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Lokales „Ich bin kein Mann fürs Gemüsebeet“
Leipzig Lokales „Ich bin kein Mann fürs Gemüsebeet“
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12:01 12.10.2018
Peter Degner mit Star-Dirigent Zubin Mehta (l.), der mit dem Bayrischen Staatsorchester in Leipzig gastierte. Rechts: Ulrich Reinhardt von Auerbachs Keller. Quelle: Foto: Armin Kühne
Leipzig.

Zum Dasein gediegener DDR-Bürgerlichkeit gehörte selbstverständlich auch ein Kleingarten. Unserer befand sich in der Schreberkolonie »Grüne Aue«. Mein Ding war das nie. Ich bin kein Mann fürs Gemüsebeet. Das Buddeln im Erdreich, das Unkrautzupfen und Tomatenpflücken – nichts für mich. Mir fehlt das Gen, zwischen Rasen, Rosen und Laube das Idyllische zu erkennen. Die Geborgenheit und den Seelenfrieden, den der Vereinsgarten für nicht wenige bedeutet, empfand ich stets als Langeweile, wenn auch keine, die quälte. Das Schlimmste an unserem Laubenpieperdasein aber war eine Familie, die ihre Freizeit zwei Gärten weiter verbrachte. Vier Kinder plus Hund, der Ratte hieß, und allesamt ständig am Brüllen, Heulen, Kläffen. Idylle und Ruhe bei Gartenarbeit konnten da selbst meine Eltern vergessen. Was ich aber trotz meiner Vorbehalte bis heute als schön erinnere, ist der Geruch alter Lauben: ein wenig muffig, ein wenig nach frisch geschnittenem Gemüse und Obst, nach Tabak und Bohnerwachs. Die freundliche Enge eines „Klein-aber-mein“. Eine Geborgenheit, die immer etwas außerhalb des Alltäglichen lag. Und dann gab es da ja auch noch die Gartenkneipen. Private, versteht sich. Wunderbar! Sommerfeste mit roter Fassbrause und Bockwurst unter Lichtgirlanden. Der Auftritt von Musikern, wie man sie heute kaum noch oder gar nicht mehr sieht. Wie aus alten Genrebildern entstiegen, vom Leben gezeichnet. Einer hieß „Alter Hesse“ und spielte den Zerrwanst. Einen anderen nannte man „Pullernder Geiger“. Der Kerl trank gern einen über den Durst, um nicht zu sagen: Er war meist besoffen. Und wenn er das war, war er beim Geigespielen oft so in seine Musik vertieft, dass er sich dabei, Harndrang und Beherrschung vergessend, schon mal in die Hosen schiffte...

20 Jahre lang traf sich Peter Degner (M.) mit seinen Freunden Ina und Michael Gräfe samstagnachmittags zum Spaghetti Essen. Quelle: Heiko Halwass

Dann die Frühschoppen, zu denen Vater mich mitnahm. Der Geruch von Bier, öligem Fußboden, Tabakschwaden. Das sonore Stimmengewirr der Männer. Ich erinnere mich an Kneipier Nussbaum. Schöner Name für einen Kneipier. Nussbaum war ein großer, schlanker Mann, sehr ruhig, immer souverän. Seine Frau Hannelore war die „Mutter der Kneipe“ und Köchin für erstklassige Hausmannskost: Eierflockensuppe, Schnitzel. Ich liebe diese guten, einfachen Essen bis heute. In der Nussbaumschen Kneipe war es immer voll; man fühlte sich einfach wohl dort. Wie überhaupt immer in den privat betriebenen Kneipen. Und Geschäften auch. Das war was ganz anderes als in staatlichen, volkseigenen Läden. In den Bäckereien Auerswald und Brause standen wir Kinder immer vorm Tresen und schnurrten: „Haben sie Kuchenränder?“ Und immer gab es was. Unsere säuselnde Frage variierte natürlich von Geschäft zu Geschäft. Beim Fleischer Schubert hieß es: „Haben Sie Wurschtzippel?“ Lakritzstangen kauften wir für einen Groschen bei Frau Spanier. Im Kolonialwaren Löffler gab es Brühgurken aus dem Fass. Butter war Mangelware, und man erhielt sie nur auf Zuteilung. Noch heute weiß ich unsere Butternummern: 110 und 112. Als Vierzehnjähriger half ich in der Bäckerei Brause mit, um mir etwas Geld zu verdienen. Morgens um vier formte ich die ersten Brote. Natürlich schiebe ich diesem ermüdenden Umstand nicht meine lausigen schulischen Leistungen in die Schuhe. Auch in den Ferien habe ich gearbeitet, als ich alt genug war. Auf dem Gemüsemarkt zum Beispiel, der befand sich damals inmitten der Stadt, gegenüber vom Centrum-Warenhaus, heute Karstadt. Da stand ich und verkaufte Kartoffeln. Im grauen Kittel, bei jedem Wetter ...

Peter Degner (r.) holte Ray Charles (M.) nach Leuna, wo der Soulkönig vor dem hellerleuchteten Chemiewerk auftrat. Quelle: Armin Kühne

Das Leben damals war leicht. Meines jedenfalls. Aber auch insgesamt scheint es mir im Rückblick, dass man damals übermütiger einerseits und empfänglicher für die kleinen Freuden andrerseits war. Es existierte innerhalb des DDR-Systems eine Freiheit besonderer Art. Und mag man damals auch allseits von der Planwirtschaft schwadroniert haben, ist doch das heutige Leben der Menschen viel durchgeplanter. Man könnte von allem viel freier sein, traut es sich aber nicht. Stattdessen lässt man sich ohne Not bereitwillig dressieren. Karriere machen, Geld verdienen, konkurrenzfähig sein – man knechtet sich damit in einer Weise, die in der DDR aus vielfältigen Gründen weitgehend irrelevant gewesen ist. Ich war als Kind wohlbehütet. Politisch zugeschüttet – stimmt nicht. Den Politmüll hat man als solchen erkannt, er war präsent, wie es Abfall eben ist. Aber das Leben spielte nicht auf dieser Müllhalde. Und wenn man doch damit zu tun bekam, hatte man einen zuweilen grimmigen Humor entwickelt, damit umzugehen ...

Am 25. Oktober um 19 Uhr ist Peter Degner mit seinem Buch zu Gast in der LVZ-Kuppel (Peterssteinweg 19) und plaudert mit LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer. Karten gibt es in allen LVZ-Geschäftsstellen, bei ticketgalerie.de und über die Hotline: 0800 2181-050 (kostenfrei).

Peter Degner „... und ich dreh mich noch mal um“; Vom Grabredner zum Impresario; 272 Seiten; Verlag neues leben; ISBN 978-3-355-01872-2; 17,99 Euro. Das Buch kann vorbestellt werden unter www.lvz-shop.de.

Von Peter Degner

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