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Lokales Harald Sieber und die Bahnhofsmission: Anlaufpunkt mit Seelentrost und Kaffee
Leipzig Lokales Harald Sieber und die Bahnhofsmission: Anlaufpunkt mit Seelentrost und Kaffee
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16:01 22.12.2018
Mit Herz und Verstand Ehrenamtlicher bei der Bahnhofsmission: Harald Sieber. Quelle: Kempner
Leipzig

Ein Winterwind pfeift sein eisiges Lied. Harald Sieber zieht seinen Kragen höher, als er sich zu einer Runde durch den Hauptbahnhof aufmacht. Freundlich winkt ihm ein Mann entgegen. Sieber ruft ihm ein „Der Kaffee ist gerade fertig!“ hinterher und erklärt im Weitergehen: „Einer unserer Stammbesucher, der möchte sich aufwärmen.“ Wer ein paar Stunden mit dem 73-jährigen Helfer der Bahnhofsmission erlebt, ist am Ende vollgestopft wie eine Weihnachtsgans – mit Begegnungen, Geschichten, Schicksalen.

Gebrochene Helden

Die Bahnhofsmission in Leipzig eröffnete 1913. Gäbe es ein Ranking, dann wäre dieser Zufluchtsort – der erste machte 1894 in Berlin auf – sowas wie die Mutter aller Sozialdienste. Ein Ort, der Klischee-Bilder in den Kopf wirft – von gebrochenen Dickens-Helden wie Oliver Twist oder David Copperfield, die bei dampfendem Tee und unter Decken Schutz vor Bedrohung und Kälte finden.

Die Realität sieht gar nicht mal so anders aus. Ein Mann um die 40 kommt herein. Horst Puder, Rentner wie Sieber, bietet ihm erstmal einen Kaffee an, später lässt sich Sieber erzählen, wo der Schuh drückt: Nach einem Konzert, das der Plauener mit seiner Tochter besucht habe, sei kein Geld für die gemeinsame Heimfahrt da gewesen. Die Tochter sei wieder zu Hause, „aber ich bin vier Tage hier geblieben und hab Flaschen gesammelt“. Die Kleider sind abgewetzt, ein säuerlicher Geruch zieht durch den Raum.

Freundlich, sachlich, konstruktiv

Sieber hört ihm ruhig und aufmerksam zu. Um den Wahrheitsgehalt der Geschichte geht es ihm weniger als um eine Verbesserung der Lage. Der Mann bekommt eine neue Hose aus der Spendenkammer, außerdem ein Straßenbahnticket für die Oase Leipzig, der Tageseinrichtung für wohnungslose Menschen in der Nürnberger Straße. „Dort kriegen Sie jetzt ein Frühstück.“ Nachdem geklärt ist, dass ein Zugticket nach Plauen auf Rechnung bestellt werden kann, vereinbart Sieber mit dem Besucher, ihm später beim Organisieren der Fahrkarte zu helfen. Ob der Ehrenamtliche den Verwahrlosten wiedersehen wird, ist nicht sicher. Fest steht: Der Mann hat Aufmerksamkeit und Lösungsvorschläge bekommen. In einer Form der Kommunikation, die man erst mal drauf haben muss. Sieber ist freundlich, sachlich und konstruktiv. Und wenn es die Situation zulässt, rollt ihm auch mal ein loser Spruch über die Lippen.

Beeindruckender Professor

Im Nebenzimmer besteht er mit einem Zwinkern darauf, den nächsten Kaffee selbst aufzusetzen, denn „keiner macht ihn so sächsisch wie ich“. Das nötigt Horst Puder wie auch Ellen von Schwarzenberg ein Lächeln ab. Die Studentin der Kulturwissenschaft hilft regelmäßig in der Bahnhofsmission. „Ich mag die Atmosphäre, und oft erlebe ich Faszinierendes.“ Dazu zählt sie den alten Herrn, den sie mal zum Zug begleitete. Ein Professor, der einst deutschlandweit Vorträge gehalten hat und nun aus seinem Leben erzählte. Eine beeindruckende Biografie im Zeitraffer. „Ich hätte ihm gern länger zugehört.“

Sieber nickt bei diesen Worten. „Geduldig zuhören, das ist das Wichtigste hier“, sagt er – dann steht ein neuer Besucher im Türrahmen, und nun zahlt sich aus, dass Ellen von Schwarzenberg Englisch spricht. Der Mann ist aus Albanien angekommen und soll laut Unterlagen in wenigen Tagen einen Job bei einem Leipziger Bauunternehmen antreten. Mangels Geld kann er keine Unterbringung finanzieren. Die Soforthilfe dauert wenige Minuten; der Albaner verlässt den Raum mit einem Ticket für die Straßenbahn und dem Hinweis, im Technischen Rathaus Unterstützung zu beantragen.

