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Lokales Jahrelanger Streit um Ärztepfusch: Eltern kämpfen für schwerstbehinderte Tochter
Leipzig Lokales Jahrelanger Streit um Ärztepfusch: Eltern kämpfen für schwerstbehinderte Tochter
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15:31 17.07.2015
Nächsten Dienstag verhandelt das Oberlandesgericht Dresden über den Fall. Quelle: Uli Deck (Symbolfoto)

Seit mehr als einem Jahrzehnt kämpfen die Eltern um die Rechte ihrer Tochter. Mit dem Fall um Ärztepfusch aus Leipzig befasst sich nächsten Dienstag das Oberlandesgericht (OLG) Dresden. In erster Instanz, am Landgericht Leipzig, hatte die Familie den Prozess gewonnen. Allein dort lagen die Akten aber fünfeinhalb Jahre.

"Dass sich das Verfahren so lange hinzieht, ist richtig schlimm für meine Mandanten", sagt Rechtsanwältin Diane König, die Familie H. in dem Prozess um Schmerzensgeld gegen einen Leipziger Gynäkologen und Urologen vertritt. Nach Ansicht der Kläger versagte er bei der Geburt der Zwillinge in der Belegklinik Bethanien, die inzwischen nicht mehr existiert, so dass Rahel unter Sauerstoffmangel litt. Zunächst versuchten die Eltern von fünf Kindern 2004 eine Schlichtung vor der Landesärztekammer Sachsens. Als sie die Prüfung des Falls initiierten, habe der Gynäkologe zugestimmt - "unter der Bedingung, auf ein Strafverfahren zu verzichten", berichten die Gesangspädagogin und ihr Mann, ebenfalls Arzt. Als aber die Verjährung für eine Strafanzeige erreicht war, habe sich der Gynäkologe aller Zustimmungen entledigt. "Da ahnten wir, dass es länger dauern könnte. Wir hatten aber mit drei bis sechs Jahren gerechnet." Die anhaltenden Unschuldsbekundungen des Beklagten entsetzten sie immer wieder, berichten die Eltern, beide Mitte 40.

Erst Mitte 2012 hatte das Landgericht über die Ende 2006 eingereichte Klage der Eltern entschieden. Es verurteilte den Gynäkologen zur Zahlung von 328.000 Euro Schmerzensgeld und einer monatlichen Rente von 300 Euro. Dabei handelte es sich um die höchste bis dahin vom Landgericht Leipzig ausgesprochene Summe in Arzthaftungssachen. Nach Ansicht der 6. Zivilkammer unterliefen schon vor der Geburt Behandlungsfehler. "Weder die Betreuung der Zwillingsschwangerschaft im Rahmen der Schwangerenvorsorge noch die Geburtsleitung entsprachen dem medizinischen Standard", hieß es im Urteil (die LVZ berichtete). Dass ab der 33. Schwangerschaftswoche keine Ultraschalluntersuchungen mehr durchgeführt wurden, bezeichneten die Richter - aufgrund eingeholter Sachverständigengutachten - als "besonders schwerwiegend", weil der Arzt die Wachstumsdiskrepanz nicht erkannt habe. Aufgrund des Gewichtsunterschiedes der Zwillinge von mehr als 500 Gramm wäre eine Kaiserschnittentbindung von vornherein angezeigt gewesen. Zudem habe er die Entbindung in der Belegklinik "ohne ausreichendes Notfallmanagement durchgeführt". Personelle wie operative Ausstattung hätten nicht genügt.

Der Verurteilte bestritt jedoch jegliche Behandlungsfehler, legte ein Gegengutachten vor, wonach das Mädchen schon vor der Geburt hirngeschädigt gewesen sei. Er ging in Berufung - Familie H. auch. Deren Ziel sind laut Anwältin König sowohl ein höheres Schmerzensgeld als auch eine höhere monatliche Rente. "Alle Kosten für Umbauten, zusätzliche Hilfsmittel, notwendige Betreuung, zusätzliche Aufwendungen im Urlaub, der Freizeit und im Alltag mussten und müssen wir selbst tragen, wobei weit über 150 000 Euro in den zwölf Jahren zusammengekommen sind", sagen die Eltern. Nur aufgrund der "großzügigen Gewährung der notwendigen Kredite" durch die Sparkasse sei dies möglich. Rahel kann nicht sprechen, nicht laufen, nicht ohne Hilfe sitzen, muss gewindelt werden. Ihre Geschwister hätten eine große Belastung zu tragen.

Das OLG Dresden wollte ursprünglich den ersten Sachverständigen im Verfahren nochmals befragen, er erkrankte jedoch schwer und starb Mitte vorigen Jahres. Ein nun eingeholtes sogenanntes Obergutachten geht laut König wiederum von massiven ärztlichen Kunstfehlern aus. Es soll nun am 6. Januar im Mittelpunkt der Verhandlung stehen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.01.2015

Sabine Kreuz

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