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Integration gescheitert - Referendar bricht Ausbildung in Leipzig ab

Integration gescheitert - Referendar bricht Ausbildung in Leipzig ab

Zwei Jahre hat Michael Langer gebraucht, um sich von seiner Erfahrung an der Leipziger Albert-Schweitzer-Schule für Körperbehinderte zu erholen. Als halbseitig gelähmter Referendar wollte er behinderten Schülern am eigenen Beispiel zeigen, dass sie gute Chancen im Leben haben.

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Michael Langer vor der Albert-Schweitzer-Schule.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Doch dann scheiterte er selbst bei der Ausbildung, weil Schule und Bildungsagentur schwere Fehler unterliefen, die den 35-Jährigen zum Abbruch zwangen.

Langers rechte Körperhälfte ist gelähmt, seit er 24 Jahre alt ist. Eine schwammige Ader in seinem Gehirn war plötzlich aufgeplatzt. Zuvor war die angeborene Krankheit nicht entdeckt worden. Sie hat sein Leben vollkommen verändert.

Langer war Leistungssportler gewesen und hatte nie gedacht, einmal Probleme mit Bewegung zu haben. Doch dann musste der Rechtshänder mühsam auf links umlernen. Zwei Jahre dauerten Reha-Kuren und Therapien. Elf Jahre später sieht man dem jungen Mann seine 80-prozentige Schwerbehinderung äußerlich kaum noch an. Nur beim Gehen humpelt er noch. Vielleicht hat sich die Albert-Schweizer-Schule deshalb so schwer getan, seine Arbeitsbedingungen behindertengerecht zu gestalten?

Nach Studienabschluss und Familiengründung hatte der 35-Jährige sein Referendariat 2010 zunächst in Altenburg begonnen, weil die Plätze in Leipzig belegt waren. "Das war eine harte Zeit für mich, weil ich meine Freundin mit den beiden Kindern allein lassen musste", erinnert sich Langer. Beinahe hätte er damals abgebrochen, doch seine Rektorin bestärkte ihn: "Machen Sie das fertig hier, Sie schaffen das." Nach einem Dreivierteljahr erhielt er eine Computertafel als Hilfsmittel, "und von da an ging es steil bergauf mit mir", so Langer.

Die Computertafel war kein freundliches Geschenk, sondern Langers gutes Recht. 2001 haben die Vereinten Nationen eine neue Konvention für die Rechte behinderter Menschen beschlossen. Seit 2006 sind die Bestimmungen auch in Deutschland Gesetz. Demnach haben Menschen mit Behinderung Anspruch auf Hilfsmittel, mit denen sie die Nachteile ausgleichen können, die sie gegenüber nicht behinderten Menschen haben.

Im Januar 2011 bewarb sich Langer erneut in Leipzig. Er wollte gerne bei seiner Familie sein. Diesmal klappte es. Im April ging er zum Vorstellungsgespräch in die Behörde, erläuterte seine halbseitige Lähmung, erklärte, warum er eine Computertafel brauchte. Die Bildungsagentur war einverstanden, stellte ihn ein und wollte sich um die Hilfsmittel kümmern.

Die Probleme begannen, als Langer an seinen ersten Tag an der Albert-Schweitzer-Schule antrat. "Ich hab mich in der Lehrerkonferenz vorgestellt: Hallo, ich bin Herr Langer und zu 80 Prozent schwerbehindert." Daraufhin seien die Kollegen aus allen Wolken gefallen. Niemand hatte etwas von der Behinderung gewusst. Die Bildungsagentur hatte die Schule nicht informiert.

Langers erste Mentorin hatte ein winziges Klassenzimmer. Um die Computertafel anbringen zu können, hätte die Kreidetafel der Mentorin abgenommen werden müssen. "Als ich ihr das sagte, wurde das Verhältnis zwischen uns ziemlich frostig", sagt er.

Aus rechtlichen Gründen hatte Langer einen Vollzeitarbeitsvertrag. Laut Amtsarzt konnte er aber nicht mehr als sechs Stunden pro Tag arbeiten. Die sechs Stunden plante ihn die Schule nun voll ein. "Vor- und Nachbereitungszeit hat man einfach ignoriert", sagt er. Für Sportunterricht teilte man ihn ebenfalls ein, auch das war ärztlich ausgeschlossen. "Dann helfen sie halt nur der Lehrkraft", habe man zu ihm gesagt und ihn trotzdem in die Sportstunden geschickt. Ein klärendes Integrationsgespräch darüber, was Michael Langer leisten konnte und was wegen der Behinderung nicht ging, fand nicht statt.

Stattdessen erstellte die Anleiterin eine Problemliste über Langer und brachte sie zum Gespräch zwischen Schulleitung und Referendar mit. Sie fragte: Wie wolle Langer den Schülern das Schreiben beibringen, wenn er doch Schwierigkeiten habe, ohne Schreibhilfe zu arbeiten? Und wie solle sie, die Anleiterin, mit Langers geringerem Tempo umgehen? Der behinderte Referendar war sprachlos. "Sie hatte offenbar keine Ahnung, wie sie mit meiner Behinderung umgehen soll", sagt er heute.

Die zugesicherten Hilfsmittel, die Computertafel und eine Liege zum Ausruhen, waren drei Monate nach seinem Dienstbeginn noch nicht da. Der Referendar wandte sich an die Schwerbehindertenvertretung der Bildungsagentur. Die habe damals zum ersten Mal von ihm erfahren, sagt Langer. "Es stellte sich heraus, dass ursprünglich niemand für behinderte Lehramtsanwärter zuständig war."

Die Schwerbehindertenvertreterin engagierte sich für ihn und organisierte ein großes Integrationsgespräch an der Schule. Doch schildert Langer, dass das Gespräch bei seinen Vorgesetzten nicht gut ankam. "Vielleicht war ihnen nicht recht, dass ein kleiner Referendar ein solches Aufheben machte?", fragt er sich heute.

Drei Monate geht Langers Referendariat weiter, drei Monate, in denen manches gelingt und vieles schief geht. "Wenn mich jemand lobt, wenn es im Unterricht läuft, dann kann ich auch mal 120 Prozent leisten", sagt er. Doch Lob hört er keines. Der Druck steigt weiter, bis er sich Ende Januar 2012 krank melden muss. Computertafel und andere Hilfsmittel werden erst Mitte Februar geliefert. Langer hat sie bis heute nicht gesehen.

Die Schule will zu dem Vorgang nichts sagen. Auf Anfrage beruft sich der Schulleiter auf dienstliche Schweigepflicht. In der Bildungsagentur dagegen ist klar, dass in Langers Fall einiges schieflief. Dass die zugesicherten Hilfsmittel erst nach einem halben Jahr eintrafen, sei den behördlichen Abläufen geschuldet, erklärt Pressesprecher Roman Schulz. Dass die Albert-Schweitzer-Schule nichts von Langers Behinderung wusste, sei bedauerlich. "Da hat es zu wenig Kommunikation gegeben", räumt er ein und fügt hinzu: "Wir müssen uns da in Zukunft verbessern." Konkrete Maßnahmen oder Beschlüsse kann er allerdings nicht vorweisen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.12.2013

Clemens Haug

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