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Lokales Immer mehr gedeckte Tische bleiben in Leipzig leer
Leipzig Lokales Immer mehr gedeckte Tische bleiben in Leipzig leer
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08:32 19.02.2019
Shady Elwan fragt sich, wie er dem Problem der nicht wahrgenommenen Reservierungen Herr wird. „Das ist geschäftsschädigend“, steht für den Betreiber des „Shady“ fest. Quelle: André Kempner
Leipzig

Immer häufiger tauchen Restaurant-Gäste, die einen Tisch bestellt haben, nicht im Lokal auf. Die Wirte beklagen Umsatzeinbußen und überlegen, Anzahlungen für die Reservierung einzuführen. „Die Nicht-Absage-Kultur hat zugenommen“, beobachtet Holm Retsch, Geschäftsführer des Leipziger Regionalverbandes im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). Er schätzt den Anteil nicht wahrgenommener reservierter Plätze in Leipzig auf bis zu 30 Prozent pro Tag. „Eine Unart“, wie Retsch findet. Auch in Dresden und Berlin kämpften die Wirte mit unzuverlässigen Kunden. Das Phänomen betreffe vor allem größere Städte, dort ist das Angebot an Gaststätten breiter. Zahlreiche Leipziger Restaurantbetreiber denken daher darüber nach, eine Anzahlung für die Reservierung zu verlangen. Diese würde dann mit der Rechnung abgegolten.

Nach 25 Minuten wird der reservierte Tisch weiter vergeben

Shady Elwan, der in der Körnerstraße das arabische Restaurant „Shady“ betreibt, plant die Einführung eines solchen Vorkassen-Systems. Da das Problem „so akut geworden“ ist, nimmt er Reservierungen für das Frühstücksbuffet bereits seit 2015 nur noch gegen Anzahlung entgegen. Gerade bei Hochbetrieb, etwa am Valentinstag, während der Buchmesse oder zu Weihnachten, tut es dem Wirt leid, Kunden abzuweisen. Etwa 25 Minuten wartet er, dann vergibt er den reservierten Tisch an Laufkundschaft. Kreuzen die angemeldeten Gäste dann doch noch auf, seien sie häufig sauer.

😡😡😡😡😡😡 Es ist so unverschämt, unerzogen und Unart diese Menschen, die reservieren und einfach ohne abzusagen, nicht...

Gepostet von Shady Restaurant am Sonntag, 30. Dezember 2018

„Ich bin ratlos, wie man da richtig rangeht“, sagt Elwan. Fest steht für ihn aber: „Das ist geschäftsschädigend.“ Er vermutet, dass die Kunden Tische bei mehreren Lokalen reservieren und sich dann spontan für ein Restaurant entscheiden. Um auf das Problem aufmerksam zu machen, hat Elwan Anfang des Monats auf Facebook gefragt: „Wieso kann man einfach nicht absagen?“.

Das geht generell für jede bestätigte Reservierung, die nicht wahrgenommen würde. Diese Masche wird leider irgendwie...

Gepostet von Shady Restaurant am Sonntag, 3. Februar 2019

Das fragt sich auch Gritt Englert, die zusammen mit ihrem Mann seit 16 Jahren das Restaurant „Weinstock“ am Markt betreibt. Am Valentinstag vergangene Woche seien zehn Gäste ohne Absage nicht erschienen, das Lokal mit 110 Plätzen war ausgebucht. „Das ist ein Ausfall von acht Prozent“, rechnet Englert vor. Noch drastischer war die Situation am ersten Weihnachtsfeiertag: Englert schrieb 80 Gästen, dass sie keinen Platz hätte, da alle Tische vergeben seien. Obwohl sich die Wirtin kurz vor Weihnachten bei den angemeldeten Gästen noch telefonisch erkundigte, ob sie auch kommen, blieben schließlich 20 Plätze leer. Das bedeutet Umsatzeinbußen für das Restaurant.

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„Da hätten wir den Einkauf anders planen können, wir hätten an dem Tag einen Angestellten weniger gebraucht“, ärgert sich Englert, die auch im Vorstand der Dehoga sitzt. Nach dieser Erfahrung will sie für das kommende Weihnachtsfest einen Vorverkauf einführen. Zu Silvester hat sich diese Form der verbindlicheren Reservierung bereits bewährt. „Vor vier Jahren war das Restaurant zu Silvester halb leer, weil die angekündigten Gäste nicht aufkreuzten“, erinnert sich Englert. Seitdem organisiert sie einen Kartenverkauf für den Jahreswechsel. Die Entwicklung sei bedauerlich. „Eigentlich sind wir alle Gastgeber, weil es uns Spaß macht“,die Wirte wollten sich so wenig wie möglich mit Bürokratie befassen.

Das Problem macht Englert wie auch Elwan in der Gesellschaft aus: „Der Wertekodex hat sich verschoben, die Verbindlichkeit ist nicht mehr gegeben“, beobachtet sie. Die Entwicklung habe sich seit etwa drei Jahren besonders verschärft.

„Sie sollen einfach absagen“

Auch André Münster, der seit knapp sieben Jahren das „Münsters“ in der Platnerstraße betreibt, ist seit drei Jahren vermehrt mit ins Leere laufenden Reservierungen konfrontiert. „Insgesamt ist der Ton rauer geworden“, sagt er. Die meisten seiner Gäste seien sehr nett, doch das Verhalten einiger weniger sei „grob unhöflich“ und für den Gastronom „demotivierend“, gar „existenzbedrohend“.

Denn Münster erstellt täglich eine frische Karte, kauft Zutaten dafür ein, teilt das Personal je nach Reservierungen ein. „Bei den knapp 40 Plätzen macht es sehr viel aus, wenn vier oder sechs unbesetzt sind“, erklärt er. Etwa 98 Prozent seiner Plätze vergibt er über Reservierungen. Kürzlich hätten zwei Personen kurz vor der reservierten Uhrzeit abgesagt, zwei Gesellschaften, die jeweils Tische für vier Gäste reserviert hatten, seien unentschuldigt ausgeblieben.

„Sie sollen einfach absagen“, wünscht sich Münster, der seit knapp 20 Jahren als Gastronom arbeitet. Er habe gehört, dass Chefs kleinerer Firmen in drei bis fünf Restaurants Tische für Weihnachtsfeiern bestellen und am Abend selbst entscheiden, wo das Essen stattfinden soll. „Viele handeln gedankenlos und überlegen nicht, was sie dadurch auslösen“, vermutet Münster. Er hofft, das Problem lösen zu können, indem er seine Kunden auf das Dilemma hinweist. „Ich glaube noch an das Gute im Menschen.“ Eine Kreditkarten-Anzahlung für den Tisch sei für ihn die letzte Option. „Das wird viele vor den Kopf stoßen“, befürchtet Münster. Und: „Für uns bedeutet das einen Mehraufwand.“

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Gepostet von MAX ENK am Freitag, 14. Dezember 2018

Von Theresa Held

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