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Lokales Hochschulen in der Kritik: Nazigrößen als Ehrendoktoren?
Leipzig Lokales Hochschulen in der Kritik: Nazigrößen als Ehrendoktoren?
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21:40 16.07.2018
An mitteldeutschen Universitäten werden ehemalige Nazis als Ehrendoktoren geführt, ohne dass ihnen der Titel bislang aberkannt worden ist (Bild: Uni Leipzig) Quelle: dpa
Leipzig

Er setzte sich für „judenfreie“ Theater ein und verfasste Schriften wie „Weshalb ich gegen die Juden kämpfe“. Adolf Bartels (1895–1945) war ein NS-Vorkämpfer. Dennoch listet ihn die Universität Leipzig, an der er studiert hat, als Ehrendoktor auf.

Auch an anderen mitteldeutschen Universitäten werden ehemalige Nazis als Ehrendoktoren geführt, ohne dass ihnen der Titel bislang aberkannt worden ist. Nach Information von MDR aktuell insgesamt 38, darunter allein 17 an der TU Dresden. Die Uni Jena führt beispielsweise immer noch Paul Langhans (1867–1952), Herausgeber des Antisemitischen Monatsblatts und von 1909 bis 1942 Bundeswart des Deutschbundes, dessen Mitglieder sich als „rassische Elite“ sahen und eine „Vertiefung des Deutschtums“ anstrebten. An der Einrichtung an der Elbe stechen beispielsweise der Chef der Reichswirtschaftskammer Albert Pietzsch, Wehrwirtschaftsführer Heinrich Koppenberg und der frühere SS-Mann und spätere Metro-Gründer Otto Beisheim (1924–2013) hervor.

TU Dresden prüft Grad der Einbindung in Diktaturen

Die TU Dresden sei sich bewusst, dass in der Liste aller Ehrenpromovenden auch Personen aufgeführt seien, „die nach heutiger Rechtslage und Bewertung eine Ehrendoktorwürde nicht erhalten würden“, sagt TU-Sprecherin Kim-Astrid Magister. „Derzeit wird geprüft, welche Personen dies betrifft und wie man im Zweifel damit umgeht.“ Kriterien für die Prüfung würden unter anderem der Grad der Einbindung in Diktaturen beziehungsweise die rechtskräftige Verurteilung wegen eines Vergehens sein. Ein Vorgang, den man aber nicht innerhalb kürzester Zeit abschließen könne.

Stura fordert Aberkennung von Doktortiteln

Nach Ansicht des Studentenrats der TU Dresden dauert der Prozess schon viel zu lange. 1994 sei die Ehrendoktorwürde an Otto Beisheim verliehen und der Festsaal der Fakultät Wirtschaftswissenschaften nach ihm benannt worden, sagt Stura-Sprecher Lutz Thies den DNN. Die TU Dresden habe sich damit für die finanziellen Zuwendungen der Otto-Beisheim-Stiftung erkenntlich zeigen wollen. Schon damals kam der Verdacht auf, dass Beisheim Mitglied der SS-Leibstandarte Adolf Hitlers gewesen sein könnte, die an zahlreichen Kriegsverbrechen in Europa beteiligt gewesen war. 2005 wurde der Verdacht dann vom Bundesarchiv bestätigt, so Thies weiter. Auf massiven Druck der „Antifaschistischen Hochschulgruppe“ hin wurde der Saal später umbenannt. Bei dem Saal handelt es sich makabererweise um die ehemalige Gefängniskapelle der Haft- und Hinrichtungsanstalt „Münchner Platz“. Durch ihn führte der letzte Weg hunderter Gefangener, bevor sie von den Nazis ermordet wurden. Der Stura fordert, dass man Beisheim endlich auch den verliehenen Ehrendoktortitel aberkennt. Bei der Prüfung der jetzt bekannt gewordenen Fälle dürfe es nicht bleiben. Die Liste sollte konsequent durchgesehen werden, auch ob zu DDR-Zeiten unrechtmäßig Titel vergeben wurden. Ferner sollte rechtmäßig verurteilten Personen der Titel aberkannt werden. Als Beispiel nannte der Stura-Sprecher Südkoreas ehemalige Präsidentin Park Geun Hye, die wegen Amtsmissbrauchs hinter Gittern sitzt. Sie erhielt 2014 den Ehrentitel.

Endet die Ehrenpromotion mit dem Tod?

Für die Leipziger Universität stehe außer Frage, dass in der NS-Zeit auch einige fragwürdige Personen eine Ehrenpromotion erhalten haben. „Wie viele das im Falle unserer Universität sind, und wer genau, lässt sich heute schwer nachvollziehen“, sagte Sprecher Carsten Heckmann dieser Zeitung. „Viele Unterlagen dazu sind verbrannt oder anderweitig vernichtet worden.“ Aus juristischer Sicht spreche einiges dafür, dass sich eine Ehrenpromotion mit dem Tod der betreffenden Person erledigt habe. Die Uni distanziere sich ausdrücklich von Entscheidungen, die Akteure der Universität zur NS-Zeit aus Überzeugung oder Opportunismus gefällt haben. „Wir bedauern solche Entscheidungen und wollen solches Unrecht nie wieder zulassen“, so die Leipziger Uni-Rektorin Beate Schücking. In andern Unrechtsfällen sei man übrigens schon weiter, etwa bei der Rückgabe von enteigneten Büchern, die sich in Beständen der Uni-Bibliothek befänden, oder das Aufheben der in der NS-Zeit erfolgten Aberkennung von Doktortiteln.

Wissenschaftsministerin fordert Prüfung

Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) forderte die TU Dresden auf, belastete Ehrendoktoren zu überprüfen. Man müsse aber genau hinschauen, so die SPD-Politikerin. Es habe auch Menschen wie Günter Grass gegeben, die zwar im NS-Regime tätig gewesen seien, denen man aber jetzt nicht gleich alle Würden aberkennen müsse.

Andreas Dunte

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