Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales Hupfelds Orchester erklingt im Schrank
Leipzig Lokales Hupfelds Orchester erklingt im Schrank
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:00 09.06.2018
Das Sinfonie-Jazz-Orchester der Leipziger Firma Hupfeld (Mitte) wurde über ein Papierband gespielt. Im oberen Teil sind noch zwei Granatsplitter aus dem Zweiten Weltkrieg zu sehen. Quelle: Dirk Knofe
Anzeige
Leipzig

In den Jahren zwischen 1876 und 1930 existierten in Leipzig mehr als 100 Fabriken und Werkstätten für den Bau selbstspielender Musikinstrumente. Den Schwerpunkt bildeten Lochplatten-Musikwerke und Notenrollen gesteuerte Klaviere und Klavier-Orchestrions. Mit einer kleinen Beitragsfolge erinnern wir dank freundlicher Unterstützung der Musikwissenschaftlerin Birgit Heise und des Sammlers Jost W. Mucheyer an fünf prominente Vertreter der einst so namhaften Zunft. Zum Abschluss: die Ludwig Hupfeld AG.

Unter den in Leipzig ansässigen Firmen nahm die Ludwig Hupfeld AG eine Spitzenstellung ein. Mit rund 1500 Beschäftigten im Jahre 1912, einem riesigen Produktionsspektrum sowie eigenem Großhandel zählte der Betrieb zu den weltweit größten dieser Art. Hupfeld bewies Ende des 19. Jahrhunderts größtes kaufmännisches Geschick und gutes Gespür für zukunftsträchtige, neu entwickelte Produkte. Durch Aufkauf der Firmen von J. M. Grob & Co. sowie R. Frömsdorf & Co. samt Übernahme des Personals schuf er die Basis für ein erfolgreiches Unternehmen. Die von Grob gebauten mechanischen Klaviere, Harmoniums und Vorsetzer produzierte und entwickelte Hupfeld weiter. Zugleich brachte er als Erster in Leipzig ein Flöten-Orchestrion auf den Markt.

Größte Bedeutung sollte die Einführung der pneumatischen Tonsteuerung erlangen, die eine ausdrucksstarke Wiedergabe von Klaviermusik mithilfe von Notenrollen ermöglichte. Der geniale Techniker Robert Frömsdorf hatte um 1900 pneumatisch gesteuerte Klaviere entwickelt. Jedoch fehlten ihm das nötige Kapital und betriebswirtschaftliche Fähigkeiten. Hupfeld übernahm dessen Fabrik, setzte Frömsdorf als Betriebsleiter ein und offerierte wenig später den Vorsetzer „Phonola“ in Konkurrenz zum amerikanischen „Pianola“. Hatte das „Pianola“ 66 Töne zur Verfügung und kostete 1200 Mark, so gab es die „Phonola“ mit 72 Tönen und geteilter Windlade schon für 850 Mark. Das machte sie zum weltweit gefragten Spitzenprodukt. Zu den Abspielgeräten benötigte man natürlich Musikstücke. Auch hier vollbrachte Hupfeld Höchstleistungen, indem er Pianisten ersten Ranges in seinen Aufnahmesalon bat, um die großen Werke der Klassik und Moderne einzuspielen, mit spezieller Technik aufzuzeichnen und daraus Notenrollen zu erstellen.

Klaviere bildeten zugleich die Grundlage für die reiche Palette an Orchestrions, die es in zahlreichen Modellen bis hin zu Jazzband-Orchestrions in den 1920er-Jahren gab.

1911 eröffnete Hupfeld ein hochmodernes Werk in Böhlitz-Ehrenberg. Im Weltadressbuch von Paul de Wit inserierte die Firma 1912: „…weitaus größte Fabrik Europas und ältester Großbetrieb in Klavierspielinstrumenten...“. Bis 2011 entstanden in den Gebäuden Klaviere.

Hupfeld brachte sein Riesenunternehmen über die schweren Zeiten des Ersten Weltkrieges und produzierte in den 1920er Jahren erneut in großer Stückzahl pneumatische Klaviere, Orchestrions und Notenrollen. 1925 fusionierte er mit Gebr. Zimmermann. Doch das Ende des Zeitalters der mechanischen Instrumente vermochte man nicht aufzuhalten und stellte mit Grammophonen und Radios die Unterhaltungstechnik der Zukunft her. Der Bau mechanischer Instrumente wurde zwischen 1933 und 1939 vollkommen aufgegeben, statt dessen entstanden Möbel, Tischbillards und Flugzeugteile sowie Handspiel-Klaviere und Flügel.

