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Lokales Jungtiere lebend eingemauert – Bauboom mit Folgen für die Vogelwelt
Leipzig Lokales Jungtiere lebend eingemauert – Bauboom mit Folgen für die Vogelwelt
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00:19 23.06.2017
Drei Mauersegler-Küken konnten unterkühlt und halb verhungert geborgen werden. Eins der Vögelchen ist trotz aller Bemühungen kurz danach gestorben. Quelle: Foto: Nabu Leipzig
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Leipzig

Bauen, sanieren, reparieren – in der wachsenden Stadt Leipzig brummt das Baugeschehen. Nicht selten ohne Rücksicht auf Verluste: „Man muss davon ausgehen, dass bei Bauarbeiten in Leipzig tagtäglich Tiere getötet werden“, sagt der Naturschutzbund (Nabu). Die Vorfälle sind dramatisch gestiegen auf drei bis vier pro Tag – und noch viel mehr bleiben gänzlich unbemerkt. Vor einem Jahr wurde in der Brutzeit im Schnitt ein Fall pro Tag bekannt.

Einen solchen Einsatz hatte Karsten Peterlein von der Wildvogelhilfe Leipzig kürzlich in der Angerstraße. „Da waren vermeintliche Löcher in der Hauswand unter der Dachrinne. Der Hauseigentümer hat die Löcher mit Bauschaum schließen lassen.“ Ob sie optisch störten oder die Energiebilanz beeinträchtigten, ist nicht bekannt. Dass aus den Löchern Nistmaterial herausschaute und es in der Tiefe piepste, war jedenfalls kein Hinderungsgrund. Ein Anwohner, der danach Rascheln im Mauerwerk hörte, verständigte die Wildvogelhilfe. Zumal Mauersegler und Haussperlinge aufgeregt herumflogen und den Zugang zu ihren Nestern suchten. „In anderen Fällen fängt es nach ein paar Tagen in der Hauswand an zu stinken“, so Peterlein.

Mit Genehmigung des aufmerksamen Bürgers bohrte der Vogelexperte ein millimeterkleines Loch in dessen Wand, um eine Endoskopkamera in den Zwischenraum zu schieben. Der Verdacht bestätigte sich: Hinter dem Bauschaum befand sich ein Nest. Darin lagen drei winzige, noch lebende Mauersegler. Später wurde noch ein weiteres Nest mit einem bereits toten Sperling entdeckt. Der Naturschutzbund-Mitarbeiter verständigte daraufhin die Polizei, die wiederum die Feuerwehr hinzuzog. Die Feuerwehr brachte die Drehleiter zum Einsatz, entfernte den Bauschaum und barg die unterkühlten Jungvögel, die schon dem Verhungern nahe waren. Ein Mauersegler-Küken starb trotzdem wenig später, für die anderen beiden gelang die Rettung in letzter Minute. Sie werden nun bei der Wildvogelhilfe Leipzig gepflegt.

Wer in diesem Fall die Verantwortung hat – ob Hauseigentümer, Hausmeister oder die ausführende Firma – war vor Ort nicht zu klären. „Die Polizei ermittelt von Amts wegen“, berichtet Karsten Peterlein. Denn laut Paragraf 44 des Bundesnaturschutzgesetzes ist es verboten, Tiere an Nistplätzen zu stören. Der Mauersegler steht auf der Vorwarnliste der „Roten Liste“ gefährdeter Brutvögel. Wer mit Vorsatz seine Nester zerstört oder beschädigt – und das gilt nicht nur zur Brutzeit, sondern ganzjährig –, muss mit einer Geldstrafe oder gar Freiheitsstrafe rechnen. Auch wenn es Unkenntnis und Fahrlässigkeit war, hat der Verursacher damit zu rechnen, dass er belangt wird. Bei der Unteren Naturschutzbehörde muss nämlich erst die Genehmigung eingeholt werden, wenn im Zuge einer Haussanierung das Nest eines Mauerseglers entfernt werden soll. Dann gibt es in der Regel die Auflage, Ersatzquartiere zu schaffen.

„Häufig wird ganz bewusst weggeguckt, da man bei Millionenprojekten keinen Tag Verzögerung in Kauf nehmen will“, sagt der Naturschutzexperte, der allein in diesem Monat binnen zehn Tagen 80 Vögel geborgen hat. Nicht alle mussten stationär aufgenommen werden. Teilweise reichte es, im Gespräch mit den Baufirmen Gerüste so umstellen zu lassen, dass versperrte Nester wieder frei wurden. Beim Naturschutzbund Leipzig können sich Bauherren beraten lassen, wie künstliche Nisthilfen problemlos in Fassaden integriert werden können.

Von Kerstin Decker

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