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Immer mehr Menschen verlassen ihre Kirche: Leipziger Pfarrer im Interview

Immer mehr Menschen verlassen ihre Kirche: Leipziger Pfarrer im Interview

Nun sag, wie hast Du's mit der Religion? - Eine kleine Änderung im Kirchen-Steuerrecht vertreibt die Gläubigen aus den Gotteshäusern. Dabei sollte alles einfacher und gerechter zugehen.

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Quelle: dpa

Ein katholischer und ein evangelischer Pfarrer aus Leipzig erklären im Interview die Problematik. Sier vermuten aber auch andere Gründe hinter den vermehrten Kirchenaustritten.

Nach der Affäre um den ehemaligen Limburger Bischof Tebartz-van Elst meldete die katholische Kirche Rekordwerte bei den Austrittszahlen: 323 Gläubige verließen 2013 im Dekanat Leipzig (Stadt und Teile des Landkreises Leipzig) die Gemeinschaft. Wegen der Kirchensteuer-Reform treten nun viele Ältere aus - sehr zum Ärger von Ulrich Dombrowsky (52), Pfarrer der katholischen St. Laurentiuskirche in Reudnitz.*

LVZ:

Die Kirchenaustritte nehmen zu. Was ist Ihr Eindruck?

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Pfarrer Ulrich Dombrowsky.

Quelle: André Kempner

Dombrowsky:

Wir verzeichnen in diesem Jahr bislang etwas weniger Kirchenaustritte als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Signifikant zu den Vorjahren ist, dass in diesem Jahr auch einige ältere Kirchenmitglieder dabei waren.

Wegen der Kirchensteuer?

Wahrscheinlich hängt es wirklich mit dem neuen Einzugsverfahren der Kirchensteuer zusammen. Die verkomplizierenden Vorgänge führen dazu, dass viele Ältere austreten - oder die Angehörigen sorgen dafür, weil sie den Aufwand ebenfalls scheuen. Es gab auch ein paar Falschberatungen in der letzten Zeit, die ein bisschen antikirchlich waren. Steuerberater empfahlen den Kirchenaustritt, um Steuern zu sparen. Für manche, gerade in Ostdeutschland, die schon heftig rechnen müssen, gab das den Ausschlag.

Was gibt es noch für Gründe?

Unsere Gesellschaft wandelt sich immer mehr zum Individuellen hin. Das merkt man bei Parteien, Gewerkschaften und Sportvereinen, die im Vergleich zu früher einen geringeren Zulauf haben. In Sachsen ist die Mitgliedschaft in Vereinen und Verbänden deutschlandweit mit am geringsten. Von denjenigen, die ausgetreten sind, kennt man nur ganz selten jemanden aus dem Gottesdienst.

Lässt sich der Trend stoppen?

Im Augenblick gibt es keine große Idee. Wir werden sicherlich sehr viel mehr darauf Wert legen müssen, eine personale Nähe zu den Leuten zu halten.

In den vergangenen fünf Jahren gab es 2010 nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals und dann wieder 2013 in Leipzig eine Austrittswelle.

Die Motive für die Kirchenaustritte sind bisher wenig erforscht, aber 2013 könnten in der Tat der Fall Tebartz-van Elst und 2010 der Missbrauchsskandal für den großen Ausschlag gesorgt haben.

Was sind die Folgen eines Austritts aus der katholischen Kirchgemeinschaft?

Man verliert alle kirchlichen Rechte, darf nicht mehr Taufpate sein und wenn man als junger Mensch heiraten will, sind die Hürden sehr hoch angesetzt. Die Kirchenmitgliedschaft bedeutet zugleich Recht und Pflicht. Man hat natürlich die Pflicht, mit zur Finanzierung beizutragen, hat aber auch Anspruch auf Seelsorge in verschiedenen Lebenslagen.

Angenommen, ich will wieder zurückkehren. Werde ich noch einmal getauft?

Die Taufe gilt unter den drei großen Kirchen - katholisch, evangelisch, orthodox - weiterhin. Es ist nur ein formaler Akt, dass der Bischof die Exkommunikation wieder zurücknimmt und man dann wieder voll zur Gemeinschaft gehört.Interview: Benjamin Winkler

* Die Gemeinde hat 3740 Mitglieder. 2013 gab es 51 Austritte, bisher sind es ein Drittel weniger.

Evangelischer Pfarrer Albani: "Ein persönliches Gespräch findet nur selten statt"

Im ersten Halbjahr 2014 kehrten 768 Protestanten im Kirchenbezirk Leipzig der evangelisch-lutherischen Gemeinde den Rücken. Im gesamten Jahr 2013 waren es 770 Mitglieder, ein Jahr zuvor 630 Personen. Karl Albani (57), Pfarrer der evangelischen Gemeinden Großzschocher und Knauthain*, hätte im Vorfeld mit einigen Aussteigern gern über die individuellen Gründe gesprochen, doch das sei schwierig

LVZ:

Versuchen Sie mit den Ausgetretenen Kontakt aufzunehmen?

