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Lokales Immer mehr Fahrgäste – Leipzigs Verkehrsbetriebe sind auf Wachstumskurs
Leipzig Lokales Immer mehr Fahrgäste – Leipzigs Verkehrsbetriebe sind auf Wachstumskurs
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00:15 26.07.2016
Ulf Middelberg und Robert Richter von den Leipziger Verkehrsbetrieben in der Dispatcherzentrale. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Wie es um die Kapazitäten der LVB bestellt ist, zeigt sich bei Großveranstaltungen – zum Beispiel bei ausverkauften RB-Fußballspielen oder Auftritten von internationalen Stars. „Dann müssen wir fast unsere gesamte Fahrzeugflotte in die Waagschale werfen“, berichtet Robert Richter, Leiter des LVB-Fahrzeugservice. Einige Tage vor dem Ereignis werden dafür die Werkstattaktivitäten angepasst. „An solchen Tagen darf kein Fahrzeug wegen einer kleineren Durchsicht oder einer Schönheitsreparatur ausfallen“, sagt Richter. Dadurch können im Straßenbahnhof Angerbrücke bis zu 40 zusätzliche Züge bereitgestellt werden, um die schnelle Beförderung der vielen Veranstaltungsbesucher abzusichern.

Auch an ihren beiden anderen Hauptstandorten ziehen die LVB alle Register, um die Leistungsfähigkeit auszureizen. „Im Straßenbahnhof Dölitz bekommen die Fahrer abends automatisch die Abstellposition zugewiesen, auf der ihre Bahn am nächsten Morgen in der richtigen Reihenfolge startet“, erzählt Richter. Ausrückzeiten werden berücksichtigt, Zuglängen und Fahrzeugtypen. Auch für Spezialbahnen wie Fahrzeuge zur Fahrgastzählung, Werkstattwagen und Fahrschulfahrzeuge werden die Weichen automatisch gestellt – nicht mehr von Rangierern, die das früher von Hand taten.

Gesteuert und überwacht wird alles von einer Mini-Dispatcheranlage im Straßenbahnhof. Auch Kameras sind eingebunden, die die Abläufe auf dem Betriebsgelände erfassen. „Dadurch kann künftig der gesamte Hof am Tag auch per Fernsteuerung von unserem Disponenten im Straßenbahnhof Angerbrücke bedient werden“, so Richter.

Doch die Modernisierungsmöglichkeiten der drei Hauptstandorte sind weitgehend ausgereizt. Deshalb müssen neue Lösungen her, um die prognostizierten Fahrgastzuwächse zu bewältigen. Wurden im vergangenen Jahr von den LVB 138 Millionen Fahrgäste befördert, so werden es 2020 wahrscheinlich 160 Millionen sein. Das besagen interne Prognosen. Für 2025 sind sogar 190 Millionen Fahrgästen vorstellbar.

Deshalb setzen die LVB jetzt auch auf längere und modernere Fahrzeuge. Die jüngst bei der polnischen Firma Solaris bestellten Straßenbahnen können mit 38 Metern Länge deutlich mehr Fahrgäste aufnehmen als ihre aus zwei Tatra-Bahnen bestehenden 30 Meter langen Vorgänger-Bahnen. „Bis 2017 werden wir 14 dieser modernen, niederflurigen Bahnen haben“, sagt Richter. Geplant ist, die Bestellungen auf insgesamt 41 Fahrzeuge bis 2020 auszudehnen, unterstützt durch Fördermittel vom Freistaat. Eine Binsenweisheit der Branche lautet: „Moderne Fahrzeuge bringen Fahrgäste.“

Absehbar ist, dass eine größer werdende Fahrzeugflotte mehr Reparaturkapazitäten benötigt. „Für Reparaturen steht uns nur das kleine Nachtfenster zur Verfügung, in dem die Bahnen nicht rollen“, skizziert Richter das Problem. Wenn in dieser eng begrenzten Zeitspanne mehr Bahnen repariert werden müssten, sind zusätzliche Reparatur-Kapazitäten erforderlich.

