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"Hausgemachte Ursachen": Leipziger Hausarzt zur Debatte um Wartezeiten

"Hausgemachte Ursachen": Leipziger Hausarzt zur Debatte um Wartezeiten

In die Debatte um Wartezeiten bei Ärzten mischt sich jetzt der Leipziger Hausarzt Thomas Lipp ein. "In der Regel haben wir bei ernsten Indikationen kein Problem mit Wartezeiten", sagt der Vorstand in der Ärztevereinigung Hartmannbund.

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Symbolfoto

Quelle: dpa

Leipzig. "Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir sogar den flexibelsten und kürzesten Zugang zum Spezialisten."

"Denn mit Blick auf die gesamte deutsche Ärzteschaft bekommt die Hälfte aller Patienten allgemein binnen drei Tagen einen Termin. Und, wenn es etwas Dringendes ist, auch innerhalb von 24 Stunden jede nötige Untersuchung", so Lipp weiter.

Einer Umfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zufolge hätten sich von den Patienten, die mindestens einen Tag auf einen Arzttermin hatten warten müssen, bundesweit nur 17 Prozent darüber mokiert, erläuterte Lipp. "Einzig in Berlin waren es doppelt so viele." Zwar gebe es Ausnahmen, besonders in Regionen wie dem weitläufigen Brandenburg.

Doch einmal jenseits der Statistik besehen: Füllen sich hierzulande Wartezimmer oder dauert es Monate bis zum Facharzttermin, so hat das aus Lipps Sicht auch etliche "hausgemachte Ursachen". "Ärzte bei uns sind hierzulande einer quartalsorientierten Bürokratie unterworfen, können bestimmte Dinge nur einmal pro Quartal tun. Etwa nur sechsmal Physiotherapie oder nur 100 Tabletten einer Substanz pro Rezept verschreiben. Also muss auch der Chroniker, der so etwas regelmäßig benötigt, alle Vierteljahre wiederkommen, darf keine Großpackungen erhalten."

"Arztbesuche nicht immer notwendig

"

Auch spezielle Programme für die Versorgung chronisch Kranker, die zu erwartende Folge-Leiden möglichst vermeiden sollen, führen laut Lipp mitunter zu vielen, nicht immer notwendigen Arztbesuchen. "Ein Grund hierfür liegt aber auch in dem hochkomplexen, kassenärztlichen Abrechnungssystem selbst begründet. Statt die Qualität und Intensität des einzelnen Patientenkontaktes angemessen und damit im Sinne von Arzt und Patient zu honorieren, setzt dieses auf Pauschalierung und häufige Wiederbestellungen. In Ländern wie Schweden hat ein Hausarzt etwa 50 Patienten pro Woche, wir haben über 200. In Schweden hat der Hausarzt aber auch pro Patient im Schnitt 24 Minuten Zeit, wir lediglich acht. Dort geht der Bürger im Schnitt sechsmal im Jahr zum Arzt, bei uns 18 Mal. Die jährliche Gesamtkontaktzeit Arzt/Patient ist in beiden Ländern aber interessanterweise gleich. Nur, der Arzt kann sich intensiver um seine Patienten kümmern."

Medikamentös stabil eingestellte Patienten, so Lipp, müssten überdies auch nicht permanent vom Spezialisten einbestellt werden, dürfte auch ein Hausarzt die speziellen, oft teureren Medikamente verordnen, ohne befürchten zu müssen, dass er dafür von den Kassen in Regress genommen wird. Jede Fachgruppe habe nämlich nur ein bestimmtes Budget pro Patient für Medikamente. "Das schafft unsinnige organisatorische Hürden und steht einer gemeinsamen, fachübergreifende Patientenversorgung im Wege", sagt Lipp. Zugleich führt er aber auch ein Mentalitäts-Argument für längere Wartezeiten ins Feld: "Bei uns kostet der Arztbesuch nichts. In allen Ländern müssen Patienten zuzahlen. Wir haben eine Flatrate, wir haben ja unseren Krankenkassenbeitrag gezahlt. Also wird mitgenommen, was immer geht." Die Abschaffung der Praxisgebühr hält Lipp deshalb für einen Fehler. Diese sei zwar "handwerklich schlecht" gewesen, "aber vom Ansatz einer sozialverträglichen Zuzahlung pro Arztbesuch her in der Sache richtig". Er sei sich sicher, dass ein solcher Obolus pro Arztbesuch wieder mal eingeführt werde.

Freilich füllen sich Wartezimmer künftig auch, weil die Menschheit immer älter und naturgemäß krankheitsanfälliger wird. Entscheidend trüge aber die "Ökonomisierung ärztlicher Leistungen zum Problem bei, da die Kassen stetig die Preise drücken", sagt Lipp. In der Folge leide die Qualität der Versorgung. Das schaffe das Paradoxon, dass der "aufwändige" Patient im System "stört", weil er mehr Zuwendung benötige, für die dem Arzt im starr geregelten Abrechnungssystem kein Raum gelassen werde zugunsten anderer, weniger aufwändigerer Patienten. "Am Ende muss auch der Arzt als Unternehmer denken, hat Verantwortung gegenüber angestellten Mitarbeitern", betont Lipp. Seine Lösung: "Krankenbeiträge senken, Zuzahlungen beim Arztbesuch einführen, Sektorengrenzen überwinden, System flexibler und damit arzt- und patientenfreundlicher gestalten."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.06.2014

Angelika Raulien

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