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Lokales Ingeborg Jagenow "schnippelte" allen davon
Leipzig Lokales Ingeborg Jagenow "schnippelte" allen davon
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23:59 18.05.2014

Von Barbara Psoch, der Chefin des Friseurmuseums Magdeburg, nebst Mitstreiterin Manuela Strietz. Denn Ingeborg Jagenow, geborene Meißner, könnte Geschichtsbücher füllen. Nicht nur, dass Vater Wilhelm nach dem Ersten Weltkrieg mal die Weltmeisterschaft im Herren-Frisieren errang, sie selbst war nach dem Zweiten Weltkrieg unter anderem Sieger der letzten gesamtdeutschen Friseurolympiade. Und nahm erfolgreich an der letz- ten (richtigen) Internationalen Meisterschaft 1957 auf dem Boden der DDR teil und heimste auch danach die Medaillen nur so ein. Nun wandern die einmaligen Zeugnisse aus ihrer Frisösen-Ära ins Magdeburger Museum.

Die schicke ältere Dame ist waschechte Stötteritzerin. Geboren dort 1925. Ihre Eltern betrieben damals in der Rudolph-Herrmann-Straße 11 ein großes Friseurgeschäft. Ihr bester Lehrling zwischen 1939 und 1942: die Tochter. Bei der Gesellenprüfung machte sie von 80 - heute würde man sagen Azubis - den absolut besten "Schnitt". "Wobei ich in einer Zeit lernte, wo zur Ausbildung noch sowohl Damen- als auch Herrenschnitt, Perückenmachen, Maniküre und - fakultativ - Fußpflege gehörten", erzählt sie. "Heute sind das ja alles Disziplinen für sich." Und: Damals, merkt sie an, sei man wie alle Handwerksgesellen nach der Prüfung auch noch auf Wanderschaft gegangen. Jenes "Fernweh" ereilte sie mit 23 Lenzen irgendwie auch. Ein Angebot aus der Schweiz, aus St. Gallen lockte. "Nur: Das war 1948. Ohne Interzonenpass ging da gar nichts."

Ingeborg Jagenow erwies sich da aber als ziemlich helle: Ganze Schlangen von Menschen standen sich seinerzeit vor der sowjetischen Besatzungs-Kommandantur in Berlin nach so einem Papier die Beine in den Bauch. "Ich wusste, dass auf deren Gelände ein Friseur seinen Laden hatte, zog einen weißen Kittel an, marschierte an den Massen vorbei und tat, als gehörte ich zu dem." Der Plan: Sie wollte auf Einladung des Kollegen Edwin Jumel (seinerzeit so etwas wie der Münchner Starfriseur) den Pass bis in die bayrische Landeshauptstadt beantragen - und dann im dortigen Konsulat ein Visum für die Schweiz. Ihren Coup quittierte der sowjetische Behördenchef damals augenzwinkernd mit dem begehrten Dokument. "Nur, als ich endlich in München ankam, war das Visum für die Schweiz schon drei Tage abgelaufen", schildert Jagenow die Tragik. Die letztlich ihr Gutes hatte: Jumel behielt sie erst mal vor Ort in seinem Salon. "Wir frisierten dort Marika Rökk, Olga Tschechowa, die Mutter von Schauspielerin Gaby Dohm, Heli Finkenzeller, und Leni Riefenstahl", sagt Ingeborg Jagenow. Und winkt ab. "Naja, die Riefenstahl war schon ein bissel schwierig." In diese Zeit fiel auch jene letzte große gesamtdeutsche Olympiade 1949/50 in Garmisch-Partenkirchen. Eine noch äußerst männerdominierte Angelegenheit. Verständlich, dass Ingeborg Jagenows schöne blaue Augen ein triumphaler Zug umgibt, wenn sie erzählt: "Als ich den Titel holte, ließ Sachsens Friseurchampion Degenhardt seinem Entsetzen freien Lauf: ,Was? Eine Frau?'"

In München lernte sie ihren Mann kennen. Und als Mutter erkrankte und Vater auf die Rente zusteuerte, kehrte sie 1952 in die Heimatstadt, die sie einst mit einem Koffer verlassen hatte, samt Gatten und kompletter Friseurausstattung zurück. Jetzt übernahmen "die Jung'schen" den Laden in der Rudolph-Hermmann-Straße. Bis sie selbst in Rente gingen. 1985.

Drei Söhne, eine Tochter und fünf Enkel hat Ingeborg Jagenow, die inzwischen verwitwet ist. Ein Sohn und ein Enkel erlernten ihren Beruf ebenfalls, wenngleich sie heute teils anderweitig tätig sind. Ingeborg Jagenows Wohnung ist indes voll von Zeugnissen der väterlichen wie der eigenen Erfolge. Ein Brenneisen-Original vom Ondulations-Erfinder Marcel Grateau (1852-1936) zählt dazu. So ein heißes Teil, bei dem sich jedes Glatthaar kräuselt. Die Gäste aus Magdeburg waren nicht zuletzt baff über das außerordentliche Maltalent von Ingeborg Jagenow, ausgebildet vom Leipziger Künstler Otto Weigel. Mit dem Pinsel hielt die seinerzeit junge Friseuse ihre Wettbewerbs-Kreationen fest. "Das Treffen mit Ihnen bereichert mich sehr", schwärmt Barbara Psoch und erzählt ihrerseits von Leipzig, das "von jeher eine Hochburg der Friseurausbildung war". So habe hier mit dem verstorbenen Gerhard Franke ein Nestor der DDR-Friseurausbildung gewirkt. Ingeborg Jagenow war mit ihm gut bekannt. Den Kontakt zwischen ihr und der Museumsleiterin hatte Frankes Sohn hergestellt. Die beiden Frauen konnten gleich gut miteinander. Als Barbara Psoch am Sonnabend aufbricht, flammt bei Ingeborg Jagenow die Berufsehre auf: Keck schnappt sie nach einer abtrünnigen Strähne, die die Hochsteckfrisur der Museumsfrau verlassen hat. Zurück nach Magdeburg könne sie ja, sagt die Altmeisterin. Und fährt entschieden fort: "Aber bitte mit ordentlichem Schopf!"

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.05.2014

Raulien, Angelika

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