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Lokales „Ich habe gern Erfolg – nach wie vor“
Leipzig Lokales „Ich habe gern Erfolg – nach wie vor“
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00:20 27.02.2018
Ex-Stadtwerke-Chef Wolfgang Wille und seine Frau Ewa haben sich in Stötteritz eingerichtet. Sie hat dort eine Villa aus dem Jahr 1904 aufwendig saniert. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

An seinem 70. hatte er sich noch eine Davidoff-Zigarre genehmigt. Die Banderole fehlte damals. Damit nicht jeder sah, wie teuer das Vergnügen ist. Heute raucht Leipzigs Stadtwerke-Gründer Wolfgang Wille nicht mehr. Ein Gefäßverschluss im Bein, der operiert werden musste, hat ihn von einen Tag auf den anderen aufhören lassen. Doch seine blauen Augen sind noch genauso wach wie früher. Und wenn er in seinem Haus in Stötteritz einen Arm um seine Frau legt, lächelt er ähnlich zufrieden wie damals im Jahr 2006, als er mit Leipzigs Stadtwerken zum ersten Mal ein operatives Ergebnis von 65 Millionen Euro erzielte. „Ich habe gern Erfolg – nach wie vor“, sagt er heute.

Seine Frau Ewa hat in den vergangenen Jahren eine erworbene verfallene Villa in ein Kleinod verwandelt. „Das hat sie gut gemacht“, meint Wille und schwärmt: „Sie hat ein ungeheures Gedächtnis, hört viel zu – und manchmal auch auf mich.“

Berateraufträge in Polen und Russland

Für den Volljuristen und gebürtigen Saarländer, der von 1992 bis Mitte 2007 aus Leipzigs Stadtwerken einen städtischen Vermögenswert von rund einer Milliarde Euro gemacht hat, sind solche Eigenschaften wichtig. Denn er und sie sind heute als Berater in der Energiebranche unterwegs – vor allem in Polen und in Russland. Sie beraten Firmen, die innovativ Energie-Projekte realisieren wollen und jetten mehrmals im Jahr zu einem südrussischen Fernwärme-Versorger, dessen Aufsichtsratsmitglied Wille ist.

Natürlich verfolgt der Ex-Geschäftsführer auch, was seine Nachfolger in den Stadtwerken so machen. Es wurmt ihn etwas, dass sie im vergangenen Jahr nicht das 25-jährige Bestehen der Neugründung gefeiert haben. Und dass sie jetzt erwägen, die gewinnträchtigen Polen-Engagements zu verkaufen, die er im Jahr 2002/3 begonnen und anschließend ausgebaut hat. Als sein „Polen-Abenteuer“ war dies damals in Leipzig von vielen kritisiert worden. „Seit langem liefert dieses Engagement jährlich zehn Millionen Euro als Beteiligungsergebnis nach Leipzig“, sagt er. „Das ist gemessen an dem Investment von rund 70 Millionen Euro eine ganz ordentliche Rendite.“

„Ich würde nicht verkaufen“

Auch kaufmännisch hat er den erwogenen Verkauf des Polen-Geschäfts schon mal überschlagen. „Sie würden wohl 160 bis 180 Millionen Euro dafür bekommen“, denkt er laut nach. „Aber eine ziemlich sichere Rendite verlieren.“ Die als Verkaufs-Begründung angeführte Gefahr, dass die national-konservative polnische Regierung die Beteiligung in Nöte bringen könnte, sieht er nicht. „Das ist unwahrscheinlich“, glaubt Wille, der jedes Jahr mehrfach in Polen unterwegs ist und über seine aus Polen stammende Frau Ewa exzellente Kontakte in das Land hat. „Ich würde nicht verkaufen.“

Der Ex-Geschäftsführer würde ganz anders vorgehen: Das Polen-Geschäft würde er weiter entwickeln und so die Rendite erhöhen. Auch in Leipzig würde er expandieren – zum Beispiel über die Stadtwerke Dienstleistungen an kleinere Stadtwerke verkaufen und IT-basierte Geschäftsmodelle für Strom und Gas entwickeln. „Das ist die Zukunft bei Strom und Gas“, ist er sich sicher. Auch die Frage, wie Leipzigs Strom- und Fernwärme-Versorgung aussehen sollte, wenn das Kohle-Kraftwerk Lippendorf spätestens im Jahr 2035 planmäßig vom Netz geht, würde er jetzt thematisieren – und Alternativen entwickeln.

Privates Glück in Stötteritz

Für Wille, der in seiner Jugend im Zehnkampf die Nummer Zwei des Saarlandes war und als Volleyballer gegen Frankreich in der deutschen Studentenauswahl stand, agiert Leipzigs Stadtkonzern zu defensiv. Sicher sei es wichtig, keine Fehler zu machen, räumt er ein. „Aber wenn man vor dem ersten Schritt immer wissen will, wie man den hundertsten Schritt macht, wird man den ersten wahrscheinlich nicht machen – denn dann ist die Konkurrenz schon 50 Schritte voraus“, sagt er.

Der ganz große Ehrgeiz ist dem Wahl-Leipziger aber inzwischen abhanden gekommen. „Ich muss mir nichts mehr beweisen“, lautet seine Devise. Nach zwei Fahrradunfällen hat er das Fahrradfahren aufgegeben und macht auch sonst „keinen großartigen Sport mehr“. Dafür isst er gern. „Meine Frau kocht fantastisch“, schwärmt er.

Private Urlaubsreisen haben für ihn an Reiz verloren. Weil die Sanierung der denkmalgeschützten Villa in der Naunhofer Straße viel mehr Zeit gebraucht hat als geplant, sind die Willes zum letzten Mal vor fünf Jahren in einen Urlaub verreist. „Ich fühle mich hier am wohlsten“, sagt der heute 75-Jährige und zeigt seinen Lieblingsplatz: Eine große Dachterrasse mit Blick auf das Völkerschlachtdenkmal.

Trotzdem ist er als gefragter Berater weiter in der Welt unterwegs. Im Juni geht es wieder zum Energieunternehmen in Rostow am Don. „Da schauen wir uns dann auch gleich die Fußball-Weltmeisterschaft an“, freut er sich.

Von Andreas Tappert

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