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Lokales Jugendamt bereitet sich auf Zustrom junger Flüchtlinge vor
Leipzig Lokales Jugendamt bereitet sich auf Zustrom junger Flüchtlinge vor
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00:35 22.10.2015
Jugendamtsleiter Nicolas Tsapos steht gemeinsam mit Freien Trägern vor der Herausforderung, Betreuungsangebote für minderjährige Flüchtlinge zu schaffen.  Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig.

Die 200er Marke bei den „UMA“s ist längst geknackt. So heißen die unbegleiteten minderjährigen Ausländer, um die sich das Jugendamt kümmern muss, im Fachjargon. Täglich können es mehr werden, zumal ab November die Jugendlichen nach einer Quotenregelung im gesamten Bundesgebiet verteilt werden. Die Stadt und Freie Träger arbeiten auf Hochtouren, um Unterkünfte vorzubereiten.

Ihre Zahl ist in den letzten Wochen sprunghaft gestiegen, bis Jahresende wird mit 300 bis 350 jungen Leuten gerechnet. Zuletzt musste Leipzig zwischen 10 und 20 im ganzen Jahr betreuen. Am 19. Oktober waren es schon über 240. „Sie können nicht einfach in einer Turnhalle untergebracht werden – da gelten die Regeln des Kinder- und Jugendhilfegesetzes wie bei jedem anderen Kind“, erklärt Nicolas Tsapos, der Leiter des Amtes für Jugend, Familie und Bildung. Dabei drängt die Zeit. Weil Städte wie München mit etwa 6500 unbegleiteten Jugendlichen überfordert sind, wurde die fürs nächste Jahr geplante Umverteilung laut Quotenregelung des Königsteiner Schlüssels in andere Bundesländer ab November 2015 vorgezogen. „Was das bedeutet, ist offen gestanden Kaffeesatzleserei. Wir haben aber begonnen, uns vorzubereiten und mit Trägern gesprochen, zusätzliche Einrichtungen aufzubauen“, so der Amtsleiter.

Betreut werden die jungen Menschen – meist junge Männer zwischen 15 und 17 Jahren – in Wohnheimen, vereinzelt in Wohngruppen, aber auch bei Pflegefamilien. Geschaut werde mittlerweile auch, ob es geeignete Betreuungspersonen bei den Flüchtlingen gibt, die die Jungs tausende Kilometer mitgenommen haben. „Das Jugendamt steht in einer Gewährleistungspflicht, komme was wolle.“ So müssten die jungen Flüchtlinge ein Dach über dem Kopf haben, genügend und kultursensibel zu essen bekommen, betreut werde. Auch WLAN sei wichtig, damit sie mit ihrer Familie und Verwandten kommunizieren können.

Derzeit ist da viel Improvisationstalent gefragt. Der Kinder- und Jugendnotdienst könne nicht zusätzlich eingreifen – schafft sonst seine eigentlichen Aufgaben nicht mehr. Deshalb hat das Jugendamt bereits seinen Offenen Freizeittreff „Am Mühlholz“ als Domizil für junge Flüchtlinge umfunktioniert – Mitarbeiter des Treffs, Streetworker und Sozialarbeiter aus Schulen und Horten kümmern sich. Eine Gruppe lebt in der ehemaligen Kita Leonhard-Frank-Straße, die bis zur geplanten Sanierung als Interim genutzt wird. „Ich bin stolz auf die Solidarität unserer Mitarbeiter, die sich mit der humanitären Aufgabe, die wir lösen müssen, identifizieren.““

Bis 2018 hat der Freistaat das klassische Betriebserlaubnis-Genehmigungsverfahren außer Kraft gesetzt. Das heißt, Einrichtungen können mehr Menschen beherbergen als bisher. Es ist aber auch möglich, neben dem Fachpersonal Ehrenamtliche, pensionierte Lehrer oder geeignete Personen als Betreuer einzusetzen. „Derzeit sind wir auf die Situation noch vorbereitet. Das schützt uns aber nicht davor, Übergangslösungen zu schaffen.“ Absehbar sei, dass die Zahl der Flüchtlingskinder höher wird. „Ich verfolge jede Idee, die ein Freier Träger hat“, erklärt Tsapos. „Kurzfristig müssen wir humanitäre Herausforderungen bewältigen. Sobald das Verfahren geregelter wird, können wir über integrative Wohngruppen, mit Deutschen zusammen, nachdenken.“ Das sei momentan aber eine Luxusdiskussion. Denkbar seien später sogar eigene Wohnungen, betreut durch einen ambulanten Träger, um die Jugendlichen in die Selbstständigkeit zu überführen.

Deutsch lernen, Schule und Ausbildung müssen organisiert werden. „Da gibt es in anderen Bundesländern durchaus erfolgreiche Karrieren. Die meisten haben ja viel erlebt, allein Tausende Kilometer ohne Eltern bewältigt. Nicht wenige formulieren, dass sie in die Schule gehen oder einen Beruf erlernen wollen.“ Sie seien ehrgeizig oder haben einen Familienauftrag. Viele haben natürlich auch ihre Eltern verloren, brauchen professionelle Hilfe und muttersprachliche Therapieangebote. „Die aufzubauen, ist schwierig. Wir sind aber dabei, ohne die Dimension abschätzen zu können. Oft bricht das Trauma erst nach Monaten aus.“

Derzeit seien mehrere Projekte mit Freien Trägern im Aufbau. So baut das Berufsbildungswerk (BBW) auf eigenem Gelände betreute Wohngruppen in Internatswohnungen auf. Der Verbund Kommunaler Kinder- und Jugendhilfe (VKKJ) hat Plätze an bestehende Einrichtungen angedockt, weitere Kapazitäten entstehen bei Caritas. Outlaw, Internationaler Bund, Schauplatz, beim Verein Consis Bildung und Management und vielen anderen – dabei geht es in der Regel um 12 bis 24 Plätze. Auch der Städtische Eigenbetrieb Behindertenhilfe (SEB) wird perspektivisch zwei Einrichtungen bauen, die in drei, vier Monaten bereitstehen. Es gebe ohnehin Bedarf an stationären Einrichtungen, diese könnten umgenutzt werden, sobald der Flüchtlingsstrom abebbt. Der Freistaat hat ein Investitionsprogramm von 60 Millionen Euro aufgelegt. „Wir werben auch um Pflegefamilien, da gibt es zunehmend Bereitschaft bei den Leipzigern.“ Viele Flüchtlingskinder haben keinen spezifischen erzieherischen Hilfebedarf, sind selbstständig, jemand müsse sich nur um sie kümmern. Das Jugendamt muss für alle einen Vormund – meist einer für 40 – bestellen, sich um Gesundheitscheck und Altersfeststellung medizinische und durch qualifizierte pädagogische Gespräche – kümmern, falls keine Papiere vorhanden sind. „In der Regel haben wir es mit umgänglichen, zielstrebigen Jugendlichen zu tun, die absolut integrationsfähig sind. Für uns ist es dennoch eine große Herausforderung“, konstatiert Tsapos.

Von Mathias Orbeck

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