Um leistungsfähiger zu werden, wird auch das Betriebshofkonzept der LVB ständig weitergedacht. Zu den modernisierten Höfen Angerbrücke und Dölitz könnte die neue Hauptwerkstatt in Heiterblick eventuell schneller als geplant ausgebaut werden. Diese zweite Ausbaustufe des technischen Zentrums würde 50 Millionen Euro kosten. Vorausgesetzt, der Freistaat unterstützt die LVB mit Fördergeldern, wäre dieser Ausbau ab 2019/2020 möglicht.

Entscheidend wird sein, ob sich so die Durchlaufzeiten einer größeren Fahrzeugflotte deutlich verkürzen lassen. Also ob Straßenbahnen und Busse noch schneller und effizienter eingesetzt werden können. Ohne den zügigen Ausbau von Heiterblick würde eine größere Fahrzeugreserve benötigt, um tagsüber mehr Instandhaltungsarbeiten erbringen zu können.

Unmöglich erscheint ein zügiger Ausbau der Hauptwerkstatt Heiterblick nicht. Im sächsischen Wirtschaftsministerium wurde eine neue Strategiediskussion gestartet, in der es um eine bessere Förderung der beiden wachstumsstarken sächsischen Städte geht – also Leipzig und Dresden. In Dresden sei erkannt worden, dass die beiden Städte die Kosten des Wachstums nicht aus eigener Kraft bewältigen können, heißt es. Bund und Land müssten helfen.

Gleichzeitig hoffen die LVB, dass Leipzigs Stadtpolitik bessere Rahmenbedingungen setzt. Vergleichbare Städte wie Hannover, Stuttgart oder Dresden würden auch deshalb deutlich mehr Fahrgäste pro tausend Einwohner befördern als Leipzig, weil diese Städte den Autoverkehr stärker ausbremsen, heißt es. Zum Beispiel mit rigiden Eingriffen wie teuren Parkplätzen. „Solange in Leipzig mit dem Auto so kostengünstig im Zentrum geparkt werden kann, können unsere Straßenbahnen dort nicht mit dem Auto konkurrieren“, heißt es bei den LVB. In Elbflorenz gebe es kaum noch kostenlose Parkplätze und die Parkpreise seien in der Regel deutlich höher.

Die Rechnung, die der kaufmännische LVB-Geschäftsführer Ulf Middelberg bei diesem Thema aufmacht, ist simpel. „Wenn Leipzig bis zum Jahr 2030 fast 200 000 Einwohner mehr hat, steigt auch die Zahl der Autos deutlich“, sagt er. Dann könnte es mehrere Millionen Autofahrten im Stadtgebiet pro Jahr mehr geben – die zusätzliche Stellplätze und Fahrspuren benötigen, was die Stadt enorm viel koste. Da sei es günstiger, den Nahverkehr zu unterstützen.

Fest steht aber auch, dass die LVB schneller werden müssen, um mehr Leipziger zum Einsteigen zu bewegen. In Hannover, Stuttgart oder Dresden sind Busse und Bahnen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 26 Stundenkilometern unterwegs, in Leipzig mit 20. „Dazwischen liegen Welten“, sagt Geschäftsführer Middelberg und sieht in einem schnellen Netz den Königsweg zu mehr Fahrgästen.

Um mehr Tempo zu machen, sind die LVB aber auch auf Verbündete angewiesen. Denn ein aktuelles Gutachten listet auf, warum Leipzig Busse und Bahnen immer langsamer werden: Noch immer seien an vielen Ampeln die Wartezeiten für solche Fahrzeuge viel zu lang, heißt es dort. Auch Autostaus und zu schmale Straßen würden den Nahverkehr ausbremsen; ebenso ein- und ausparkende Fahrzeuge, Falschparker und Linksabbieger sowie wendende und querende Autos. Bei solchen Hemmnissen sind die LVB praktisch machtlos. Gegen diese können nur die Stadtverwaltung und der Stadtrat etwas tun.

Von Andreas Tappert

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