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Lokales „In Leipzig herrscht ein Spirit wie in Südkalifornien“
Leipzig Lokales „In Leipzig herrscht ein Spirit wie in Südkalifornien“
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01:23 11.06.2018
US-Botschafter Richard Grenell im Interview mit der Leipziger Volkszeitung. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Eintrag ins Goldene Buch, Gespräche mit Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) und mitteldeutschen Unternehmen, ein Grußwort zur Eröffnung des Bachfests – es war ein umfangreiches Programm, das der neue US-Botschafter Richard Grenell bei seinem Antrittsbesuch am Freitag in Leipzig abspulte. Dazwischen nahm sich der 51-Jährige im US-Generalkonsulat Zeit für ein exklusives Interview mit der LVZ, in dem er über seine Begeisterung für die Messestadt, seine umstrittenen Aussagen zur Stärkung konservativer Kräfte in Europa und seine überstandene Krebserkrankung sprach. Einblick gab er auch in seine To-do-Liste zur Verbesserung der deutsch-amerikanischen Beziehungen.

Mr. Grenell, vor einigen Tagen musste ein Transporthubschrauber des US-Militärs vor den Toren Leipzigs notlanden. Es wurde scherzhaft gemunkelt, es sei bereits die Vorhut für Ihren Besuch. Haben Sie das überhaupt mitbekommen?

Ja, ich wurde unterrichtet. Das war, wenn man so will, ein großartiges Beispiel für militärische Zusammenarbeit. Deutsche und amerikanische Soldaten waren beteiligt, um den Helikopter zu reparieren. Alles hat sehr gut funktioniert.

Wünschen Sie sich mehr militärische Kooperation zwischen Deutschland und den USA?

Ja, sicher. Es ist ein großer Schritt, dass Bundeskanzlerin Merkel angekündigt hat, die Verteidigungsausgaben bis 2024 auf 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen. Mit der Wahl Deutschlands in den UN-Sicherheitsrat werden wir in vielen internationalen Fragen enger zusammenarbeiten. Deutschland ist sehr willkommen, das weiß ich aus erster Hand aus meiner Zeit bei der UNO.

„Leipzig ist die Art von Stadt, die ich mir gewünscht hätte“

Sie waren vor Ihrer Botschaftertätigkeit auch als Journalist tätig. Wenn Sie eine Schlagzeile über Ihren ersten Leipzig-Besuch schreiben müssten, wie würde sie lauten?

Interessante Frage. Auf Anhieb würde mir einfallen: Ein faszinierender Blick auf Architektur. Ich habe es auch Oberbürgermeister Jung gesagt: Ich kann es kaum erwarten, wiederzukommen, was auch an der Stimmung in dieser Stadt liegt. In Leipzig herrscht ein Spirit, der mich an die Energie in Südkalifornien erinnert, wo ich lange gelebt habe.

Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Ich bin fasziniert von der Stadt und ihren Menschen. Einer meiner ersten Gedanken war: Warum habe ich nicht an Leipzig gedacht, als ich nach dem College durch Europa gereist bin? Das ist die Art von Stadt, die ich mir gewünscht hätte. Man kann hier mehr Zeit als an anderen Orten verbringen, ein oder zwei Wochen sogar. Sie ist groß, aber nicht zu groß, hat eine vielfältige Kulturszene. Das Rathaus finde ich sehr beeindruckend. Das Besondere hier sind die modernen Details an alten Gebäuden. Die Verbindung von Altem und Neuem charakterisiert auch Deutschland sehr gut. Ich habe es noch nirgendwo so lebendig erlebt wie in Leipzig.

Richard Grenell (Mitte) traf sich im US-Gerenalkonsulat auch mit Wirtschaftsvertretern aus Mitteldeutschland. Quelle: Andre Kempner

Sie haben sich mit Leipziger Unternehmern getroffen. Worüber haben Sie gesprochen?

