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Lokales Hans-Dietrich Genscher mit Mendelssohn-Preis ausgezeichnet
Leipzig Lokales Hans-Dietrich Genscher mit Mendelssohn-Preis ausgezeichnet
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16:07 21.09.2014
Der frühere deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher wurde am Samstag in Leipzig mit dem Mendelssohn-Preis geehrt worden. Quelle: dpa
Leipzig

Sein so vertraute Stimme vollzieht ein eindringliches Crescendo, während er seinen Dank für den Mendelssohnpreis der Stadt Leipzig, den er da am Samstagabend im Gewandhaus in die Hand gedrückt bekommt, nutzt für eine Rede, die in Stein gemeißelt gehört.

Über seine Erlebnisse als Flak-Helfer in Leipzigs Schicksalsnacht des 4. Dezembers 1943, die er in Engelsdorf erleben musste, und sein Jura-Examen an der Pleiße zwei Tage vor Gründung der DDR schlägt er den Bogen zur „Freiheitsgeschichte" der Stadt, die zwangsläufig in jene „Freiheitsrevolution" des Jahres 1989 führen musste, „die uns Deutsche alle reicher gemacht hat. Diesmal waren die Deutschen dabei, als es um die Freiheit ging, und sie standen auf der richtigen Seite." Darum macht Genscher auch keinen Hehl aus seiner Ansicht, dass „der 9. Oktober ein angemessener Gedenk- und Feiertag wäre als das Zufallsdatum 3. Oktober." Weil der 9. Oktober 1989 für die entscheidenden Worte stehe: „,Wir sind das Volk‘ und ,Keine Gewalt‘ – das muss für jeden gelten."

Tut es bekanntermaßen noch immer nicht. Und so mündet die große freie Rede des großen alten Staatsmannes, ohne den die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts gewiss anders verlaufen wäre, in einen flammenden Appell für ein Europa, in dem er „die Freiheits- und Friedensidee" sieht, nicht „Zahlen und Bürokraten": „Seht im Volk der Anderen ein Volk der Nächsten, geht tolerant mit ihnen um. Niemals wieder darf einer mit Geringschätzung auf andere schauen, weil er anders ist. Man muss sie mögen, weil sei anders sind. Denn dieses Anderssein ist eine Bereicherung für uns."

Minutenlang tost stehender Jubel durch den Saal, hier und da glänzt es feucht in Augenwinkeln. Und so bewusst einem jeden im Gewandhaus sein mag, dass Genscher da eine schöne Utopie formulierte, die weit von ihrer Realisierung entfernt ist, kreisen in der Pause die Gespräche vor allem darum, wo sie heute sind in der Politik, diese Persönlichkeiten, denen es glaubhaft um Inhalte geht, um Visionen – um andere. Und vergleicht man das heutige Personal jener Partei, die die Freiheit im Namen trägt und für die Hans-Dietrich Genscher jahrzehntelang stand, dann darf ihr Schicksal nicht verwundern. Nicht nur ihres.

Dass Genscher sie verkörpert, die europäischen Dimensionen des Persönlichkeit Felix Mendelssohn Bartholdys, bleibt unwidersprochen. Und so würdig wie er waren in den letzten Jahren nicht viele Träger des Mendelssohn-Preises der Stadt Leipzig.

Wenngleich auch das Gewandhausquartett in seiner derzeitigen Besetzung mit Frank-Michael Erben an der ersten,. Conrad Suske an der zweiten Geige, Olaf Hallmann an der Bratsche und Jürnjakob Timm (noch) am Cello sich die Auszeichnung redlich verdient hat. Durch die Ernsthaftigkeit, mit der die vier den Namen der Musikstadt Leipzigs in die Welt tragen. Durch ihren Einsatz für Mendelssohn und seine Musik. Durch ihre schiere Geschichte als älteste ununterbrochen tätige Streicherformation er Welt. Frank-Michael Erben: „Als das Gewandhausquartett 1808 gegründet wurde, wartete Mendelssohn noch im Schoß seiner Mutter". Eine Traditionslinie von Beethoven bis ins Heute, vom Gewandhausquartett über die Zeitläufte nicht als Bedrohung wahrgenommen, sondern als immer neuen Auftrag.

Dass die vier den ernst- und wahrnehmen zeigen sie schon zur Eröffnung des Abends: Ihr Kopfsatz des f-moll-Quartetts hat nichts Museales, sondern klingt außerordentlich heutig mit seiner zupackenden Verve, der dramatischen Virtuosität.

Überhaupt steht das Festkonzert auch musikalisch unter einem guten Stern, weil Marc Minkowski, der wieder das Gewandhausorchester dirigiert, sein Phlegma vom Großen Concert am Donnerstag abgelegt, der Klangkörper sich besser auf ihn eingestellt hat. Im Ergebnis rastet Mendelssohns Reformations-Sinfonie ein. Zwar flechten hier und da übliche Verdächtige übliche Unschärfen ein. Doch insgesamt ist auch diese vorwärts drängende, frische, schlanke, dabei prachtvoll strahlende Musizierweise geeignet, die Würde des Preises zu befördern, der benannt ist nach dem Komponisten dieses Meisterwerkes.

Noch eindrucksvoller sind indes die Pastelltöne, die Minkowski und das Gewandhausorchester im Rücken der wunderbaren Magdalena Kožená mischen, derweil die mit den Tönen des großen Hector Berlioz und den Worten Théophile Gaultiers von „Nuits d’été" erzählt, von Sommernächten. Immer wieder stoßen diese sechs Orchesterlieder, entstanden in den 1840ern, weit in den Impressionismus vor, die zartesten Zustände der Seele in tönende Lichtreflexe auflösend. Und wie Kožená das singt mit ihrem vielfarbigen Mezzo, das ist für manchen Stoßseufzer gut im Saal.

Der allerdings ist für eine Veranstaltung dieses Gewichts sehr, sehr mau besucht. Offenbar ist es auch im achten Jahr der Vergabe des Mendelssohn-Preises der Stadt Leipzig noch nicht gelungen, ein aus sich heraus tragfähiges Modell für diese Gala zu finden. Vielleicht wäre grundsätzlich zu überdenken, ob ein Society-Spektakel wirklich das richtige Vehikel ist für die Verleihung eines Preises, der zunehmend inhaltliches Gewicht erhält.

Peter Korfmacher

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