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Hier entsteht Leipzigs neues Denkmal in Russland

Hier entsteht Leipzigs neues Denkmal in Russland

In Leipzig hebt der Bagger auf der Sowjetskaja-Straße eine Baugrube aus. Daneben steht ein großer Laster, sein Fahrer sitzt im Schatten der alten Pappel und trinkt Wasser aus seiner Plasteflasche.

Projekt-Initiator Nasur Yurushbaev beim Fototermin zur Grundsteinlegung in Leipzig/Ural. Das Dorf wurde 1842/1843 gegründet, als "Grenzvorposten N 29". 32 solcher Siedlungen entstanden, um die 400 Kilometer lange östlichen Grenze zu schützen. Zum Gedenken an die historischen Kämpfe im Krieg gegen Napoleon sowie in anderen Kriegen dieser Epoche wurden die Siedlungen nach Städten benannt, die damals eine Rolle spielten. Neben Leipzig gibt es in der Region auch Paris, Berlin, Kassel...

Quelle: Privat

Leipzig. Den Bagger beobachten zwei gelangweilte Kühe. Zwei alte Frauen mit Taschen gehen vorbei: "Maria, warum sind alle so aufgeregt?" - "Hast Du nicht davon gehört? Die Deutschen kommen uns besuchen", schreit Maria fast ins Ohr ihrer 70-jährigen Freundin Nina. - "Oh, sie haben es also nicht nur versprochen ..."

Wir sind angereist. Wir sind auch aus Leipzig - nur aus dem in Sachsen. Wir wollen das Fundament für ein Völkerfreundschaftsdenkmal gießen. In diesem gottverlassenen Winkel Russlands ist plötzlich alles auf den Kopf gestellt. Die Kinder sind auf die Straßen der alten Kosakensiedlung gekommen, die Alten verlassen ihre Häuser, der Handel in den Geschäften floriert plötzlich. 950 Menschen wohnen hier.

Wir werden laut und herzlich begrüßt. Wir sind nicht mit leeren Händen gekommen, haben T-Shirts mit Zeichnungen von Michael Fischer-Art im Gepäck, Geschenke des Vereins "1000 Jahre Leipzig", der IHK Leipzig und privater Firmen. Hans-Jörg Bergholz hat Exponate für das Kreismuseum zusammengestellt: ein Buch über den Bau des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig mit antiquarischem Wert, eine Silbermünze zum 100-jährigen Jubiläum der Schlacht, eine Metallplatte, die aus Splittern der Schlachtkugeln gegossen wurde, ein Fragment der Berliner Mauer mit Zeichnungen von Fischer-Art.

Einige von uns sind bei Rais und Nadeschda Abdulow untergekommen. Sie betreiben Landwirtschaft, allein Pferde haben sie 32. Tatjana Morgenstern nimmt Quartier bei der lebhaftesten und sportlichsten Kosakin der Siedlung Nadeschda Iwanowna.

Trotz großer Hitze läuft alles nach genau geplantem Programm ab. Es gibt eine Kranzniederlegung zu Ehren der Soldaten, die in den "Großen Vaterländischen Krieg" gegen den Hitler-Faschismus gezogen waren. Und dann: das Fußballspiel Leipzig (Dorf) gegen Leipzig (Stadt). Es sorgt für ernste Aufregung im Dorf. Für die Sachsen auf dem Feld: Kapitän Heiko Waber, sonst Geschäftsführer bei der HDI-Gerling-Versicherung in Leipzig, Mittelstürmer Michael Fischer-Art, sonst Künstler, Verteidiger Hans-Jörg Bergholz, sonst Architekt, Torwart Nasur Yurushbaev, sonst Journalist. Für die Gastgeber spielen die Jungen aus den höheren Schulklassen. Das Fußballspiel wird zum gesellschaftlichen Ereignis, und gegen die deutsche Mannschaft spielten bald nicht mehr nur die sechs Spieler der Erstformation, sondern geschätzte zwei Dutzend. Der Staub verhüllt das Feld, bald schon kann keiner mehr die ins Tor fallenden Bälle zählen. Es siegt die Freundschaft.

Dem Sportprogramm folgt die Kultur. Michael Fischer-Art eröffnet eine kleine Meisterklasse in der Schule. Ohnehin trägt schon das ganze Dorf die von ihm gestifteten T-Shirts mit seinen Zeichnungen. Unter Fischer-Arts Anleitung bemalen die Kinder die Wand des Dorfclubs und schließlich sogar die Garagentür von Rais Abdulow. Viele Kinder wollen jetzt Künstler werden.

Der eindrucksvollste Moment unserer Reise in den Südural ist die Fundamentlegung für das künftige Denkmal. Viele Leute sind gekommen, haben sich zu dem besonderen Anlass in Schale geworfen. Dorf-Bürgermeisterin Elsa Piskunowa, der Kulturdezernent der Kreise Warna und Tschesma, der Priester der Kirchengemeinden Warna und Tschesma, Nachfahren einheimischer Kosaken.

Tief bewegt hält Michael Fischer-Art eine kleine Rede: "Wir sind in einer schwierigen Zeit hierhergekommen, und unser Ziel ist es, den Frieden zu erhalten, Kontakte zwischen Völkern und Ländern herzustellen, einander die Hand zu reichen, damit alle in Frieden und Freude leben können."

Der Kosake Rafael Bakirov, Nachfahre eines Adelsgeschlechts, ist in der originalen Uniform adliger Kosaken angereist, um Traditionen fortzuschreiben und den Vorfahren die Ehre zu erweisen. Auch seine Rede ist emotional. Am Tag der Fundamentlegung wirft die Stute unserer Gasteltern ein Fohlen. Die Geburt in der Steppe verläuft nicht ohne Komplikationen. Drei Tage lang kommt der Kleine nicht auf die Beine...

Am letzten Abend: das Abschiedsfest. Wir entfachen ein Lagerfeuer der Freundschaft, kochen in einem riesigen gusseisernen Topf Fischsuppe, daneben steht ein großer Samowar. Die Gäste aus Deutschland bekommen Dankesurkunden und Geschenke. Es singt der berühmte Kosakenchor "Subboteja". Die Kosaken werfen sich waghalsig in den Tanz, die Musiker schonen ihre Akkordeons nicht. Am Ende tanzen wir alle zusammen. Wir singen für unsere Gastgeber die "Ode an die Freude". Dabei singen wir sonst nicht zusammen im Chor. Das Lied kommt von der Seele.

Wir sind jetzt dort, im weit entfernten Ural, nicht nur sehnlich erwartete Gäste, sondern so etwas wie Landsleute. Wie sollte es auch anders sein, sind wir doch alle Leipziger. Wir werden gemeinsam eine Brücke der Freundschaft zwischen Völkern, Kulturen, Kontinenten bauen - als Friedensbotschaft für die ganze Welt. Unmittelbar vor unserer Abreise kommt das kleine Fohlen auf die Beine. Wir nennen es "Freundschaftsdenkmal". Das Fohlen ist auf die Beine gekommen, auch das Denkmal wird auf die Beine kommen.

*Nasur Yurushbaev wurde im West-Ural geboren. Seit 1992 lebt der Vater von drei Kindern (26, 25, 24) in Leipzig, ist Journalist und Filmemacher.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.08.2015
Nasur Yurushbaev

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