Ich habe ihnen eine Geschichte aus meiner Zeit bei der UNO erzählt, wo ich acht Jahre verbracht habe: Immer wenn ich im Saal der Generalversammlung war, habe ich zwischen den 193 Schildern nach unseren Freunden, den europäischen Ländern gesucht, weil wir Demokratie, Menschenrechte, Kapitalismus teilen, aber auch die Notwendigkeit all die großen Probleme gemeinsam anzugehen. Unsere Gespräche drehten sich darum, wie wir das Leben von Deutschen und Amerikanern durch wirtschaftlichen Aufschwung und mehr Arbeitsplätze verbessern können, wie deutsche Unternehmen in den USA expandieren können und andersherum. Wir haben dieselben Ziele: Besser bezahlte Jobs, damit beide Seiten wirtschaftlich profitieren können.

Die deutsche Wirtschaft ist in Sorge, wie sich die Handelsbeziehungen zwischen den USA und der EU weiterentwickeln werden. Folgt nach den Strafzöllen auf Stahl nun die Autoindustrie?

Ich habe mich vor wenigen Tagen mit Vertretern des Verbands der Automobilindustrie (VDA) getroffen und wir sprachen genau über dieses Thema. Ich setze mich dafür ein, den Handelskonflikt zu lösen. Ich bin zuversichtlich, dass wir das schaffen. Ich bin ein großer Autofan und weiß um die Bedeutung dieser Industrie. Es ist auch ein wichtiges Thema, weil die deutsche und amerikanische Autoindustrie stark miteinander verflochten sind. Wenn Sie zum Beispiel einen BMW X3 in Deutschland kaufen, müssen Sie ihn aus den USA importieren, da er nur in Spartanburg in South Carolina hergestellt wird.

So wie sich Ihr Präsident verhält, läuft im Moment jedoch alles auf eine Verschärfung des Handelskonflikts zwischen der EU und den USA hinaus. Wie lässt sich eine Eskalation noch verhindern?

Ich glaube nicht, dass es einen Handelskrieg geben wird. Ich denke, beide Seiten sind daran interessiert, weitere Konflikte zu vermeiden, aber es dauert seine Zeit. Die Verhandlungen zwischen über 20 Ländern erfordern mehr Koordination als bilaterale Beziehungen. Ich glaube, wir werden noch weitere Manöver beider Seiten sehen, aber ich bin zuversichtlich, dass wir den Streit beilegen können. Alle wissen, wie viel auf dem Spiel steht.

"Ich habe nicht die Absicht, mich in politische Angelegenheiten aktiv einzumischen"

In einem Interview mit „Breitbart“ haben Sie vor einigen Tagen angekündigt, konservative Kräfte in Europa stärken zu wollen. Es gab im Anschluss viel Kritik in Deutschland. Auch Ihre Abberufung wurde gefordert. Sind Sie über das Ziel hinausgeschossen?

Ich bedauere die Tatsache, dass meine Worte falsch interpretiert wurden. Um es klarzustellen: Ich habe nicht die Absicht, mich in politische Angelegenheiten aktiv einzumischen. Ich sehe mich verpflichtet, mit allen Regierungen und allen politischen Parteien zusammenzuarbeiten, um die transatlantischen Beziehungen zu stärken.

Sie haben auch über „verfehlte linke Politik“ in Deutschland gesprochen und den Familiennachzug von Flüchtlingen problematisiert. Wo sehen Sie dadurch eine Gefahr?

Ich denke, das ist eine Frage für die deutsche Regierung, nicht für mich.

Aber Sie haben genau darüber in dem Interview geredet. Bereuen Sie, was Sie gesagt haben, oder würden Sie im Rückblick einen anderen Zungenschlag verwenden?

Wie gesagt, werde ich mich nicht in Politik oder Parteien einmischen. Punkt. Das war nie meine Absicht. Ich werde mit allen zusammenarbeiten.

Dann lassen Sie uns über einen guten Bekannten von Ihnen sprechen. Sie haben sich mit dem deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn getroffen. Sehen Sie ihn als künftigen deutschen Kanzler?

Wir kennen uns seit Kurzem und sind gute Freunde – mehr nicht. Ich mag ihn sehr. Aber ich weiß nicht, was er in Zukunft tun wird. Das liegt bei ihm.

