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Lokales Hoffen auf ein pünktliches Probenende
Leipzig Lokales Hoffen auf ein pünktliches Probenende
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19:30 08.02.2016
Tobias Gründel, Victor Reiser, Ludwig Führer, Nathanael Vorwergk und Pascal Leonhardt (von links) bewerten wie alle Thomaner die vier Thomaskantor-Kandidaten. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Alumnat, Thomasschule und -kirche, Tourneen. Und natürlich Bach. Jede Menge Bach. Dies und noch viel mehr prägt das Leben eines Thomaners. Jährlich kommt eine neue Generation des weltberühmten Ensembles hinzu, seit mehr als 800 Jahren. Jene von 2013 wird die LVZ auf ihrem Weg zum Chor-Olymp in loser Folge begleiten. Heute: die Suche nach dem neuen Thomaskantor.

Ereignisreiche Wochen liegen hinter und vor den Thomanern. Drei der vier Kandidaten für das Thomaskantorat – Markus Teutschbein, Clemens Flämig und Markus Johannes Langer – haben ihre Visitenkarte in jeweils einer Probenwoche sowie drei öffentlichen Motetten/Gottesdiensten bereits abgegeben. Der finale Bewerber, Matthias Jung, folgt im April nach der Konzertreise, die das Ensemble vom 2. bis 17. März zu acht Aufführungen der Matthäus-Passion nach Hongkong und Shanghai in China, nach Südkorea sowie nach Japan führen wird.

Neben den Vorbereitungen auf diesen Jahreshöhepunkt bedeuten natürlich die Proben mit den Kandidaten eine zusätzliche Herausforderung – auch für jene Generation der Thomaner, die die LVZ über einige Jahre begleitet. Tobias Gründel (13) findet die Arbeit mit den unterschiedlichen Dirigenten eher „anstrengend“. Nathanael Vorwergk (11), Victor Reiser (11) und Ludwig Führer (11) einigen sich auf „ein bisschen“, während es Pascal Leonhardt (11) eigentlich „egal“ ist.

In den Proben werden die Thomaner von den Kandidaten ordentlich gefordert. „Gut artikulieren“, heißt es da beispielsweise. Oder: „Die Soprane müssen im ersten Satz superpünktlich einsetzen.“ Ohne kleine Reibereien geht es nicht ab. „Ich möchte jetzt bitte ein bisschen mehr Ruhe im Chor haben“, wird gefordert. Und auch kritisiert: „Ihr im Sopran habt heute verschiedene Tempovorstellungen.“ „Der erste Vokal muss sitzen, dann gut stützen“, folgen Hinweise.

Wie kommen die Kandidaten bei den Jungs an? „Einige sind nett, aber die Proben waren nicht so doll“, sagt Victor. Wenn ein Dirigent streng sei, komme der Chor besser durch die Proben. Nathanael findet „alle auf ihre Art nett“, aber durchaus unterschiedlich. „Einige waren streng, andere konnten motivieren“, lautet das Zwischenfazit von Tobias. Das von Ludwig lautet: „Es sind alles verschiedene Charaktere, jeder ist auf andere Weise gut.“ Und für Pascal sind die Unterschiede des Kandidaten zwischen Proben und Aufführungen interessant.

Unterdessen wird weiter an Details gefeilt. „Schaut bitte, ob ich mit meinem Schlag im Tempo weiterführe oder innehalte“, werden die Sänger aufgefordert. Und auch kritisiert: „Der Anfang gefällt mir noch nicht so gut“, heißt es. Oder gerichtet an die Tenöre: „Das ist hier kein Stück für Tenor und den Rest des Chores – bitte ein bisschen weniger.“ Einige der ganz Kleinen im Ensemble müssen sich fragen lassen, ob sie „wohl gerade aus dem Bett raus“ sind. Gegen Ende der Probe – während die ersten Besucher in die Thomaskirche strömen – gibt es die letzten Hinweise: „Wir müssen mit dem ,W‘ bis an die Schneidezähne“, lautet die Forderung. Außerdem muss der Kandidat klären, dass für den Notenwender des Gewandhaus-Bassisten ein Stuhl besorgt wird – stehend behindert er den Blick von Thomasorganist Ullrich Böhme an der Continuo-Orgel auf den Dirigenten. Und mit den Chorpräfekten ist zu diskutieren, ob die Thomaner nach dem Mendelssohn-Stück „doppelchorig“ stehen bleiben. Die Motette kann beginnen.

Intern gibt es für die Jungs schon eine kleine Rangfolge der bisher erlebten Kandidaten. „Doch es kommt ja nicht so sehr auf uns, sondern auf die Findungskommission an“, meint Ludwig. In einem ist sich das Quartett jedoch augenzwinkernd einig: „Wir hoffen auf einen neuen Thomaskantor, der die Proben pünktlich beendet.“

Doch bevor feststeht, ob ihr neuer Chef diese Hoffnung erfüllt, steht die Vorfreude aller auf die Asienreise im Mittelpunkt. „Wir fahren ja in kleinerer Besetzung und ich kann sagen, ich bin dabei“, ist Nathanael schon ein bisschen stolz. Ebenso wie Ludwig beherrscht er mit „Ni hao“ (Hallo) sogar schon einen chinesischen Begriff, Tobias und Pascal haben einen anderen („xie xie“, danke) auf Lager. Für Victor ist indes nur wichtig, dass er „den nervigsten Tag, den der Rückreise“ gut übersteht. Wie auch immer: Allen ist jedenfalls „yilu ping’an“ (Gute Reise!) zu wünschen.

