Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales Ingenieure testen Belastungsfähigkeit der Luppe-Brücke
Leipzig Lokales Ingenieure testen Belastungsfähigkeit der Luppe-Brücke
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:00 20.08.2015
Belastungstest an der Luppe-Brücke. Quelle: Dirk Knofe
Anzeige
Leipzig

Ein 22,5 Meter langes Schwerlastfahrzeug steht seit dem Morgen auf der Luppe-Brücke in der Gustav-Esche-Straße. An einem Ende eine vierachsige Sattelzugmaschine, am anderen ein Fünfachser mit Messstand, Hydraulikanlage und Generator, in der Mitte ein riesiger Träger. Einem Teleskop gleich lässt sich der Koloss auf 35 Meter ausfahren. Das Mittelteil ruht dann auf zwei Stützen, die Mehrachser schaffen das Gegengewicht. Dazwischen können die Techniker fünf Prüftraversen in beliebigem Abstand positionieren, um die Tragfähigkeit der Brücke an verschiedenen Punkten zu testen. Ein Kran bestückt dazu den Träger mit Zusatzgewichten.

Die unter der Brücke installierten Sensoren registrieren jede Bewegung. "Mit ihnen können wir Verformungen im Hundertstel-Millimeterbereich erfassen", sagt Elke Reuschel. Die 55-Jährige leitet die Operation. Die Leipziger Gesellschaft für Materialforschung und Prüfungsanstalt für das Bauwesen (MFPA) setzt das einzigartige Belastungsfahrzeug, kurz Belfa genannt, zum ersten Mal ein. Es war im Rahmen eines Forschungsprojektes mehrerer deutscher Hochschulen entwickelt worden, darunter die Technische Universität Dresden und die Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK). Das Materialforschungsunternehmen, das das Fahrzeug erwarb, aufrüstete und modernisierte, verspricht sich viel von einem kommerziellen Einsatz.

Denn im Gegensatz zur konventionellen Prüftechnik, die aufwändige Auf- und Abbauten, tagelange Vollsperrungen und Eingriffe in das jeweilige Bauwerk erfordert, ist Belfa schnell und flexibel einsetzbar. "Für geschädigte Konstruktionen, die rein rechnerisch schon am Ende sind, können wir damit die noch vorhandene Resttragkraft exakt ermitteln", erklärt Reuschel, die als Professorin für Stahl- und Spannbetonbau an der HTWK lehrt. Angesichts vielerorts maroder Infrastruktur und latent klammer öffentlicher Kassen könnte Belfa gerade für Kommunen die letzte Hoffnung vor unbeliebten Brückensperrungen sein.

Allein in Leipzig befindet sich jede fünfte Brücke in desolatem Zustand, fünf gelten sogar als akut gefährdet. Auch die Gustav-Esche-Brücke zählt zu den Sorgenkindern. "Die Druckfestigkeit des Betons hat nachgelassen, der Bewehrungsstahl ist korrodiert", beschreibt Reuschel die fast 90 Jahre alte Brücke, die jeden Tag noch immer hohen Belastungen ausgesetzt ist.

17200 Fahrzeuge passieren täglich die Gustav-Esche-Straße, sagt Klaus Barthel, Abteilungsleiter Brückenbau und -unterhaltung im Verkehrs- und Tiefbauamt. Er ist seit 35 Jahren im Geschäft, hat in der ganzen Zeit dennoch erst ein Dutzend Probebelastungen erlebt. Das könnte sich nun mit der mobilen Prüfvariante ändern.
Die Gustav-Esche-Straße ist in diesen Tagen einspurig weiter befahrbar, nur während der heißen Experimentierphasen in der Nacht muss sie aus Sicherheitsgründen voll gesperrt werden. Morgen sollen die Testergebnisse vorliegen.

Zur Galerie
Mit einem Belastungsfahrzeug testen Ingenieure die Belastbarkeit der Luppe-Brücke. (Bilder: Kempner)

Im mittelfristigen Straßen- und Brückenbauprogramm, das der Stadtrat 2013 verabschiedete, ist die Gustav-Esche-Brücke in die Dringlichkeitsklasse 2 eingestuft worden. Heißt: kritischer Bauzustand. Die rechnerischen Modelle zur Ermittlung der Tragfähigkeit berücksichtigen unter anderem Baustoffe und Geometrie des Bauwerks. "Durch Probebelastungen", weiß Barthel, "erreicht man oft noch Tragreserven." Gespannt auf den Testausgang ist er aber noch aus einem anderen Grund. "Wir bräuchten die Brücke noch zehn Jahre", sagt er. Denn wenn ab 2020 der Bau der Brücken in der Georg-Schwarz-Straße in Leutzsch beginnt, müsste die Gustav-Esche-Straße als Umleitungsstrecke herhalten.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Leipzigs imposanter Hauptbahnhof feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. Das bekannte Bauwerk hat eine bewegte Geschichte hinter sich. In einer Serie blickt die LVZ zurück – heute: Der fertige Bahnhof.

31.08.2015

Die Bauarbeiten in der Rackwitzer Straße gleich hinter dem Leipziger Hauptbahnhof gehen schnell voran. So schnell, dass der dritte Bauabschnitt einen Monat früher als geplant in Angriff genommen werden kann. Das teilte das Tiefbaumamt der Stadt am Mittwoch mit.

19.08.2015

Die Bauarbeiten am Großprojekt Karl-Liebknecht-Straße liegen in den letzten Zügen. Die Strecke soll planmäßig bis November fertiggestellt sein. Nach sechs Wochen Vollsperrung können nun zumindest die Straßenbahnen die Magistrale wieder auf voller Länge befahren.

19.08.2015
Anzeige