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Jugendamt ignorierte Alarmsignale von Drogenärztin und Suchttherapeutin

Verdursteter Kieron-Marcel Jugendamt ignorierte Alarmsignale von Drogenärztin und Suchttherapeutin

War der qualvolle Tod des zweijährigen Kieron-Marcel vermeidbar? Im Prozess gegen den zuständigen Sozialarbeiter Tino H. (42) am Landgericht kam am Dienstag heraus: Sowohl Drogenärztin als auch Suchttherapeutin der rauschgiftabhängigen Mutter warnten das Jugendamt.

Quelle: dpa

Leipzig. "Hätte man das Kind rechtzeitig in Betreuung gegeben", sagte die erfahrene Suchtmedizinerin Dagmar H. (62), "wäre das alles nicht passiert." Wie berichtet, starb Christin F. (26) zwischen dem 7. und 10. Juni 2012 in ihrer Wohnung in der Möckernschen Straße an einem Mix aus Heroin und Kokain, ihr Sohn Kieron-Marcel verdurstete zwischen dem 13. und 14. Juni.

 Seit 1994 betreute Dagmar H. Drogensüchtige, jeweils mehr als 50 Heroinabhängige kamen in ihre Praxis zur Substitution. Auch Christin F. versuchte seit April 2011, hier von ihrer Sucht loszukommen. Zuvor hatte sie im Mutter-Kind-Heim einen Rückfall erlitten, absolvierte danach eine Langzeittherapie, worauf sie erneut dem Rauschgift verfiel. Die Drogenersatztherapie sei zunächst gut angeschlagen, so die Internistin. "Doch ab Januar 2012 gab es Probleme." Mehrfach sei die Patientin positiv auf Amphetamine getestet worden, viele Pflichttermine schwänzte sie. Jedes Mal informierte die Praxis das Jugendamt, allerdings nie den wegen fahrlässiger Tötung angeklagten Tino H. persönlich.

 "Die positiven Urinproben bedeuteten, dass sie wieder auf die schiefe Bahn rutscht", erklärte Dagmar H. Nachdem klar war, dass Christin F. vom Substitutionsprogramm abgemeldet werden muss, ging von der Praxis erneut eine Information ans Jugendamt. Eine Reaktion der Behörde blieb abermals aus. "Rückruf versprochen - ist nicht erfolgt", vermerkt die Patientenakte dazu.

 "Das war ein besorgniserregender Zustand" bekannte Dagmar H. vor Gericht. Zumal Christin F. auch eine begleitende psychosomatische Behandlung abgelehnt habe. "Sie war uneinsichtig", so die Ärztin. Als am 9. Februar Polizei und Notarzt bei Christin F. anrückten, weil sie im Drogenwahn überall in ihrer Parterrewohnung Schnaken sah, sich ihre Kleider vom Leib riss und Möbel aus der Wohnung warf, "hätte ich sofort, ganz automatisch einen stationären Entzug veranlasst", stellte Dagmar H. klar. "Aber ich wusste nichts davon."

 Tino H. hingegen schon, er wurde von der Polizei informiert. Allerdings steckte er Christin F. lediglich Zettel mit Terminvorschlägen in den Briefkasten, weil er sie nicht antraf. Mitte März meldete sich Suchttherapeutin Annegret W. (57) bei Tino H. "Christin F. war auf einem guten Weg", so die Expertin. "Aber ich machte mir große Sorgen, weil sie mehrfach nicht zu Terminen kam." Der Sozialarbeiter habe ihr berichtet, dass Christin F. eine Substitutionstherapie absolviere - obwohl das Jugendamt ja zu diesem Zeitpunkt längst über den Abbruch der Therapie informiert war. "Ich musste ihm sagen, dass das nicht mehr stimmt", so Annegret W. "Christin F. wollte gut dastehen, weil sie Angst hatte, dass man ihr das Kind wegnimmt." Auch Ärztin Dagmar H. bestätigte, dass die Patientin immer Ausreden erfunden habe. Doch das Jugendamt glaubte ihr. Bis zum bitteren Ende.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.07.2015

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