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Lokales Hinrich Lehmann-Grube: Der Ehren-Leipziger
Leipzig Lokales Hinrich Lehmann-Grube: Der Ehren-Leipziger
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21:14 06.08.2017
Für gut zwei Minuten zeigte sich am 22.10.1992 die Queen gemeinsam mit Prinz Philip sowie Leipzigs OBM Hinrich Lehman-Grube und dessen Gattin auf dem Balkon des Alten Rathauses in Leipzig. Quelle: Volkmar Heinze
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Leipzig

Er war „ein Glücksfall für Leipzig“. Darüber sind sich selbst politische Gegner einig. Hinrich Lehmann-Grube, der am 6. Juni 1990 von der ersten frei gewählten Stadtverordnetenversammlung zum Oberbürgermeister gewählt wurde, ist am Sonntag nach schwerer Krankheit gestorben. Er erlag am Sonntagmittag auf der Palliativstation des St. Elisabeth-Krankenhauses in Connewitz einem Krebsleiden. Am 30. Juni 1998 wechselte Lehmann-Grube in den Ruhestand und lebte seitdem mit seiner Ehefrau Ursula in einem Mehrfamilienhaus am Johannapark.

Leipzig war für Lehmann-Grube, der in Königsberg/Ostpreußen geboren wurde, zwar nicht die Heimat. Er nannte es aber stets „sein Zuhause“. Der seit 1958 aktive Sozialdemokrat, ab 1979 elf Jahre Oberstadtdirektor der Stadt Hannover, war kurz nach der Friedlichen Revolution von seiner Partei gebeten worden, sich bei den ersten demokratischen Kommunalwahlen in der DDR im Mai 1990 um einen Sitz in der Stadtverordnetenversammlung und auch um das Amt des Oberbürgermeisters von Leipzig zu bemühen. Noch vor der Wahl, im April 1990, wurde Lehmann-Grube Bürger der DDR – um deutlich zu machen, dass Leipzig für ihn keine Zwischenstation darstellte. Damals wollte er aus Hannover weg, weil er mit der dortigen Kommunalverfassung unzufrieden war, die ihm „die Rolle des buckelnden Verwaltungschefs zuweist“, wie er einmal in einem Interview mit der LVZ sagte. Er habe lieber gestalten wollen. „Ich hatte das Gefühl, dass hier etwas ganz Großes passiert. Da wollte ich mittun. Mit meinem kommunalen Handwerkszeug“, sagte der frühere Rathauschef. Das Ehepaar packte Hab und Gut zusammen, kam in Leipzig zunächst in einem ehemaligen Stasi-Gästehaus in Stötteritz unter.

Acht Jahre lang, von 1990 bis 1998, war er Leipzigs Oberbürgermeister und empfing dabei unter anderem die Queen auf dem Rathausbalkon. Am Sonntag ist Hinrich Lehmann-Grube im Alter von 84 Jahren gestorben. Wir zeigen Bilder aus seinem Leben.

Lehmann-Grube musste nach seinem Amtsantritt die Verwaltung völlig neu aufbauen. Dafür war er Experte, denn er hatte als junger Mann in der Hauptgeschäftsstelle des Deutschen Städtetages in Köln gearbeitet. In Leipzig prägte er in einer Mischung aus preußischer Disziplin und sächsischem Pragmatismus den Politikstil, nicht zuerst parteipolitisch zu denken, sondern über die Parteigrenzen hinweg am Gemeinwesen gemeinsam zu arbeiten. Das wurde zunächst in anderen westdeutschen Städten belächelt. Doch eben dieses „Leipziger Modell“ hat die Stadt in den Anfangsjahren nach der Friedlichen Revolution vorangebracht. Es galt Entscheidungen wie am Fließband zu treffen, auch unpopuläre. Aber es gibt halt keine sozialdemokratischen oder christdemokratischen Wasserrohre, die repariert werden müssen. „Wir bemühen uns bei vielen Dingen – ob das der Haushalt ist, ob es Investitionsentscheidungen sind – immer wieder um Diskussion und sachliche Zusammenarbeit“, sagte Lehmann-Grube gegenüber der LVZ kurz vor dem Ausscheiden aus dem Amt im Juni 1998. Dabei war der leidenschaftliche Bratsche-Spieler Argumenten recht aufgeschlossen. Er konnte sich auch revidieren, wie langjährige Weggefährten berichten. War Lehmann-Grube von einer Sache überzeugt, blieb er standhaft. Auch Kritiker schätzten diese Eigenschaft, die nur wenigen Politikern eigen ist.

Ein Beispiel dafür ist die Verlagerung der Messe in den Norden Leipzigs, die am alten Standort wohl der nationalen und internationalen Konkurrenz nicht standgehalten hätte. Dafür hat er immer geworben. Der Rat stimmte letztlich mit nur wenigen Gegenstimmen zu. Die Eröffnung der Neuen Messe bezeichnete er im Nachhinein als „schönsten Moment“ seiner Arbeit. Bitter war für ihn Mitte der 1990er-Jahre die Nachricht über den finanziellen Zusammenbruch der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB), der ihn damals völlig unvorbereitet traf. Große Abneigung musste er erleben, als der Hauptbahnhof umgebaut wurde und Gleise reduziert werden sollten. Später war es ihm eine Genugtuung, dass die Leipziger ihren umgebauten Bahnhof schnell ins Herz schlossen. Bald drehten sich an der Pleiße so viele Baukräne wie fast nirgens. Lehmann-Grube sah es als besonderen Vertrauensbeweis an, dass die Leipziger ihn – trotz damaliger verbreiteter Anti-Wessi-Stimmung – am 26. Juni 1994 im Amt bestätigten. Und zwar in direkter Wahl.

Hinrich Lehmann-Grube war pragmatisch. Anders als seinen Nachfolgern Wolfgang Tiefensee und Burkhard Jung lag ihm das Bad in der Menge eher weniger. „Ich habe keine Begabung zur Popularität. Dazu bin ich vielleicht auch von Natur aus ein bisschen zu streng, zu anspruchsvoll“, sagte er über sich selbst. Bei Dingen, die das Leipziger Selbstverständnis betrafen, hielt er sich ebenfalls zurück. Aber er hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Menschen Gestaltungskraft und Selbstvertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit zurückgewannen. „Leipzig kommt!“ war in jener Zeit mehr als ein Slogan, es war eine Bewusstseinslage. Am 14. Juli 1999 wurde Lehmann-Grube in Anerkennung seiner Verdienste zum Ehrenbürger ernannt. Er wurde Leipziger nicht durch Geburt, sondern weil er die Stadt prägte.

Mathias Orbeck

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