Der Einfluss des Chores auf die Findung des neuen Thomaskantors

Offiziell wirkt kein Thomaner in der Findungskommission mit, die Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) einen Vorschlag für den künftigen Thomaskantor unterbreiten wird. Dennoch hat das Votum der Choristen ein ausnehmend großes Gewicht. „Es würde uns schon sehr wundern, wenn die Kommission völlig entgegen unserer Meinung entscheidet“, sagt der 1. Präfekt des Chores, Paul Bernewitz, selbstbewusst. Der 18-Jährige, der in diesem Sommer sein Abitur ablegen wird, hat gemeinsam mit seinen Mitstreitern im Vorfeld der Probenwochen mit den vier Kandidaten viel Zeit und Kraft investiert, um ein möglichst objektives Bewertungssystem auszutüfteln. Die Rohfassung wurde dann in enger Zusammenarbeit mit der Alumnatsleitung in einen optimalen Fragenkatalog verwandelt.

„Letztlich liefern wir der Kommission Informationen, wie der jeweilige Kandidat im Chor ankommt“, erläutert Paul. Dazu werde ein extra ausgearbeiteter Fragebogen am Donnerstag der jeweiligen Probewoche an alle Thomaner ausgeteilt. „Wir haben uns richtig Gedanken gemacht, wie wir unsere Bewertung festhalten, bevor der erste Kandidat zu uns kommt“, so der gebürtige Leipziger. Da sich das Auswahlverfahren über viele Monate hinziehe, wolle man so den Überblick behalten, wenn eventuell bei der finalen Abstimmung die ersten Kandidaten im Hinterkopf nur noch schemenhaft vorhanden sind. „So gibt es einfach bessere Vergleichsmöglichkeiten.“

Entstanden ist ein Papier mit sechs Fragekomplexen im musikalischen wie im pädagogischen Bereich. Hinzu kommt eine Bewertung des Gesamteindrucks. Alles kann angekreuzt werden – ein bis zehn Punkte stehen zur Verfügung. Und es gibt ein Feld für besondere Bemerkungen. „Uns war es auch wichtig, die Fragen einfach zu formulieren, damit die kleinen Thomaner diese auch verstehen“, sagt Paul. Konkret gehe es beispielsweise darum, wie der Umgang zwischen Chor und Kandidat gewesen ist, ob der Bewerber offen für Fragen ist, ob er begeistern und motivieren kann. „Aber natürlich auch darum, wie er als musikalischer Leiter wirkt und ob er die geistlichen wie theologischen Inhalte, die hinter vielen Gesangstexten stecken, auch erläutern kann“, erklärt der 1. Präfekt, für den die Probenwochen eine „sehr spannende Angelegenheit“ sind. „So ein aufregendes letztes Schuljahr haben sicher nur wenige“, ist er sich sicher.

Und wie sehen die Bewertungen der bisherigen Kandidaten aus? „Details darf ich natürlich nicht verraten“, lässt sich Paul nicht aus der Reserve locken. Doch allgemein könne er schon sagen, dass es „zweifelsfrei Unterschiede in der Wahrnehmung zwischen den Älteren und den Jüngeren“ gibt. Auch die Dispensierten (Thomaner im Stimmwechsel), die von den Proben freigestellt sind, hätten oft eine ganz andere Meinung. Insgesamt sei die Schwankungsbreite aber nicht sehr groß, alle bisherigen Kandidaten wären auf ihre Art sehr gut gewesen. Die Bewertungen hätten allesamt im oberen Bereich gelegen.

Interessant: Neben dem Chor-Votum können auch die Eltern ihre Eindrücke von den Kandidaten mitteilen. Zudem sind die Meinungen der „nichtmusikalischen Mitarbeiter“, der Stimmbildner sowie insbesondere die des Gewandhauses gefragt, das regelmäßig mit den Thomanern – auch bei Konzertreisen – auftritt. Der neue Thomaskantor soll übrigens Ende der Sommerferien präsentiert werden. Den dürften die Thomaner dann maßgeblich mitbestimmt haben. Und wenn es anders kommt? „Wie soll der Chor mit einem Kantor zusammenarbeiten, den er nicht will?“, so die Gegenfrage des Zwölftklässlers. Das wäre gewiss keine „wünschenswerte Situation“. Ebenso nicht, wenn es – was theoretisch möglich ist – keine Entscheidung für einen der Kandidaten gibt.

Eines ist Paul noch wichtig zu erwähnen: „Die verschiedenen Dirigenten haben uns unglaublich bereichert“, sagt er. Alle hätten sehr viel dazugelernt, der Chor werde dadurch flexibler.

Von Martin Pelzl

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