Die verlorene Wette

Zeit für den Rundgang. Sieber, der jeden Donnerstag Dienst schiebt, durchquert die Halle auf der Gleisebene mit fast generösem Ausdruck, als empfange er zu Hause netten Besuch. „Na, was machen Sie denn in meinem Bahnhof?“, hat er die junge Frau gefragt, die einmal in der Nähe des Service-Schalters alle fünf Minuten nach einem laut gerufenen „Piep“ die Zeit ansagte. „Ich habe eine Wette verloren“, gestand sie verlegen grinsend.

Harald Sieber auf seinem Rundgang durch „seinen“ Bahnhof. Der 73-Jährige ist schon seit 16 Jahren ehrenamtlicher Mitarbeiter der Bahnhofsmission. Quelle: Kempner

Ja, in gewisser Weise ist es Siebers Bahnhof. Seit nun schon 16 Jahren. Dem rentnerischen Müßiggang kann der frühere Handwerker, der nach dem Mauerfall im sozialen Bereich arbeitete, nichts abgewinnen. „Mir macht das hier Spaß“, sagt er, „und so lange es mir gut geht, bin ich gern für andere da.“ Sieber hilft beim Ein-, Aus- und Umsteigen – den Betagten, den geistig Verwirrten, Behinderten, Familien und allein reisenden Kindern. Oder er gibt in der Bahnhofsmission eine Zeit lang Menschen Obdach, deren Leben aus der Spur geraten ist. Weltanschauungen und Religion spielen hier keine Rolle. „Jeder Gast ist anders, das gilt es zu respektieren“, sagt Sieber. Manche sind redselig, andere schweigsam. So wie dieser eigentümliche Mann, der manchmal auftaucht, eine halbe Stunde stumm am Fenster steht und plötzlich grußlos verschwindet.

Ohrfeige auf dem Bahnsteig

Das Treiben im Bahnhof – kurze, flüchtige Geschichten wie herausgerissene Seiten aus einem Buch. Sieber erinnert sich an den Mann, der mit roter Rose auf die Frau zuging, die aus einem Zug stieg – und ihm eine knallende Ohrfeige verpasste. „Hat wohl vorher Mist gebaut“, vermutet der Missions-Mitarbeiter. Und erzählt von dem Großvater, der die Enkelin in den Zug brachte, sich verplauderte und seine Frau am Bahnsteig zurückließ, während der IC mit ihm losfuhr. „Sie war völlig aufgelöst, ich habe sie beruhigt – und eine Stunde später war er wieder da.“

Leiter Carlo Arena weiß, was er am Herzblüter Harald Sieber hat. „Leute wie er sind selten“, sagt der gebürtige Römer. Um die 20 Ehrenamtliche engagieren sich für die Leipziger Bahnhofsmission, die eine wechselvolle Geschichte hinter sich hat: 2011 kündigten Caritas und Diakonie wegen der kompletten Streichung der städtischen Fordermittel an, die Arbeit der Einrichtung zu beenden. Das wäre – nach 1939 und 1956 – die dritte Schließung in der 100-jährigen Geschichte der Bahnhofsmission gewesen. Ein Runder Tisch aus Vertretern der Träger, von Stadt, Land, Deutscher Bahn AG, Bundespolizei und des Bahnhofsmanagements schaffte den Durchbruch und konnte die weitere Finanzierung sichern. Aus einst zweieinhalb bezahlten Stellen wurde allerdings eine, die nun Arena innehat. Die Öffnungszeiten mussten reduziert werden. Doch „verzichtbar ist die Bahnhofsmission auf keinen Fall“, betont der Leiter. „Die Zahl der Obdachlosen steigt, und an diesem sozialen Brennpunkt ist es sehr wichtig, eine Anlaufstelle zu bieten.“ Vor allem jetzt, im Winter, zur Weihnachtszeit, besonders schwer für Einsame und gesellschaftlich Abgehängte.

Das Licht aus Bethlehem kommt

Am Sonntag, dem Tag vor Heiligabend, ist es Zeit für ein Ritual: Das Licht von Bethlehem, angezündet in Jesu Geburtsstadt, kommt in der Bahnhofsmission an. Nach einer kleinen Andacht können Kirchenvertreter und Bürger ihre eigene Kerze daran anzünden und nach Hause nehmen.

Übrigens auch Heiligabend, in der Zeit von 9 bis 13 Uhr. Einfach die Westseite des Hauptbahnhofs entlang, bis zur unscheinbaren Tür unter dem Logo mit dem Kreuz. Am kommenden Donnerstag sitzt dahinter wieder Harald Sieber – wenn er nicht gerade seinen Bahnhof durchquert.

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Die Bahnhofsmission braucht sowohl Spenden als auch Ehrenamtliche – Kontakt unter 0341 9683254 oder an leipzig@bahnhofsmission.de

Von Mark Daniel

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