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Ist Leipzigs Osten asozial? - Riesenwirbel um Bericht in ARD-Tagesthemen

Ist Leipzigs Osten asozial? - Riesenwirbel um Bericht in ARD-Tagesthemen

In dem ARD-Beitrag "Landflucht nach Leipzig" stellen die Fernsehmacher eine "Akademikerfamilie" aus Schleußig vor, die in einem "beliebten und bei Akademikern sehr angesagten Viertel" lebt, so der O-Ton.

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Magistrale der Gegensätze: Die Eisenbahnstraße gilt zwar als einer der sozialen Brennpunkte in Leipzig, präsentiert sich aber bunt und belebt.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Bei Schönefeld hingegen handele es sich um ein "Arbeiterviertel", glauben die TV-Leute zu wissen.

Sodann wird ein Klavier eingeblendet und eine besorgte Mutter aus Schleußig beklagt, dass ihr Sohn in ihrem Viertel nicht aufs Gymnasium gehen kann, weil es dort keinen Platz mehr gebe. Stattdessen solle der Elfjährige ein Gymnasium in Schönefeld besuchen, was für sie untragbar sei. "Ich möchte, dass mein Sohn eine gute, fundierte Allgemeinbildung bekommt", ist als Begründung zu hören - und der Filius sagt mit Verweis auf die Eisenbahnstraße, die sich auf seinem künftigen Schulweg befindet, in die Kamera: "Ich will nicht durch ein Assi-Viertel fahren."

Die Darstellung und die Äußerungen haben im Internet schon kurz nach der Ausstrahlung einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Die Leipzigerin Maren Müller mailte in einer Programmbeschwerde, die ARD habe "unter dem Vorwand, wohnungs- und bildungspolitische Missstände in einer ostdeutschen Großstadt aufzuzeigen, lediglich soziale Gräben aufgemacht und diffuse Ängste einer vermeintlich ,besseren' Bevölkerungsschicht transportiert".

Jürgen Schmidt aus Nünchritz schreibt in einer E-Mail an die Leipziger Volkszeitung, es sei schlimm, "dass ein Viertklässler der Meinung ist, dass die Bewohner von Vierteln mit hauptsächlich ärmeren Schichten asozial sind". Tino Seeber kritisiert die Darstellung, dass es offenbar nur in einem Gymnasium in einem Akademikerviertel gute Bildungschancen gibt. Anderswo seien offenbar nur Arbeiterkinder zu finden, "und das Niveau wird dort wohl - weil es ja Arbeiterkinder sind - deutlich niedriger sein", denkt er die Botschaft des Fernsehbeitrages weiter.

Unter den zahlreichen Meinungsäußerungen ist auch eine von CDU-Stadtrat Ansbert Maciejewski zu finden. Er lädt die Schleußiger Familie ein, sich Schönefeld genauer anzusehen. "Die Gorkistraße mag nicht so schick sein wie die Könneritzstraße", mailte er. "Es gibt hier keine Yuppis und Öko-Hipster. Auch Bioläden und Sushi-Bars fehlen. Dafür leben hier aber jede Menge normaler Menschen, die arbeiten gehen oder von Transferleistungen leben müssen."

Die in dem Beitrag interviewte Schleußigerin gehört zu den Verfassern eines offenen Briefes an Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), in dem sich insgesamt 24 Eltern dagegen aussprechen, dass ihre Kinder dem Friedrich-Arnold-Brockhaus-Gymnasium in Schönefeld "zwangszugewiesen" werden (die LVZ berichtete). Auf diesen Brief hat Michael Reinhardt vom Bürgerverein Schönefeld reagiert. Er wirft den Absendern ebenfalls "Engstirnigkeit und überholtes Klassendenken" vor. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass "Stärkere, Lautere oder Reichere" mit ihren Ansprüchen durchkommen. "Öffentliche Schulen werden aus Steuermitteln finanziert, die allen zugute kommen müssen. Wer darüber hinaus Wünsche erfüllt haben möchte, dem steht es frei, diese aus privaten Mitteln zu decken", schreibt Reinhardt.

Die gescholtene Schleußigerin fühlt sich durch den Fernsehbeitrag falsch dargestellt und hat bei der ARD durchgesetzt, dass der Film nicht mehr in deren Mediathek abgerufen werden kann. "Ich habe nichts gegen Schönefeld, ich habe selber in Schönefeld gewohnt", beteuerte sie gestern auf LVZ-Anfrage. Ihr sei es lediglich darum gegangen, dass Leipzig seine Gymnasien dort bauen sollte, wo Bedarf bestehe. Sie habe auch keine Bevorzugung der Kinder aus Stadtteilen wie Schleußig gefordert. "Ich will nur, dass mein Sohn in eine ganz normale fünfte Klasse kommt wie die anderen Kinder auch", erklärte sie. "Nicht in eine konzeptlose und bisher absolut unzureichend ausgestattete Übergangslösung wie in Schönefeld - oder wo auch immer."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 17.07.2014

Andreas Tappert

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