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Lokales Schufterei und Glücksmomente zwischen Mord und Totschlag
Leipzig Lokales Schufterei und Glücksmomente zwischen Mord und Totschlag
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10:01 12.02.2019
Die Leipziger Krimiautoren Uwe Schimunek , Claudia Rikl, Ethel Scheffler und Joachim Anlauf (von links). Quelle: André Kempner
Leipzig

Leipzig kann sehr tödlich sein! So heißt ein brandaktueller Krimi, der im Vorfeld der sächsischen Landtagswahlen 2019 spielt. Mord, Gewalt und Terror verschrecken die Bewohner der Messestadt. Verfasst hat den Thriller ein Berliner. Aber auch unter den Leipzigern waltet jede Menge kriminelle Energie. Mindestens 15 hiesige Berufs- oder Amateur-Schriftsteller verbringen ihre Zeit aus freien Stücken zwischen Mord und Totschlag. Und die Dunkelziffer ist hoch. Angefangen von den Altmeistern Jan Flieger und Steffen Mohr (inzwischen verstorben), die schon zu DDR-Zeiten mit Spannung gelesen wurden, bis hin zu Neulingen in der Branche – die allerdings nicht unbedingt jung sind – leben alle Fantasie, Schreibtalent und Leidenschaft für Rätsel aus. Manche sind im Hauptberuf Behördenangestellte, Dienstleister, Journalisten oder auch Ruheständler.

Krimi vereint alle Facetten des Alltags

„Im Krimi kann man alles vereinen, den Liebesroman, die Gesellschaftskritik, die Wirtschaftskriminalität“, schwärmt Ethel Scheffler. Die freundliche 62-Jährige betreibt im Brotberuf eine Hausmeisterfirma. Tags macht sie Buchhaltung, abends und am Wochenende schreibt sie schon seit 2006 Krimi-Kurzgeschichten. „Leichen im Keller habe ich nicht“, schmunzelt Scheffler. „Aber man begegnet im Leben so verschiedenen Leuten...“ deutet sie vielsagend an. Viele Stoffe der Leipziger Krimischreiber sind gruselig und fesselnd und haben geradezu beängstigenden Tiefgang. Historische Kriminalfälle finden sich genauso wie Politkrimis, Giftmorde, Morde am Völkerschlachtdenkmal, in der Verlagsbranche oder am Zootierarzt. Oder wie Kurzgeschichten, bei denen man um die Ecke denken muss.

Hoffen auf den großen Durchbruch

Claudia Rikl hatte nach der Wende Jura und später Literaturwissenschaft und Geschichte studiert. Richtig glücklich wurde sie damit nicht. Deshalb machte sie ihre Leidenschaft, das Schreiben, zum Hauptberuf. „Das war die größte Herausforderung, der ich mich in beruflicher Hinsicht gestellt habe“, erzählt die 46-jährige Leipzigerin. Diszipliniert übt die Mutter von drei Kindern ihren Beruf aus: Von 8 bis 15 Uhr sitzt sie am Schreibtisch, allein mit ihrem Manuskript. Anfang 2018 erschien ihr Erstling „Das Ende des Schweigens“, der ein Stück DDR-NVA-Geschichte aufarbeitet. 2019 will die gebürtige Naumburgerin ihren zweiten Roman veröffentlichen. Weitere Stoffe hat sie im Kopf oder in der Schublade – und hofft, dass ihr der Durchbruch auf dem Buchmarkt gelingt und sie ihre Ideen verwirklichen kann. Sie will die Leidensgeschichte von Menschen sichtbar machen, anspruchsvoll auf mehreren Ebenen erzählen.

Schreiber sind auch Leser und Gucker

Mit Rowohlt hat Claudia Rikl einen namhaften Verlag gefunden, der ihre Bücher vermarktet, Lesungen und Veranstaltungen organisiert. Für Newcomer ist es in aller Regel sehr schwer, ein Buch bei einem Verlag unterzubringen. Die haben hohe Ansprüche, wollen viel verkaufen. Deshalb versuchen es viele Autoren im Eigenverlag, was allerdings zusätzlich Zeit und Kraft kostet. „Wir stehen in Konkurrenz zu Netflix und den Fernsehsendern“, sagt Uwe Schimunek (49). „Jeder, der ein Buch liest, ist gut. Der liest vielleicht auch meins“, hofft er. Übrigens schauen die Krimiautoren selbst begeistert Fernsehkrimis und lesen die Bücher der Konkurrenz, mit Kennerblick Handlungsverläufe, Spannungsmomente und Wendepunkte verfolgend.

Über seine Arbeit als Drehbuchautor und Regisseur für Fernsehkrimis kam Hans-Werner Honert zum gedruckten Buch. In seinem Polit-Thriller „Maria und der Patriot“ geht der 69-Jährige dem Mord an Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder hinterher. So überzeugend, dass man ihm raten möchte, selbst regelmäßig sein Auto auf Attentats-Hinweise zu überprüfen. Profis wie Honert oder auch der ehemalige LVZ-Chefredakteur Hartwig Hochstein haben es beim Schreiben leichter. Wer das schriftstellerische Handwerk nicht von der Pike auf gelernt hat, muss sich im „Learning by doing“ herantasten.

Am Anfang steht immer eine Idee, die den Autoren selbst begeistert. Dann muss das Ganze Struktur bekommen, bis hin zum Formulieren des Exposés, der Übersicht der Handlungsstränge für den Verlag. Claudia Rikl fängt mit Blättern und Zetteln an, auf denen sie die Handlung durchplant, bevor sie sich an den Computer setzt. „Ich schreibe von jedem Roman mindestens zwei Entwürfe, weil der erste nicht gut ist“, räumt sie allerdings ein. Von ihrem Debütroman war es letztlich die vierte Fassung, die in Buchform erschienen ist.

Jedes Jahr ein neues Notebook

Kollege Uwe Schimunek arbeitet mit Zeitstrahl und Exel-Tabelle am Computer und braucht jedes Jahr ein neues Notebook, weil die Tastatur dann „durch“ ist. Joachim Anlauf (52) ärgert sich, dass er seinen Roman in vier Monaten geschrieben hat, ohne dabei Spuren zu legen. Jetzt, da er eine Trilogie daraus entwickeln möchte, wird das Anknüpfen schwierig. Für viele ist das Recherchieren der Fakten und Zusammenhänge die unbeliebteste Arbeit. „Der absolute Glücksmoment ist da, wenn das Buch im Laden steht und die ganze Schinderei in den Hintergrund tritt“, fasst Ethel Scheffler zusammen.

Einige Leipziger Autoren haben sich der Krimischriftsteller-Vereinigung „Syndikat“ angeschlossen. Einmal im Jahr treffen sich die Mitglieder des „Syndikats“ zur Criminale, einem Autorenkongress und Krimifestival. Außerdem gehen sie immer im Dezember mit einer Benefizlesung an die Öffentlichkeit. Künftig ist jedes Quartal auch ein Krimi-Stammtisch geplant.

Von Kerstin Decker

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