„Wir haben Probleme, aber ich bin ein Mann der Lösungen“

Wenn wir über konservative Strömungen sprechen, müssen wir auch über die AfD reden. Sie wurde in Sachsen bei der letzten Bundestagswahl stärkste Kraft. Sehen Sie die Partei als Teil einer konservativen Revolution?

Meine Aufgabe ist es, Amerika und die deutsch-amerikanischen Beziehungen zu unterstützen und zu verbessern. Ich sehe es dabei als meine Pflicht an, die Deutschen und die Bundesregierung daran zu erinnern, dass wir eine lange Geschichte enger Zusammenarbeit haben. Wir haben auch Probleme, aber ich bin ein Mann der Lösungen.

Welche haben Sie parat?

Mit Generalkonsul Timothy Eydelnant habe ich über eine To-do-Liste gesprochen, mit Projekten, die die wir angehen wollen, um die transatlantischen Beziehungen auszubauen, zum Beispiel Leipzig näher an den US-Markt heranzuführen oder auch deutschen Ministerien bei Problemen mit den USA zu helfen.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Die Start-up-Community ist in Leipzig sehr stark. Das US-Außenministerium hat ein aktives Referentenprogramm. Eine Idee ist, dass Gastredner aus den USA speziell zu Start-up-Themen nach Mitteldeutschland kommen und ein transatlantischer Austausch entsteht. Ein wichtiger Punkt auf der Liste ist natürlich auch die Sorge der deutschen Autoindustrie vor den weiteren Verhandlungen über Strafzölle. Daran arbeiten wir.

Der neue US-Botschafter Richard Grenell war am Freitag in Leipzig zu Gast. Sein Besuch in Bildern.

Das Treffen von Donald Trump und Kim Jong Un steht unmittelbar bevor. Wie kam es nun doch dazu und was haben die USA Nordkorea in Aussicht gestellt?

Um das zu erklären, muss ich etwas ins Detail gehen. In meinen acht Jahren bei der UNO gab es mehrere Resolutionen gegen Nordkorea. Aber einige Länder, die ihre Hand dafür hoben, setzten die Sanktionen nicht um, wie China. Als Präsident Trump ins Amt kam, traf er sich frühzeitig mit Präsident Xi Jinping in Florida und stellte bei einer Kooperation in Aussicht, an den chinesischen Handelsfragen zu arbeiten, wenn die Chinesen mit uns in wichtigen Fragen kooperieren würden. Und die Chinesen gingen zurück und setzten die Sanktionen um. Ich erinnere mich noch genau: In Kalifornien war das nordkoreanische Raketenprogramm eine ernstzunehmende Bedrohung. Wir sahen dann nach einigen Monaten, dass die Nordkoreaner wieder an den Verhandlungstisch kamen. Sie wussten, dass der Präsident es ernst meint und ergriffen Schritte, um miteinander zu reden. Ich bin gespannt, wie die Gespräche verlaufen werden.

„Deutschland ist ein verlässlicher Partner“

Eine internationale diplomatische Krise hat auch der Fall Skripal ausgelöst. Denken Sie, dass die Reaktion des Westens mit der Ausweisung russischer Diplomaten richtig war?

Ja, ich bin dankbar, dass die EU und Deutschland das ernst genommen haben. Nicht unerwähnt lassen möchte ich auch den jüngst veröffentlichten niederländischen Ermittlungsbericht zum Abschuss der Passagiermachine über der Ukraine. 298 Menschen, allesamt unschuldige Zivilisten, verloren dabei ihr Leben. Inzwischen steht fest, dass die Rakete eine russische war. Wir sind darüber hinaus sehr besorgt über die zunehmende Propaganda bei Wahlen, die von Russland ausgeht. Bei diesen Themen haben wir eine Menge Arbeit vor uns und wir freuen uns, dass die deutsche Regierung an unserer Seite steht.

Erwarten Sie dass sich Deutschland stärker im Syrien-Konflikt beteiligt?

Die Deutschen machen dort großartige Arbeit, insbesondere im humanitären Bereich, und ich weiß, dass sie mehr tun wollen. Ich möchte nicht über bestimmte Bereiche sprechen, die der deutschen Regierung vorbehalten sind. Wir freuen uns immer über eine deutsche Beteiligung, weil Deutschland ein verlässlicher und gut vorbereiteter Partner ist.

