nicht durch den Umstand geschmälert, dass beteiligte Betriebe profitieren. „Dafür zahlen sie dann ja auch mehr Steuern.“ Schließlich beuge eine Beschäftigung der schiefen Bahn vor. „Wer tagsüber auf Arbeit ist, hat abends weniger Elan, Blödsinn zu machen“, bringt es Lux auf den Punkt. „Das Ganze rechnet sich für den Staat – und das Geld bleibt ja ohnehin in Deutschland.“ Aber was ist, wenn der Flüchtling von heute in ein paar Jahren gut ausgebildet in seine Heimat zurückkehrt? „Dann“, sagt Lux, „ist das doch die sinnvollste Entwicklungshilfe, die man sich nur vorstellen kann.“

Die Realisierung: Das Projekt ist komplett durchkalkuliert und bräuchte kaum zeitlichen Vorlauf. Die Infrastruktur in Borsdorf ist sofort nutzbar. Lediglich Personal müsste rekrutiert werden; die HWK sieht großes Potenzial bei pensionierten Handwerksmeistern, die hier zum Einsatz kommen können. Die Vollversammlung der HWK steht hinter dem Projekt, auch die anderen Kammern in Dresden und Chemnitz. Das „Jahr der Berufsorientierung“ müsste aber komplett von Bund und Land finanziert werden. Gesamtkosten je Teilnehmer und Jahr: 20 000 Euro. Die HWK könnte aus dem Stand mit einem Jahrgang für 100 Teilnehmer starten – mit viel Luft nach oben. Das Gelände in Borsdorf ist 50 000 Quadratmeter groß, derzeit sind 20 000 davon nicht bebaut. „Wir brauchen nur ein Signal“, sagt Lux, „Verwaltungs- und Organisationsunterstützung sind nicht nötig, da kümmern wir uns drum.“ Mögliche bürokratische Hürden lässt die HWK nicht gelten. „Man muss doch in Notsituationen angemessen reagieren können – beim Hochwasser ging das doch auch. Eine Lage, wie wir sie jetzt haben, kann man nicht mit dem üblichen Regelinstrumentarium bewältigen“, sagt Lux.

Das Ergebnis: Schon Anfang des Jahres hatte die HWK Politiker auf Bundes- und Landesebene angeschrieben und für ihr Projekt geworben. „Es gab viel verbale Wertschätzung“, sagt Volker Lux mit Blick auf die Reaktionen hiesiger Bundes- und Landtagsabgeordneter und hofft darauf, dass sich das nun ändern wird. „Lasst uns doch einfach mal anfangen!“

Von Björn Meine

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