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Lokales "Jugendliche wie dich behalten wir im Auge" - Sprengung der Unikirche vor 45 Jahren
Leipzig Lokales "Jugendliche wie dich behalten wir im Auge" - Sprengung der Unikirche vor 45 Jahren
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01:00 29.05.2013
30. Mai 1968, 10 Uhr: Die Leipziger Universitätskirche St. Pauli wird gesprengt. Quelle: LVZArchiv

Eine Single kostete 50 oder 60 Mark, eine LP 150 Mark. Mit Schichtzuschlägen verdiente ich als Zerspaner 2½ bis 3 Langspielplatten im Monat.

Als ich die Menschenmenge auf dem Karl-Marx-Platz sah, verließ ich die Straßenbahn. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass die Universitätskirche weggerissen werden sollte. Sie war eingezäunt, es standen Holzbuden davor. Jemand sagte, jetzt würden die Sprenglöcher gebohrt. Das sei die Orgel, widersprach ein anderer, der Kantor würde aus Protest alle Register ziehen. Ich wusste nicht viel, weder über die Kirche selbst, noch über ihre Bedeutung. Ich konnte mir nur nicht vorstellen, dass sie einfach aus dem Stadtbild verschwinden sollte. Sie gab diesem Straßenriegel aus Geist & Kommerz Würde. Für mich und auch für die anderen, die dort standen, gehörte sie zu diesem Platz wie die Bäume darauf, der üppige Springbrunnen und die Straßenbahnen, die hier hielten, mit ihren Kellen auf dem Dach, auf denen die Zahlen ihrer Linien standen.

"Sie ist völlig intakt!", rief ein Mann den Uniformierten entgegen, die anrückten. "Gehen Sie weiter, Bürger, Gruppenbildungen sind untersagt." - "Wir bleiben hier!", protestierte einer. Die Gruppe, die dabei war, Schritt aufzunehmen, verharrte auf einmal. Ich stand dabei, war ein Teil derer, die dem Kommando nicht folgten. Plötzlich wurde ich von hinten heftig gestoßen. Ich drehte mich um und ging auf Gegenwehr. Sofort war ich umringt von weiteren Männern in Zivil. Einer nahm mich in den "Schwitzkasten" und bugsierte mich zu einem Pkw. Angst hatte ich um meine Schallplatten. Geistesgegenwärtig stellte sich mein Jugendfreund Gerhard Pötzsch, heute Stadtrat, Autor und Hörbuchverleger, den Männern in den Weg. Ihn hatte ich auf dem Platz getroffen, er wusste, was ich dabei hatte. Er trat so überzeugend auf, dass keiner der Männer mein Gepäck inspizierte. Er nahm es an sich.

Im Wartburg 353 brachte man mich in die Beethovenstraße. Dort angekommen, sah ich, dass das Gebäude voller "Zugeführter" war. Erst stand ich im Gang, dann durfte ich in einem größeren Raum Platz nehmen. Die Bewacher unterbanden jedes Wort. Nach Stunden wurde ich in ein Büro gebracht. Ich schilderte den Vorfall, wie ich ihn erlebt hatte. Danach wurde ich zurückgebracht und wartete weitere Stunden. Inzwischen durfte man tuscheln. Gegen Mitternacht wurde ich wieder befragt. Man beschuldigte mich, einer konterrevolutionären Zelle anzugehören und Widerstand gegen staatliche Organe geleistet zu haben. Ich wurde in einen Raum gebracht, in dem ich allein saß, und musste den Vorgang haarklein aufschreiben. Danach wurde ich wieder vernommen. Mit einem Geständnis könnte ich meine Strafe mildern, bot mir der Vernehmer an. Ansonsten würden mich 15 Monate Jugendhaft erwarten. Der Morgen graute, und ich bestritt alle Anschuldigungen. Mein Gegenüber spielte auf meine Vergangenheit an. "Jugendliche wie dich", sagte er, "behalten wir im Auge." Ich hatte ein Jahr zuvor einen Protestbrief verfasst und Unterschriften gesammelt. Drei Lehrlingen, die lange Haare trugen, sollte der Lehrvertrag gekündigt werden. Schließlich wurden wir zu viert entlassen.

Am Nachmittag des 29. Mai durfte ich die Polizeiwache verlassen, der Staatsanwalt hatte die Ermittlung wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt eingestellt. Ich erhielt die Auflage, das Stadtzentrum nicht zu betreten. Mein Betrieb wurde von der Störung der öffentlichen Ordnung informiert. Einen Tag später wurde die Kirche gesprengt. Während der Frühschicht konnte ich es fühlen.

Im Jahre 2007 realisierte ich gemeinsam mit Gerhard Pötzsch den Autorenfilm "In jenem beharrlichen Sommer", darin erinnerten wir an die Sprengung der Kirche. Als kleine Reverenz.

wurde 1951 in Leipzig geboren, lebt dort als freiberuflicher Schriftsteller;

Ralph Grüneberger

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