Richard Grenell im Interview mit LVZ-Redakteur Robert Nößler Quelle: Andre Kempner

Sie äußern sich auf Twitter zu vielen Themen, sind aktiver als Ihr Präsident und setzten bisher fast so viele Nachrichten ab wie die gesamte LVZ-Redaktion – rund 74.000 zu 91.000. Was versprechen Sie sich davon?

Ein Großteil davon stammt aus der Zeit vor meiner Botschaftertätigkeit. Ich twittere nicht mehr so aktiv wie früher. Aber wenn, dann tue ich es selbst und kein Mitarbeiter. Meine Rolle hat sich verändert. Wenn Sie Botschafter werden, sind Sie kein Privatmann mehr.

„Mein Hund Lola schenkte mir die Hoffnung auf ein neues Leben“

Sie sind auch bei Instagram aktiv und erlauben dort teilweise private Foto-Einblicke.

Mein Account dreht sich fast nur um meine Hündin Lola (lacht). Sie ist ein großer Teil meines Lebens. Als ich Krebs bekam (Non-Hodgkin-Lymphom, eine Art des Lymphdrüsenkrebs, Anm. d. Red.), war sie knapp zwei Jahre alt und eine große emotionale Hilfe während dieser Zeit.

Wie hart war diese Zeit für Sie?

Ich habe sechs Zyklen Chemotherapie durchgemacht. Im Rückblick ist es unglaublich. Ich habe meinen Führerschein in dieser Zeit neu beantragt, also zeigt mich das Foto mit Glatze und erinnert mich daran, wie dramatisch es um mich bestellt war. Die Behandlungen waren sehr hart. Wenn ich völlig erschöpft nach Hause kam, begrüßte mich Lola und leckte mir eine Weile den Kopf, bis ich einschlief. Ihre Zuneigung war unglaublich. Sie schenkte mir die Hoffnung auf ein neues Leben.

Auch Lola erkrankte später, wie sind Sie damit umgegangen?

Lola hatte sieben Tumore, die entfernt werden mussten. Das war eine sehr dramatische Erfahrung. Ich weiß, dass Menschen, die eigene Kinder haben, das nur schwer verstehen können. Aber wenn man so etwas mit einem Haustier durchmacht, schweißt das auf besondere Art zusammen.

Auch Ihren Partner Matt Lashey haben Sie mit nach Berlin gebracht. Sie bekennen sich offen zu Ihrer Homosexualität. Bringt Sie das nicht in Konflikt mit der Politik Ihres Präsidenten?

Nein, dieser Präsident ist ein glühender Freund der LGBT-Gemeinschaft (engl. für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender). Donald Trump kannte mich persönlich und hat mich gebeten die Position des Botschafters der USA in Deutschland zu übernehmen. Auch hierzulande habe ich damit noch keine Probleme festgestellt – im Gegenteil, schwul zu sein, ist hier kein Thema. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass es ein besonderer Moment ist, dass hier heute zwei homosexuelle Diplomaten nebeneinander sitzen und die USA vertreten, als Generalkonsul in Leipzig und als Botschafter.

Wann kommen Sie wieder nach Leipzig?

Sehr bald, hoffe ich. Der OBM hat mir einen persönlichen Rundgang durch die Stadt versprochen. Ich bin sicher, das wird eine großartige Tour.

Von Robert Nößler

Zur Person

Richard A. Grenell (51) ist seit dem 8. Mai US-Botschafter in Berlin. Zuvor war das Amt fast 15 Monate nicht besetzt. Der in Michigan geborene Diplomat war von 2001 bis 2008 Sprecher des US-Botschafters bei den Vereinten Nationen. Im Anschluss war Grenell als politischer Berater sowie publizistisch tätig, unter anderem als Autor für Breitbart News und Kommentator beim Nachrichtensender Fox News. 2012 war der Republikaner Sprecher für nationale Sicherheit und auswärtige Angelegenheiten des Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney. 2013 überlebte er eine Lymphdrüsenkrebserkrankung dank Chemotherapie. Er lebt offen homosexuell zusammen mit seinem Partner Matt Lashey.

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