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Lokales Hier leben in Leipzig die meisten Hartz-IV-Empfänger
Leipzig Lokales Hier leben in Leipzig die meisten Hartz-IV-Empfänger
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23:07 04.09.2018
In Grünau-Mitte leben die meisten Hartz-IV-Empfänger in Leipzig. Die Anzahl der Menschen in Bedarfsgemeinschaften ist hier in den letzten Jahren sogar noch gestiegen. Quelle: André Kempner
Leipzig

Nicht alle Leipziger Stadtteile profitieren gleichermaßen vom wirtschaftlichen Aufschwung. Während in Plagwitz, Lindenau oder der Südvorstadt die Gentrifizierung voranschreitet, sind in den Plattenbauvierteln am Stadtrand mehr Menschen von Leistungen sozialer Mindestsicherung abhängig als noch vor zehn Jahren. Betroffen sind insbesondere Grünau, Schönefeld und Paunsdorf. Dies hat eine aktuelle Datenanalyse der MDR-Reihe „exakt – So leben wir!“ ergeben. Die Ergebnisse zeigt LVZ.de in einer interaktiven Karte.

Gemessen am Anteil der Hartz-IV-Empfänger an der Gesamtbevölkerung hat sich die Armut in einzelnen Leipziger Vierteln sehr unterschiedlich entwickelt. In der Messestadt insgesamt sank die Hartz-IV-Quote laut Zahlen der Bundesagentur für Arbeit von 25 Prozent (2007) auf 14,8 Prozent (2017). Waren vor zehn Jahren noch 83.700 Menschen von Hartz IV abhängig, so reduzierte sich die Zahl auf 68.100. In zwei Leipziger Stadtteilen erhöhte sich jedoch der prozentuale Anteil der Personen, die in Bedarfsgemeinschaften leben. Erhoben wurden dabei alle Leistungsempfänger unter 65 Jahren, also auch Kinder und Jugendliche. 

Grünau-Mitte verfestigt sich als Hartz-IV-Hochburg

In Grünau-Ost stieg die Hartz-IV-Quote am stärksten – um 11,5 Prozent auf 1153 Personen oder einen Anteil von 25 Prozent. In Grünau-Mitte ging die Quote um 3,6 Prozent auf 40,3 Prozent nach oben. Zum Zeitpunkt der Datenerhebung im Dezember vergangenen Jahres war es der Stadtteil mit der höchsten Hartz-IV-Quote in ganz Sachsen. In keinem anderen Viertel lebten anteilig mehr Personen in Bedarfsgemeinschaften nach dem zweiten Sozialgesetzbuch (SGB II). Gut 3700 Menschen bezogen in Grünau-Mitte entsprechende Leistungen – etwa 700 mehr als noch zehn Jahre zuvor. Zum Vergleich: In Connewitz waren es zuletzt mit 1796 (11,4%) nicht einmal halb so viele, in Großzschocher mit 789 (13%) knapp ein Viertel.

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Nur marginale Rückgänge gab es seit 2007 in Schönefeld-Ost (-2,3 Prozent) und Paunsdorf (-2,8 Prozent). Insgesamt stieg jedoch auch hier die Zahl der Leistungsbezieher aufgrund des Bevölkerungszuwachses um rund 200 beziehungsweise 250 Personen an. Etwas besser sieht die Lage in Lausen-Grünau (-14%), Schönau (-14,1%), Mockau-Nord (-15,8%), Grünau-Nord (-17,3%), und Grünau-Siedlung (-18,4%) aus. Doch auch diese Viertel sind weit entfernt vom positiven Leipziger Gesamt-Trend (-40,9 Prozent).

In der Südvorstadt lebt nur noch jeder 15. von Hartz IV

Die Zahlen lassen den Schluss zu, dass Menschen mit niedrigen Einkommen durch Gentrifizierung immer stärker an den Stadtrand gedrängt werden und sich keine Wohnungen mehr in den zentrumsnahen Vierteln leisten können. Fakt ist: Die Leipziger Durchschnittskaltmieten sind im Vergleichszeitraum um 79 Cent auf 5,62 Euro pro Quadratmeter gestiegen – alleine im vergangenen Jahr kletterten sie um 23 Cent. In Grünau-Mitte hat sich in den vergangenen zehn Jahren auch der Anteil der Haushalte mit mindestens fünf Personen mehr als verdoppelt – von 2,3 auf 5,2 Prozent. Laut Zahlen aus dem Amt für Statistik und Wahlen der Stadt der Stadt gab es in Schönefeld und Paunsdorf ebenfalls überproportional starke Anstiege in diesem Bereich.

Vor allem aus den Stadtteilen, wo in den vergangenen Jahren viele neue Wohnungen entstanden und zahlreiche alte Gründerzeithäuser saniert wurden, verschwanden auch die meisten Hartz-IV-Empfänger. So ging in Plagwitz die Quote um mehr als 60 Prozent zurück, in Lindenau waren es 62 Prozent und in der Südvorstadt 64 Prozent. Rund um die Karl-Liebknecht-Straße ist nur noch rund jeder 15. Bewohner auf staatliche Grundleistungen angewiesen. Vor zehn Jahren war es noch jeder Sechste.

Starke Rückgänge auch in Reudnitz und Connewitz

Auch bei jungen Familien und Studenten beliebten Vierteln wie Reudnitz-Thonberg und Connewitz sowie in citynahen Wohnlagen rund um das Zentrum sanken die Zahlen um mehr als 50 Prozent. Die höchsten Rückgänge seit 2007 verzeichneten das Zentrum-Nordwest (-69,8%) und Plaußig-Portitz (-68,7%). Hier lag die Hartz-IV-Quote aber ohnehin auf einem niedrigen Niveau von unter elf Prozent. Gemessen an den Personen ist in Volkmarsdorf die Zahl der Hartz-IV-Bezieher am größten. 4100 Menschen bezogen im Viertel rund um die Eisenbahnstraße Ende 2017 Leistungen nach dem SGB II – 46 Prozent weniger als noch vor zehn Jahren. Die wenigsten Empfänger leben in Hartmannsdorf-Knautnaundorf: genau 36.

Die MDR-Reihe „exakt – So leben wir!“ zeigt zum Auftakt der neuen vierteiligen Staffel am Mittwoch (20.15 Uhr) an vielen Beispielen, wie es ist, von Sozialleistungen abhängig zu sein. Der Film mit dem Titel „Geben oder Nehmen?“ porträtiert unter anderem den 21-jährigen Leipziger Benjamin Grubba, dem vom Jobcenter sämtliche Leistungen gestrichen wurden und der fürchtet, seine Wohnung zu verlieren. Die Reportage begleitet auch den Langzeitarbeitslosen Peter Kraus in Halle-Neustadt. Das Plattenbaugebiet ist gemessen an der Hartz-IV-Quote der ärmste Stadtteil Mitteldeutschlands. 52 Prozent der Bewohner leben hier von Hartz IV.

Von Robert Nößler

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