Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales Helfer für dunkelste Stunden
Leipzig Lokales Helfer für dunkelste Stunden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:04 06.10.2018
Helfer in verzweifelten Stunden: Ulrike Sittner (l.) und Daniela Löbner vom Kriseninterventionsteam. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Der häufigste Satz, den Daniela Löbner in Bezug auf ihr Ehrenamt hört, lautet: „Oh Gott, das könnte ich nicht!“ Die Leipzigerin pflegt dann gelassen zu antworten: „Das kann jeder.“ Zumindest jeder mit stabiler psychischer Verfassung und nach entsprechender Vorbereitung. Denn natürlich verlangt die Arbeit beim Kriseninterventionsteam eine Menge mentaler Stärke ab – es geht hier um schnelle Hilfe für Mitbürger, die die wohl dunkelsten Stunden in ihrem Leben durchzukämpfen haben: in den meisten Fällen den Tod eines nahe stehenden Menschen.

Der Gesprächstermin fällt auf einen jener Montage, an denen Ulrike Sittner einen 24-Stunden-Dienst schiebt. Zusammen mit Vereinschefin Löbner sitzt sie am Tisch eines Plagwitzer Cafés, um die Tätigkeit im Kriseninterventionsteams (KIT) zu schildern – in Einsatzkleidung und bereit, sofort an den Ort zu fahren, an den die Polizei sie ruft. Zweimal pro Monat nimmt sich die ärztliche Psychotherapeutin Zeit für ein Ehrenamt, das besonders viel Empathie erfordert, Gespür für die richtigen Worte und sensibles Verhalten, um einem Schicksalsschlag zumindest einen Teil seiner kaum auszuhaltenden Wucht zu nehmen.

Meist werden die Helfer in Haushalte gerufen; hier passieren die häufigsten Todesfälle, hier äußert sich die Verzweiflung mal in Wut, mal in Schockstarre, mal in Depression. Weil der Rettungsdienst nur begrenzt Zeit hat und psychologische Stabilisierung wichtig ist, bildet das Team eine Brücke, bis Angehörige oder Freunde eintreffen, um den Betroffenen beizustehen. Die Mitglieder des KIT drehen Seelen behutsam in die stabile Seitenlage.

Zu den besonders schwierigen Einsätzen gehören diejenigen mit Kindern als Leidtragende: Während die Mutter bei der Arbeitsstelle nicht erreichbar ist, erliegt ihr Mann zu Hause im Bett seiner Krebserkrankung, umgeben von den Kindern zwischen zwei und neun Jahren. Die Polizei wird informiert, ein KIT-Diensthabender fährt los und kümmert sich um die mit der Situation überforderten Minderjährigen. „Selbstverständlich hallt so etwas lange nach – erst recht, wenn man selbst Kinder hat“, sagt die zweifache Mutter Löbner.

Die als Pflegedienstleiterin im Städtischen Eigenbetrieb Behindertenhilfe arbeitende 39-Jährige gehört dem anno 2000 gegründeten KIT Leipzig seit 2005 an. Trotz großer Veränderungen wie Familiengründung oder Arbeitsplatzwechsel blieb sie im Boot des Vereins, der sich fast ausschließlich aus Spenden finanziert. Einsätze fährt sie nur noch selten, sondern kümmert sich um Administratives, um Ausbildung oder Workshops – vor ein paar Tagen erst schulte sie die Polizei zum sensiblen Thema, wie man Angehörigen eine Todesnachricht übermittelt.

Manchmal ist Löbner auch Leiterin vom Dienst: Vor, nach und während der Einsätze braucht es einen rund um die Uhr erreichbaren Ansprechpartner, mit dem die Helfer sich besprechen, Situationen auswerten oder Hinweise zur Vorgehensweise bekommen können. „Das ist natürlich ein latenter Stress, aber meine Familie trägt diese Dienste tolerant mit, auch wenn mal nachts das Telefon klingelt.“

Ulrike Sittner ist seit drei Jahren dabei. „Die Begleitung meines sterbenden Vaters durch ein Hospiz hat mir klargemacht, wie wichtig es ist, in solchen Situationen nicht allein zu sein“, erzählt die 49-Jährige. In einer Ausgabe der LVZ wurde sie auf das KIT aufmerksam – und meldete sich an. Eine Ausbildung zum Helfer setzt das Mindestalter von 25 voraus und besteht aus einer theoretischen Ausbildung an fünf Wochenenden sowie mehreren Stunden Praxiserfahrung im Rettungsdienst und im KIT. Von rund 80 Vereinsmitgliedern, die meisten in fördernder Funktion, sind 30 für Einsätze ausgebildet – bei weitem nicht nur Psychologen oder Rettungsdienstler, sondern Zugehörige aller denkbaren Berufszweige.