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Pfarrer Karl Albani.

Quelle: André Kempner

Albani:

Ein persönliches Gespräch findet nur selten statt. In der Regel erhalten wir von den Meldestellen Wochen später die Mitteilung über den bereits erfolgten Austritt, so dass wir kaum reagieren können. Ich schreibe dann immer einen persönlichen Brief an den Betroffenen, um zu zeigen, dass ich den Austritt bedauere und es mir von ihm gewünscht hätte, im Vorfeld der Entscheidung den Kontakt zu mir zu suchen.

Manche kehren wieder zurück: Was waren die Motive für deren Austritt?

Viele, die wieder eingetreten sind, waren zu DDR-Zeiten meist aus beruflichen Gründen ausgetreten. Das hat sich nach der Wende aber wieder gelegt.

Was berichten andere?

Es gibt auch Menschen, die in jungen Jahren austraten und das nun bedauern, weil sie damals vieles auf die leichte Schulter genommen haben. Bei manchen gab es auch Lebenseinschnitte und schwere Krisen, wo wieder die Nähe zur Kirche gesucht wurde. Weil es vielleicht doch lohnenswert ist, über Gott und die Welt und nicht nur über die Welt nachzudenken. Andere haben sich über einen Pfarrer persönlich geärgert, der nun im Ruhestand ist und fanden über kirchliche Veranstaltungen oder persönliche Kontakte wieder einen Zugang, weil sie gemerkt haben: Es fehlt etwas in meinem Leben.

Welche Auswirkungen hatte die Kirchensteuerreform?

Das ist eine leidvolle Geschichte, wo wir versuchten, aufzuklären. Vieles passiert sicherlich aus Unkenntnis, weil das keine neue Steuer ist, mit der die Kirche an das mühsam Ersparte von Menschen heran will - sondern nur eine automatische Umstellung bei den Banken, der man ausdrücklich widersprechen kann. Das wird oft überlesen. Einer Person, die mit beinahe 100 Jahren aus der Kirche austreten wollte habe ich dann schmunzelnd erklärt, dass es sie gar nicht betrifft, da sie bestimmt keine 800 Euro Zinsen pro Jahr bekommt, so hoch ist etwa der Freibetrag.

Empfinden junge Leute die Kirche vielleicht als zu konservativ und nicht mehr zeitgemäß?

Bei unserer Gemeinde trifft das definitiv nicht zu. Bei jungen Leuten, die aus der Kirche austreten, hat es sicher mit einer Entfremdung zu tun, wenn sie fürs Studium oder die Ausbildung wegziehen, keinen Bezug mehr zur Heimatgemeinde haben und in der neuen Stadt keinen Kontakt zu einer neuen Gemeinde finden. Da beginnt die Überlegung: Warum soll ich in der Kirche bleiben und dafür Geld bezahlen, wenn ich keinen Nutzen habe? Interview: Benjamin Winkler

* Beide Gemeinden zusammen zählen 1800 Mitglieder. 2014 gab es bisher neun Kirchenaustritte, 2013 waren es sechs.

Hintergrund:

 

Änderung beim Einzugsverfahren, aber keine neue Kirchensteuer

Für viel Verunsicherung hat eine Änderung beim Einzugsverfahren der Kirchensteuer auf Kapitalerträge gesorgt. Seit Jahresbeginn verschicken Banken Schreiben, in denen Kunden nach ihrer Konfessionszugehörigkeit gefragt werden. Wer bislang mehr als 801 Euro oder als Verheirateter 1602 Euro an Kapitalerträgen wie beispielsweise Sparbuch-Zinsen einnahm, musste darauf eine Abgeltungssteuer von 25 Prozent zahlen, plus Kirchensteuer.

Bisher wurde der Betrag meist über die Steuererklärung erhoben, ab 2015 ziehen Geldinstitute diesen automatisch ein und schließen die Schlupflöcher. "Ältere Gemeindeglieder lesen etwas vom automatischen Kirchensteuerabzug und sagen sich, 'die wollen jetzt direkt an mein mühsam Erspartes'. Da spielt dann das Panikorchester, was die Aufklärung sehr schwer macht", so Matthias Oelke von der evangelischen Landeskirche Sachsen. Von den Freibeträgen profitieren die meisten und wer tatsächlich darüber hinaus komme, der zahle wie bisher "ein paar Euro fünfzig", was eigentlich keinen Austritt rechtfertige, ergänzt er.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.09.2014

Benjamin Winkler

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