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Im Schockraum – Ein Abend in der Notaufnahme der Leipziger Uni-Klinik

Notfallmedizin Im Schockraum – Ein Abend in der Notaufnahme der Leipziger Uni-Klinik

Lebensgefahr oder Lappalie? Weil Notaufnahmen in Sachsen aus allen Nähten platzen, fordern Mediziner eine Extra-Gebühr. In der Notaufnahme der Uni-Klinik Leipzig sind Ärzte rund um die Uhr im Einsatz und helfen allen – vom Schwerverletzten bis zum Verschnupften. Ein Report vom Samstagabend.

Ein Abend in der Notaufnahme der Uni-Klinik.

Quelle: Christian Modla

Leipzig. 18 Uhr: In der Anmeldung der Zentralen Notaufnahme (ZNA) des Uni-Klinikums (UKL), Paul-List-Straße 27, setzt sich gerade ein Ehepaar zu den knapp ein Dutzend Wartenden. Die meisten sind in Begleitung, murmeln. Professor André Gries erwartet uns. Der Chef der ZNA, der 2011 aus Heidelberg nach Leipzig kam, „um hier die Notaufnahme neu zu strukturieren“, müsste laut Dienstplan keinen weißen Kittel tragen. „Das übernehme ich schon, die Kollegen haben genug zu tun“, sagt der 49-Jährige und breitet Tabellen und Grafiken aus. Die Notfallversorgung ist, wie berichtet, wegen Überlastung, zu vieler Bagatellfälle und Extra-Gebühren in aller Munde.

„Im Jahr 2005 wurden hier 25.226 Notfallpatienten behandelt, 2014 waren es 34.058“, konstatiert der Mediziner. Jeder Zweite komme mit Rettungs- und Notarztdienst oder per Hubschrauber und müsste sofort angesehen werden. „Das ist ein unheimlich hoher Anteil an schwer Erkrankten oder Verletzten, die wir am UKL versorgen.“ Das sei nicht überall so und deshalb der reine Vergleich von Patientenzahlen wenig aussagekräftig. Um den wachsenden Anforderungen am UKL gerecht zu werden, sei trotz moderner Gegebenheiten ein Umbau, wie im Vorjahr beschlossen, unverzichtbar. Binnen zehn Jahren kamen fast ein Drittel mehr Patienten. Die Räume blieben gleich. „Die Arbeit macht Spaß, aber es existieren Probleme, die keinen Spaß machen. Zum Beispiel arbeiten wir am personellen Limit. Weiteren Abbau verkraften wir nicht“, warnt Gries. Bei rund 100 Patienten am Tag führe der zwangsläufig zu Behandlungsproblemen.

19 Uhr: Ein Blick in den Computer zeigt: 71 Patienten bisher; Verweildauer zwischen sieben Minuten und fünfeinhalb Stunden. „Das ist in Ordnung“, resümiert der Chef, ehe er noch eine Runde durch seine Abteilung dreht. Assistenzarzt Johannes Broschewitz (30) aus der Bauchchirurgie bereitet sich auf seinen Feierabend vor. Thomas Ebert (30) hat Zwischendienst. Oberarzt Thomas Hartwig (45) führt die Geschäfte bis Montag früh, sieben Uhr. „Konnte die kranke Kollegin ersetzt werden?“, fragt Gries. Hartwig nickt. „Es ist immer schwierig, Ersatz zu finden. Fragen, bitten, betteln“, so der Chef vom Wochenende. „Das ist mein sechster Nachtdienst“, sagt Marc Andrea, Assistenzarzt für Innere Medizin. Zum Glück hatte er noch nichts vor, als halb vier der Anruf kam. „Da die vergangenen Abende nicht allzu stressig waren, bin ich jetzt hier.“ Von 19 bis 7 Uhr müsse er nun wieder schnell handeln und schnell versorgen. „Das mach’ ich doch gerne, das Klima ist gut hier“, sagt der 29-Jährige.

