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Hin und her, nie geradeaus - neue LVZ-Serie "So packen wir das!"

Hin und her, nie geradeaus - neue LVZ-Serie "So packen wir das!"

Fehlende Kita-Plätze, Berufstätigkeit, steigende Anforderungen im Job: Familien stehen vor vielen Herausforderungen. Wie meistern sie den Alltag? Die LVZ zeigt in einer Serie jeden Sonnabend, wie es klappen kann: "So packen wir das!" Heute: Familie Dornwaß.

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Müssen sich durchbeißen, sind aber trotzdem ein rühriges Duo: Mandy Dornwaß (links) und ihre Mutter Ines Dornwaß.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Quälend langsam scheinen sich die Uhrzeiger Richtung 15.30 Uhr zu schieben. Mandy hat es allmählich eilig. "Schaffe ich es noch, in den Club zu gehen?", fragt die 21-Jährige ungeduldig. Ines Dornwaß lächelt milde. "Der Club ist fast ihr zweites Zuhause", erklärt Mandys 42-jährige Mutter. Die Rede ist vom Kinder- und Jugendfreizeitzentrum Probstheida, keine 500 Meter von der Wohnung der zweiköpfigen Familie entfernt. Seit drei Jahren pilgert Mandy jeden Tag nach der Arbeit die Straße hinunter in den "Club". Dort trifft sie "normale" Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene - und ist integriert. "Total", sagt Ines Dornwaß und nickt anerkennend, während sich die Tochter mit offener Jacke vor ihr positioniert und auf den Reißverschluss deutet. "Zumachen!" Diesmal ist es Mandy, die ihre Mutter über den Brillenrand hinweg anlächelt. "Bitte." Ines Dornwaß verabschiedet ihren Spross und schaut ihm nach, bis die Wohnungstür ins Schloss fällt.

"Wenn Mandy für zwei Stunden im Club ist, habe ich mir angewöhnt, meine Freizeit zu nehmen." Die Zeit nutzt sie häufig, um spazieren zu gehen. "Ich bin praktisch Mutter, Betreuerin, Hausfrau und Ernährerin in einem." Sich dabei Freiräume zu schaffen, sei sehr schwierig. "Bei Mandy war von Anfang an alles anders", schildert die Mutter, "ich musste umdenken lernen." Nicht erst, seit die Tochter 2000 eingeschult wurde und Ines Dornwaß ein Jahr später auf eigenen Füßen stehen musste. Ohne Mann an ihrer Seite.

1997 stellten die Ärzte fest, dass Mandy unter einer frühkindlichen Hirnschädigung leidet. Konkreter wurde die Diagnose bis vor Kurzem nicht. Im Juli kam dann der Befund: Deletion auf den Chromosomen 15 und 16. Eine Genmutation, bei der Teile der Erbinformationen oder ganze Chromosomen fehlen. Für das, was Mandy fehlt, "gibt es noch keinen eigenen Begriff in der Literatur", sagt Ines Dornwaß. Was das allerdings bedeutet, weiß die Mutter nur zu gut. Geistig ist Mandy auf dem Entwicklungsstand eines Vorschulkindes, benimmt sich in vielen Dingen noch, als wäre sie 13. "Sie kann nicht lesen, merkt sich aber Wörter oder Wortbilder und hat ein sehr gutes Gedächtnis für Menschen und Orte", erklärt Ines Dornwaß. Manchmal falle Mandy auch in kindliche Babyphasen zurück. Dennoch: Mit einem Abschluss an der Förderschule Thonberg in der Tasche hat die junge Frau seit September 2012 eine Stelle in der Meusdorfer Werkstatt für behinderte Menschen Sankt Michael. "Das war ihr eigener Wunsch", sagt die Mutter.

In dem Betrieb, der vom Christlichen Sozialwerk als gemeinnütziger Gesellschaft getragen wird, absolviert Mandy derzeit eine Art zweijährige Lehre. Dann soll geprüft werden, in welchem Bereich es für sie weitergehen kann. Ihre Mutter sorgt indessen dafür, dass in den vier Wänden der Familie das Essen auf dem Tisch steht.

Als gelernte Fleischfachverkäuferin hat Ines Dornwaß um die Jahrtausendwende in Teilzeit bei einer Dienstleistungsfirma angeheuert, die für Imbisse und Mittagessen an Schulen sorgt. Mandys Vater zahlt zwar Unterhalt, der Fikus kommt für die Grundsicherung auf. Reich wird die Familie davon allerdings nicht. Ines Dornwaß nimmt es mit Gleichmut, meint: "Wir leben", spart und investiert in gemeinsame Unternehmungen von Mutter und Tochter: Kanupark, Sachsentherme und ausgedehnte Spaziergänge. "Es ist etwas völlig Normales", beschreibt Ines Dornwaß den Alltag mit dem Nachwuchs, muss aber doch bemerken: "Das sieht man selbst so, andere eben nicht."

Zwar habe sie ihren Freundeskreis. Dass sich für Mandy jedoch wenigstens ab und zu eine Betreuung findet, kommt so gut wie nicht vor. "Freiwillig macht das kaum jemand", sagt Ines Dornwaß. Trotzdem hat sie ihren Stolz: "Ich möchte bei niemandem betteln." Tränen stehen in ihren Augen, wenn sie davon spricht. Spurlos gehen die Umstände nicht an ihr vorüber, auch wenn sie weit davon entfernt ist, zu lamentieren. "Bei uns geht es hin und her, nie geradeaus. Aber es gibt deutlich schlimmere Schicksale."

Dankbar ist Ines Dornwaß für solche Einrichtungen wie den Familienentlastenden Dienst und den Mobilen Behindertendienst. Über Ersteren hat die Tochter regelmäßig die Chance, einen Tanzkurs zu besuchen oder schwimmen zu gehen. Mit dem Mobilen Behindertendienst kommt Mandy ein Mal pro Monat an Samstagen in eine Disco in der Innenstadt. "Da macht die Pubertät absolut keinen Halt", sagt die Mutter. Und lächelt.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.11.2013

Felix Kretz

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