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In Leipzig bauen sich Elstern schon gegenseitig ihre Nester ab

In Leipzig bauen sich Elstern schon gegenseitig ihre Nester ab

Aufregerthema Elstern: LVZ-Leser schildern seit drei Wochen auf der Tierseite, wie Elstern die Nester von Amseln und anderen Singvögeln plündern und deren Eier und Jungvögel rauben.

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Elstern haben sich in Siedlungsgebieten ausgebreitet. Während ihrer Brutzeit räumen sie oft Singvogel-Nester leer.

Quelle: imago stock&people

Ornithologen bestätigen dies, reagieren aber gelassen: In der Tierwelt gelte Fressen und gefressen werden. Die Vogelwelt werde davon nicht ausgerottet. Außerdem habe der Mensch die jetzige Situation selbst verschuldet.

"Die Beobachtungen der Leser treffen zu", bestätigt Hartmut Meyer, Geschäftsführer des sächsischen Ornithologen-Vereins. Jedes Jahr höre er solche Schilderungen, besonders im April und Mai, wenn die Elstern selbst brüten. "Dann nehmen sie nämlich verstärkt tierische Nahrung zu sich", sagt der 56-Jährige. Sie plündern dann die Nester von Singvögeln, aber eben von solchen, die millionenfach vorkommen. "Davon stirbt die Vogelwelt nicht aus", betont Meyer. In der Tierwelt gelte nun mal das Prinzip "Fressen und gefressen werden". Eine Amsel, die ihr erstes, zweites und vielleicht drittes Gelege verloren habe - was auch durch Eichhörnchen, Steinmarder oder Waschbär geschehen kann -, sei in der Lage, ein viertes Gelege zu bekommen und erst im September Junge aufzuziehen. Der Gesamtbestand werde dadurch nicht beeinträchtigt.

Viele Leser haben den Eindruck, dass Elstern eine Plage geworden sind. Der Ornithologe rät, zweimal hinzuschauen. Richtig sei, dass die Vögel seit den 1980er-Jahren verstärkt in Siedlungsgebiete vorgedrungen sind. Daran habe aber der Mensch selbst schuld: "Er hat dafür gesorgt, dass sie in der freien Natur kein Auskommen mehr haben." Indem er endlose Felder ohne Hecken und Wege anlegte, auf denen er Monokulturen anbaut und hochgiftige Chemikalien einsetzt. In den Siedlungen finden sie nun ein reiches Nahrungsangebot, dadurch sei ihr Bestand deutlich gewachsen. Dies sei in der DDR noch wesentlich mehr geschehen als in der Bundesrepublik. Schon um das Jahr 2000 herum habe der Elsternbestand sein Maximum erreicht, jedes Revier sei besetzt, die Population gesättigt. Seitdem würden sich die Rabenvögel gegenseitig stören und untereinander die Nester abbauen. Meyer verweist auf eine Studie, die vor zehn Jahren in Chemnitz gemacht ­wurde und die belegt, dass die Singvögel trotzdem nicht weniger geworden sind. Jüngere Erhebungen gebe es dazu nicht.

Aber was tun - könnte überhaupt etwas gegen die diebischen Elstern unternommen werden? Laut sächsischem Landesjagdgesetz dürfen sie zwischen August und Mitte März gejagt werden. Peter Winter, Vorsitzender des Jagdverbandes Leipzig, hält dies aber nicht für notwendig und in der Stadt auch nicht für durchführbar. "Sie müssten mit einem Schrotschuss getötet werden. Der Schrot fliegt 200 bis 300 Meter weit, wird vollkommen unkontrollierbar." Fallen oder Fangkörbe sind generell verboten, genauso wie das Ausräumen von Nestern. "Der Jäger als Einzelperson ist da vollkommen überfordert", meint der 64-Jährige. Er könne sich bestenfalls vorstellen, dass im Fall einer Seuche oder höheren Gefahr die Jäger zum Einsatz der Waffe aufgefordert werden. Aber so ein Fall sei nicht absehbar.

Naturschützer plädieren für eine natürliche Abwehr: Man sollte etwas für die Gartenvögel tun, ohne gleich die Elstern auszurotten. Wichtig sei, dass die Singvögel in Kleingärten genug Futter in Form von Insekten vorfinden, sagt Leonhard Kasek vom Naturschutzbund. Nistkästen und andere Nisthilfen seien nützlich, aber auch dornige Sträucher anstatt Thujahecken, ausreichend große Bäume und der Verzicht auf Gifteinsatz sowie auf englischen Rasen. Auch sollten fressbare Abfälle nicht einfach ins Gelände geworfen werden. Wenn Singvögel ausreichend Nahrung, Brutplätze und einen ökologisch intakten Lebensraum vorfinden, könnten sich Vogelräuber wie Elster und Eichhörnchen nicht einseitig breitmachen.

"Es wirkt schon ungerecht, wenn die größeren Elstern ein Amselküken nach dem anderen aus dem Nest holen und die Amseleltern wehrlos zuschauen müssen. Dennoch sollte man dafür die Elstern nicht verdammen", meint auch Karsten Peterlein vom Naturschutzbund. Er lädt Vogelfreunde ein, mit Experten über Vogelschutz im Garten und am Haus zu sprechen und an praktischen Beispielen sinnvolle Maßnahmen zu zeigen.

Informationsabend zur Lebensweise von Elstern und Gartenvögeln: 17. Juli, 17 Uhr, beim Naturschutzbund, Corinthstraße 14

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.07.2013

Decker Kerstin

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