Ludwig Hupfelds Fabrik und seine Villa in Gohlis blieben vom Zweiten Weltkrieg verschont. Er musste jedoch die Enteignung 1946 als 82-Jähriger noch erleben. 1948 begann erneut der Bau von Klavieren. In der DDR, während der 1960er- bis 1980er-Jahre, kam es zu einer weiteren Blüteperiode: Pianos entstanden am Fließband. 38 Klaviere am Tag. Das war Rekord für Mitteleuropa. Unter dem Dach der VEB Deutschen Pianounion Leipzig wurden durch den Zusammenschluss mehrerer Betriebe alle für das Klavier wichtigen Gewerke vereint: von der Klaviaturen- über die Mechanikenfabrik bis zur Möbeltischlerei und Eisengießerei.

Nach dem Untergang der DDR musste sich das Unternehmen völlig neu strukturieren, ging in die Insolvenz, wurde 1997 von der Stuttgarter Firma C. Pfeiffer und 2009 schließlich von der Leipziger Firma Blüthner übernommen. In den 1990er-Jahren kam es noch zu einer Neuentwicklung, die zwar kaum Verbreitung erfuhr, aber die großartige Geschichte der namhaften Klavierautomaten-Firma gewissermaßen abrundet: das Hupfeld-Phonola-Digital-Piano mit Disketten-Laufwerk zum elektrischen Spiel des Klaviers, zum Aufnehmen und Wiedergeben des eigenen Spiels, sogar mit Orchesterbegleitung.

Quelle: Katalog zur Ausstellung „Leipzigs klingende Möbel – Selbstspielende Musikinstrumente 1880–1930“ https://mfm.uni-leipzig.de; www.eisenmuehle.de

Nach liebevoller Restauration erklingt am Sonntag (10. Juni) beim Tag der offenen Tür in der Eisenmühle Elstertrebnitz von 13 bis 18 Uhr auch das spektakuläre Hupfeld Sinfonie-Jazz-Orchestrion aus dem Jahr 1927 wieder. „Hier sind quasi in einem Schrank zehn Instrumente auf engstem Raum vereint“, erläutert Jost Mucheyer. „Es spielt erst seit Kurzem wieder, hat auch seine Kriegsnarben behalten: Ein Schrapnellsplitter steckt in der Krone des Aufsatzes, ein zweiter durchschlug das Gehäuse, ohne jedoch die Mechanik zu beschädigen“, sagt Mucheyer und lauscht versunken dem Evergreen „In einer kleinen Konditorei“...

Birgit Heise, Musikwissenschaftlerin an der Universität Leipzig, präsentiert an diesem Tag zugleich ihre Habilitationsschrift „Leipzig als Zentrum der Musikautomatenproduktion 1880 – 1930“. Ab 15 Uhr finden kurze Führungen durch die Musikinstrumentesammlung von Jost Mucheyer statt. Das Museums-Café Reiberei verwöhnt – wie jeden Sonntag – von 14 bis 18 Uhr mit süßen und herzhaften „Leckereyen“.

Von Cornelia Lachmann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Sohn Heinz, fast 90 Jahre alt, erinnert sich anlässlich des Leipziger Zoo-Jubiläums an seinen Vater Alwin Lohse: „Während seiner Zeit im Zoo kamen mehr als 2000 Löwen zur Welt“.

09.06.2018

Im Stadtteil Stötteritz schlagen die Wellen hoch, weil die Naunhofer Straße eine Fahrradstraße werde soll. Anwohner argwöhnen, dass die Stadt hinter ihrem Rücken Tatsachen schaffen will. Ein Brief von OBM Jung verstärkt den Argwohn.

09.06.2018

Durch die Sanierungen einer Trinkwasserleitung in der Riebeckstraße sowie der Fahrbahndecke auf der Riebeckbrücke, kommt es ab Juni in Leipzig zu Einschränkungen im Kfz- und Nahverkehr.

09.06.2018
Anzeige