Ein zentraler Satz im KIT lautet: „Wenn wir nicht da wären, wäre niemand da.“ Als Formel nützt sie der eigenen Seelenhygiene. Denn für die Freiwilligen gibt es viel zu verarbeiten, wenn sie von Orten kommen, an denen ein plötzlicher Kindstod oder ein Suizid Schock und Fassungslosigkeit hinterlassen hat. „Wir führen zur Bewältigung regelmäßig Supervisionen durch“, so Löbner, „und jeder findet individuelle Wege, um Erlebtes zu verdauen: laute Musik hören, essen gehen oder Entspannung in der Badewanne.“

Der gesellschaftliche Umgang mit dem Thema Tod ist aus ihrer Sicht ein tabuisierter und oft verkrampfter, „dabei ist er etwas völlig Normales, jeder bekommt mit ihm zu tun.“ Und, so betonen beide, diese Aufgabe ist nicht nur mit bedrückender Schicksalhaftigkeit verbunden, sie macht sie innerlich reicher durch die Gewissheit, anderen geholfen zu haben. Das Einsatz-Ende deutet sich an, wenn die Betroffenen aus ihrer Starre erwachen, sich bedanken, wenn sie den Helfern persönliche Fragen stellen. Wer sie sind – und warum sie diesen Job machen. Keine schlechte Frage. „Aus Dankbarkeit, dass es mir gut geht“, sagt Sittner mit einem Lächeln, dem man ansieht, dass es trösten und Mut geben kann. „Ich möchte Menschen etwas geben, die Kraft von außen brauchen.“

Man erlebt viel als KIT-Freiwilliger,und nicht immer hat man es mit Todesfällen zu tun. Nach der Geiselnahme bei H&M in der Leipziger Petersstraße im Juni 2010 war ein Team vor Ort, um die Freigelassenen zu betreuen. Ebenfalls vor acht Jahren beruhigten sie eine Frau, die unter Schock stand, nachdem die Polizei ihre Wohnung gestürmt hatte. Auf der Suche nach einem bewaffneten Verdächtigen hatte sich die Spezialeinheit in der Tür geirrt.

Nein, es ist kein leichter Job, den die Freiwilligen machen. Aber einer, der den Blick schärft für das wirklich Wichtige. Offenbar lässt sich das Leben durch die Konfrontation mit dem Tod besser begreifen. Und dass ihre Arbeit gut tut, erfahren die Ehrenamtlichen immer wieder. „Wir können Schicksale nicht ändern“, sagt Daniela Löbner, „aber wir können kleine Lichtpunkte am dunklen Horizont setzen.“ Als sich Ulrike Sittner einmal an der Tür von einer Frau verabschiedete, deren Sohn sich gerade das Leben gekommen hatte, bedankte sich die Betreute mit den Worten: „Durch Leute wie sie könnte ich vielleicht doch noch anfangen, an das Gute im Menschen zu glauben.“ Was für ein Ansporn, weiterzumachen...

Das Kriseninterventionsteam sucht stets neue Helfer für Einsätze, Vereinsmitglieder und Spender. Infos stehen auf www.kit-leipzig.de; die Bankverbindung: Kriseninterventionsteam Leipzig e.V., IBAN: DE 39 8605 5592 1100 1287 90 (Stadt- und Kreissparkasse Leipzig).

Von Mark Daniel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Autofahrer stecken im Parkhaus fest, Radfahrer müssen Slalom fahren: Zu Stoßzeiten geht an der Kreuzung am Leipziger Tröndlinring nichts mehr. Es gibt Kritik an den Planungen der Stadt – doch dort ist man ebenso ratlos wie bei der Polizei.

06.10.2018

Die Hakenbrücke, die die Pleiße zwischen Streitholz und Wildpark überspannt, wird ab dem 8. Oktober erneuert. Fußgänger und Radfahrer müssen derweil die Weiße Brücke nutzen.

05.10.2018

Die Ausstellung „Bruch-Stücke“ im Ariowitsch-Haus Leipzig sowie das gleichnamige Buch zeichnen lokale Details zu den November-Pogromen der Nationalsozialisten vor 80 Jahren nach. Historiker Daniel Ristau präsentiert Bilder, Dokumente – und sogar so genannte Flüsterwitze.

05.10.2018