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Lokales Immer mehr Menschen verlassen Ihre Kirche: Evangelischer Pfarrer im Interview
Leipzig Lokales Immer mehr Menschen verlassen Ihre Kirche: Evangelischer Pfarrer im Interview
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23:30 02.09.2014
Dem evangelischen Pfarrer Karl Albani ist es wichtig, dass Menschen über Gott nachdenken - die Kirche bietet Raum dafür. Quelle: André Kempner

ts erfolgten Austritt, so dass wir kaum reagieren können. Ich schreibe dann immer einen persönlichen Brief an den Betroffenen, um zu zeigen, dass ich den Austritt bedauere und es mir von ihm gewünscht hätte, im Vorfeld der Entscheidung den Kontakt zu mir zu suchen.

Manche kehren wieder zurück: Was waren die Motive für deren Austritt?

Viele, die wieder eingetreten sind, waren zu DDR-Zeiten meist aus beruflichen Gründen ausgetreten. Das hat sich nach der Wende aber wieder gelegt.

Was berichten andere?

Es gibt auch Menschen, die in jungen Jahren austraten und das nun bedauern, weil sie damals vieles auf die leichte Schulter genommen haben. Bei manchen gab es auch Lebenseinschnitte und schwere Krisen, wo wieder die Nähe zur Kirche gesucht wurde. Weil es vielleicht doch lohnenswert ist, über Gott und die Welt und nicht nur über die Welt nachzudenken. Andere haben sich über einen Pfarrer persönlich geärgert, der nun im Ruhestand ist und fanden über kirchliche Veranstaltungen oder persönliche Kontakte wieder einen Zugang, weil sie gemerkt haben: Es fehlt etwas in meinem Leben.

Welche Auswirkungen hatte die Kirchensteuerreform?

Das ist eine leidvolle Geschichte, wo wir versuchten, aufzuklären. Vieles passiert sicherlich aus Unkenntnis, weil das keine neue Steuer ist, mit der die Kirche an das mühsam Ersparte von Menschen heran will - sondern nur eine automatische Umstellung bei den Banken, der man ausdrücklich widersprechen kann. Das wird oft überlesen. Einer Person, die mit beinahe 100 Jahren aus der Kirche austreten wollte habe ich dann schmunzelnd erklärt, dass es sie gar nicht betrifft, da sie bestimmt keine 800 Euro Zinsen pro Jahr bekommt, so hoch ist etwa der Freibetrag.

Empfinden junge Leute die Kirche vielleicht als zu konservativ und nicht mehr zeitgemäß?

Bei unserer Gemeinde trifft das definitiv nicht zu. Bei jungen Leuten, die aus der Kirche austreten, hat es sicher mit einer Entfremdung zu tun, wenn sie fürs Studium oder die Ausbildung wegziehen, keinen Bezug mehr zur Heimatgemeinde haben und in der neuen Stadt keinen Kontakt zu einer neuen Gemeinde finden. Da beginnt die Überlegung: Warum soll ich in der Kirche bleiben und dafür Geld bezahlen, wenn ich keinen Nutzen habe? Interview: Benjamin Winkler

* Beide Gemeinden zusammen zählen 1800 Mitglieder. 2014 gab es bisher neun Kirchenaustritte, 2013 waren es sechs.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.09.2014

Benjamin Winkler

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