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„Ich habe Zeit für Sie“ - Krisen-Interventionsteam über zwischenmenschliche Schwerstarbeit

„Ich habe Zeit für Sie“ - Krisen-Interventionsteam über zwischenmenschliche Schwerstarbeit

Corinna Linde lächelt und schüttelt den Kopf: „Für Eheprobleme oder ähnliche Betreuungswünsche privater Selbstmelder sind wir gewiss nicht die richtigen Ansprechpartner.

Leipzig. Wenn das mal vorkommt, vermitteln wir  aber an kompetente Stellen weiter.“ Denn: Linde ist Vorsitzende des Leipziger Krisen-Interventionsteams (Kit). Ein Trupp nahezu idealistisch-engagierter Ehrenamtler, die bei traumatischen Lebensereignissen wie Tod oder Gewalt umgehend zur Stelle sind und sich um jene kümmern, für die vor Ort Feuerwehr, Polizei oder Notärzte dann kaum Zeit haben: um Hinterbliebene.

 „Stellen Sie sich vor“, verdeutlicht Linde, „eine junge Frau öffnet die Wohnungstür, schaut entsetzt auf zwei Polizisten. Und auf ihre bange Frage ,Ist was passiert?’ heißt es dann korrekt: ,Wir müssen Ihnen leider sagen, das ihr Sohn auf dem Heimweg von der Schule einen Verkehrsunfall hatte. Er ist tot.’ Wie gut, wenn in einer solchen schlimmen Situation da noch jemand in einer roten Jacke hinter den Polizisten steht und sagt: Ich habe Zeit für Sie ’“.

In der roten Jacke steckt dann einer  ihrer Kit-Mitarbeiter und oftmals auch sie selbst. 25 Aktive sind es insgesamt, die sich gegenwärtig mit ihrer Freizeit in den Rund-um-die-Uhr-Dienstplan einbringen - Ärzte, Psychologen, Pfarrer, Krankenschwestern, Sozialpädagogen, Sozialarbeiter. Auch eine Musikerin und ein Feuerwehrmann gehören dazu. Und in einer gerade angelaufenen neuen Ausbildungsrunde engagieren sich selbst eine Hebamme und eine Bürokauffrau. Allein in diesem Jahr wurden die Kit-Mitarbeiter von Polizei und Rettungsdienst bereits zu gut zwei Dutzend Einsätzen geholt. Dazu kamen unter anderem noch einige telefonische Beratungen für Helfer. „Der Unterstützungsbedarf in der Bevölkerung ist durchaus da“, sagt Linde bei ihrem Besuch im LVZ-Stadtbüro.

Zumeist sei das bei häuslichen Todesfällen erforderlich, so ihre Erfahrung. „Aber auch bei Suizid, eingangs erwähnten Verkehrsunfällen oder eben nach Gewalttaten. Ebenso haben wir bei plötzlichem Kindstod schon versucht, verzweifelten Eltern etwas Halt zu geben. Oft sorgen wir nach einem schlimmen Ereignis auch für eine weiterreichende, längerfristige Nachbetreuung von Betroffenen.“

Und was man dafür auf jeden Fall immer und dringend gebrauchen könne, seien weitere Mitstreiter. Linde ist fest überzeugt, dass der Ehrenamtsjob, der - einmal unverblümt gesagt - zwischenmenschlicher Schwerstarbeit gleichkommt, nicht nur etwas für Leute mit medizinischer oder seelsorgerischer Profession ist. Die Vorbedingungen seien „eher menschlicher Natur“. „Das kann fast jeder leisten, vorausgesetzt, er ist mindestens 25 Jahre alt, körperlich und seelisch belastbar, zuverlässig und teamfähig, einfühlsam und tolerant. Etwas organisieren möchte er allerdings können, eine Fahrerlaubnis haben und möglichst auch im Einzugsbereich wohnen.“ Zudem müsse sich ein jeder im Klaren sein, dass es eine sehr freizeitintensive Aufgabe ist, so die Kit-Chefin. Aber eine, die halt wirklich sehr sehr benötigt wird. „Und wobei auch niemand in unserem Team allein gelassen wird.“

Zunächst einmal werde im Kit selbst für die erforderliche Ausbildung gesorgt. „Die Wissensvermittlung erfolgt in einem 60-stündigen Kurs, wir nutzen dabei ein selbst gedrehtes interaktives Video mit typischen Betreuungssituationen, anschließend wird per Rollenspiel geübt. Nicht zuletzt werden die ,Neulinge’ dann auch erst noch fünfmal von ,alten Hasen’ zu Einsätzen des Teams mitgenommen, zu Hospitationen sozusagen, ehe sie selbstständig agieren.“ Überdies gebe es monatlich ein gemeinsames Treffen - Weiterbildung und Gedankenaustausch über Erlebtes in einem, beschreibt es Linde.

LVZ vom 22. März 2011

Angelika Raulien

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