Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales „Immer bunter“: Zeitgeschichtliches Forum zeigt Schau über Einwanderung
Leipzig Lokales „Immer bunter“: Zeitgeschichtliches Forum zeigt Schau über Einwanderung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:44 07.10.2015
Ein Ramadankalender – hier werden christliche und muslimische Traditionen gemischt. Quelle: Foto: André Kempner
Anzeige
Leipzig

Ein Mann mit hochgeschlagenem Kragen, gesenktem Blick und nur einem Koffer steht für die erste Generation von „Gastarbeitern“, die Mitte der 1950er Jahre in die alte Bundesrepublik gerufen wird. Die Skulptur ist am Eingang zur Sonderschau „Immer bunter“ im Zeitgeschichtlichen Forum präsent, die Deutschland als Einwanderungsland beleuchtet. Dabei geht es zwar vorrangig um Arbeitsmigration, wobei auch das abgeschottete Dasein von vietnamesischen oder kubanischen Vertragsarbeitern in der DDR betrachtet wird. Ebenso wie die Solidarität, etwa im Vietnam-Krieg oder mit den politischen Immigranten aus Chile.

Durch die Flüchtlingskrise in Europa bekommt die Ausstellung, die am Mittwochabend eröffnet wird, nun eine ungeheuere Aktualität. „Es ist aber eine historische Ausstellung zu einem Thema, das seit Jahrzehnten Relevanz hat“, sagte Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte. Mit 800 Schriftstücken, Fotos, Kunstwerken und Alltagsgegenständen zeigt das Forum die verschiedenen Phasen der Zuwanderung.

Mit der Sonderschau „Immer bunter. Einwanderungsland Deutschland“ lenkt das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig den Blick auf Zuwanderung.

„Dass die Ausstellung so aktuell werden würde, hätten wir nicht geahnt“, ergänzt Museumsdirektor Jürgen Reiche. Fast jeder fünfte Deutsche habe heute einen Migrationshintergrund. „Dieser Zuzug hat die Gesellschaft reicher gemacht.“ Eben nicht nur um Döner, Pizza oder Spaghetti, die auf den Tellern ebenso zu Hause sind wie das Schnitzel. Mittlerweile sind Einwanderer der zweiten oder dritten Generation integriert, leben als Unternehmer, Wissenschaftler, Sportler in der sich verändernden Gesellschaft. Viele bleiben aber auch die „fremden Deutschen“.

Ausgestellt ist ebenfalls eine Skulptur aus gestrandeten Wrackteilen des Italieners Giacomo Sferlazzo. Sie stammen von gekenterten Flüchtlingsbooten aus dem Mittelmeer. „Immer bunter“ spart allerdings auch Konflikte, Spannungen und Gewalttaten nicht aus, spricht ausländische Jugendgangs ebenso an wie rechtsradikale Gewalt. So ist die Kofferbombe zu sehen, die auf dem Kölner Hauptbahnhof explodieren sollte.

Allein der Begriff „Gastarbeiter“, die die alte Bundesrepublik als Arbeitskräfte für den wirtschaftlichen Aufschwung anwarb, steht für Heimkehr. Und die zwei kleinen Italiener, die Cornelia Froboess einst im Schlager besingt, träumen ja auch von Napoli. Und es gibt mit dem Rückkehrförderungsgesetz sogar finanzielle Anreize, um zurückzukehren. Als es 1973 in Folge der Ölkrise zum Anwerbestopp kommt, beschleunigte sich die Entwicklung, die sich bereits abgezeichnet hatte: Viele Gastarbeiter entschieden sich, dauerhaft zu bleiben und ihre Familien zu holen. Seit den 1990er Jahren kommen auch Flüchtlinge und Asylbewerber, die eine gute Zukunft für sich und ihre Familien suchen. Vor allem als es zum Krieg auf dem Balkan und dem Zusammenbruch der Sowjetunion kommt. Berichte über „Scheinasylanten“ und „Asylbetrüger“ sind seitdem allgegenwärtig und führen zu Ängsten in der Gesellschaft.

Die Schau zeigt viele Dokumente. Aber auch Exponate wie ein Moped, ein Geschenk für den millionsten Gastarbeiter. Oder einen Kalender, der eigentlich für den Advent steht. Doch es gibt 30 Säckchen, weil es um Süßigkeiten im Ramadan geht. So werden christliche und muslimische Traditionen verknüpft. „Wir hoffen, dass wir auch ein junges Publikum anziehen – es gibt ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm“, so Hütter. Im Haus der Geschichte in Bonn, wo die Schau vorher zu sehen war, kamen 113 000 Besucher. Geplant ist, sie anschließend in Berlin zu zeigen.

Der Eintritt ist frei. Geöffnet ist dienstags bis freitags 9 bis 18 Uhr, am Wochenende 10 bis 18 Uhr.

Von Mathias Orbeck

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Haema-Blutspende sowie die Blutbank des Uniklinikums Leipzig suchen dringend Spender. Das schöne Wetter war nicht förderlich für die Vorräte.

06.10.2015

Die Verbraucherzentrale in Leipzig ist Ende dieser Woche nicht geöffnet. Beratungen gibt es nur in der Nebenstelle sowie am Telefon.

06.10.2015

Bei der Legida-Demo am Montagabend hat sich der Bundesvorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, dem Gegenprotest angeschlossen und deutliche Kritik an dem fremdenfeindlichen Bündnis geübt. Auf seiner Rückreise geriet er in einen Pulk von Legida-Anhängern. Im Interview mit LVZ.de spricht er über seine Eindrücke aus Leipzig.

06.10.2015
Anzeige