19.30 Uhr: In Hartwigs Kittel klingelt’s. Die Rettungsleitstelle. „ Unfall auf der A 14, in zehn Minuten kommt der Hubschrauber“, wiederholt der Oberarzt und fragt noch: „Wurde intubiert, beatmet?“ Dann läuft alles wie am Schnürchen. Das sei wie beim Formel-1-Boxenstopp, hatte Professor Gries bereits erklärt. Jeder Handgriff sei geübt, jede Position müsse aber eben auch besetzt sein.

20 Uhr: „Wir brauchen Hilfe im Schockraum!“ Während Ärzte und Schwestern im sogenannten Polytrauma verschwinden, sucht die Besatzung vom ADAC-Rettungshubschrauber einen Raum, um ihre Ausrüstung vom Blut zu reinigen. Schwester Britta, seit 2000 in der Notaufnahme arbeitet und heute bis 22.30 Uhr Schichtleiterin, wird später sagen, dass es sie immer noch berührt, wenn das Team um Patientenleben kämpft. Was sich mit den Jahren verändert hat? „Ich denke manchmal, es kommen doppelt so viele Patienten und ganz viele mit Lappalien. Das gab es so früher nicht. Husten, Schnupfen, Einsamkeit sind doch nichts für die Notaufnahme.“

Während die Helfer beim Unfallopfer sind, ist im Überwachungsraum relative Ruhe. Fünf der acht Behandlungsplätze sind belegt. Ein Herr mittleren Alters wird zur Untersuchung abgeholt. Rita Quissek legt sich noch mal hin. Die 77-Jährige ist zum ersten Mal in einer Notaufnahme. „Gestern waren wir noch im Gewandhaus. Aber da fing es schon an, dass ich links nicht mehr richtig sehen konnte“, erzählt sie. Weil es nicht wegging, habe sie den Bereitschaftsdienst angerufen. „Der riet, in die Uni zu gehen. Also rief ich ein Taxi.“ Seit 13 Uhr sei sie nun hier. „Ist schon lange“, räumt sie ein. Aber sie sei immer überwacht gewesen und untersucht worden. Die Diagnose fällt bei der rüstigen Rentnerin und früheren Turnerin nicht leicht. Sie muss bleiben. Ihr Mann bringt ein paar Sachen, ein freies Bett ist nicht leicht zu finden.

Auf ein Bett und den Chirurgen wartet Sabrina Gründel. Die 20-Jährige hatte sich wegen Bauchwehs in der vergangenen Nacht bereits in der Thonbergklinik vorgestellt. Wegen erhöhter Leberwerte sei sie dann angerufen und ins UKL geschickt worden. „Ich muss vielleicht zum ersten Mal operiert werden“, ist die Mutter einer einjährigen Tochter besorgt.

20.30 Uhr: Die Tür zum Polytrauma ist wieder offen. Schwester Susan listet Kleidung und Papier des Verunglückten auf. Plötzlich singt leise eine Männerstimme eine Ballade. „Sein Handy“, sagt die 28-Jährige. Abnehmen wird die Medizinstudentin, die einen Umweg als Schwester machte und seit 2010 in der ZNA arbeitet, nicht. Dass ihr Wachmann René Bertram zuschaut, stört sie nicht. „Im Gegenteil, wir sind froh, dass sie da sind.“ Mitarbeiter der Firma Securitas sind nachts vor Ort, falls Patienten handgreiflich werden. „Vor allem bei Betrunkenen und Berauschten passen wir auf, dass nichts passiert.“

21 Uhr: Eigentlich wollte Oberarzt Hartwig kurz nach Hause. Duschen, essen, ruhen. Doch erneut klingelt eines seiner drei Handys. Hartwig ist seit dreieinhalb Jahren in der ZNA. Nicht leicht für den Vater zweier Söhne. „Familienleben ist am Wochenende schwer möglich. Meine Frau ist Krankenschwester“, erzählt er und beißt in sein Brötchen. Also kein Abendessen daheim? „Doch, das ist mein Frühstück.“ Ein junger Mann, dem das Auge genäht wurde, sucht den Ausgang, sagt „Auf Wiedersehen!“. „Tschüss heißt das bei uns, nicht Wiedersehen“, ruft ihm Hartwig hinterher.

Bis Mitternacht werden 97 Patienten gezählt, drei mit Alkoholproblemen. „Ein ruhiger Tag“, resümiert der Oberarzt. Cornelia Lachmann

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