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Kanal stürzt ein – Leipziger Wasserwerke bohren Tunnel

Wundtstraße Kanal stürzt ein – Leipziger Wasserwerke bohren Tunnel

Es ist ein bisschen so wie beim Bau des Leipziger City-Tunnels: Eine bemannte Vortriebsmaschine wird sich wieder hunderte Meter im Leipziger Untergrund vorarbeiten. Diesmal geschieht dies, damit die vier Fahrspuren der Wundtstraße nicht monatelang aufgerissen werden müssen.

Die zentrale der Leipziger Wasserwerke in der Johannisgasse 7/9.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig. Seit Wochen rätseln täglich Zehntausende Autofahrer, die über die B 2 pendeln, was wohl südlich der Kreuzung Wundtstraße/Schleußiger Weg entsteht. Dort wird zu beiden Seiten der Straße gebaut, Fahrbahnen werden reduziert und eine Auffahrt von der Richard-Lehmann-Straße ist komplett gesperrt. Hintergrund: Die Abwasser- und Regenwasserentsorgung der südlichen Leipziger Stadtteile muss gesichert werden. Denn unter der Wundtstraße befindet sich ein sogenannter Regenauslasskanal eines südlichen Hauptsammlers der Wasserwerke.

Dieser Hauptsammler verläuft parallel zur B 2 in der Fockestraße, später unter dem Clara-Zetkin-Park und dem Cottaweg bis zum Klärwerk Rosental. Doch an der Richard-Lehmann-/Wundtstraße hat der Sammler einen Regenauslasskanal, der eine Art Überlauf bildet: Bei besonders starken Regenfällen fließt ein Teil des mit Regenwasser verdünnten Abwassers über einen 3,70 Meter breiten und bis zu zwei Meter hohen Kanal unter der Wundtstraße in Richtung Pleiße ab, um damit das Kanalnetz und das Klärwerk vor Überflutung zu schützen. „2012 wurde festgestellt, dass dieser Regenauslasskanal in einem sehr schlechten Zustand ist“, erzählt die Projektverantwortliche Andrea Bauer. „In der Kanalsohle gab es Risse, ebenso in den Seitenbereichen. Ein Teil der Sohle war aufgebrochen und weggespült.“ Und die Last des Verkehrs hatte den Kanal bereits um rund 20 Zentimeter gestaucht.

Als die Bauexperten alte Akten studierten, stellte sich heraus, dass der Auslasskanal schon Ende des 19. Jahrhunderts als unbewehrter Stampfbetonbau errichtet wurde. Er war damals durch sumpfiges Auenland gebaut und auf ihm ein Gehweg angelegt worden. Als darüber zu DDR-Zeiten eine vierspurige Autotrasse entstand, sicherten die Planer den Kanal zwar mit einer Stützkonstruktion und einer Betonkappe – doch eine Tiefengründung auf Pfählen unterblieb. Vermutlich, weil zu DDR-Zeiten auch dieses Material Mangelware war.

Unterirdischer Bau

Untersuchungen ergaben, dass der alte Auslasskanal durch einen Neubau ersetzt werden muss. Doch dessen Bau verzögerte sich, weil die Umgestaltung der Karl-Liebknecht-Straße zwischen Südplatz und Martin-Luther-Straße Priorität bekam und die Wundtstraße als Umleitungsstrecke für die Karli unverzichtbar wurde. „Durch diesen Zeitverzug konnten wir uns die Pläne aber noch einmal anschauen und haben uns entschlossen, den neuen Kanal nicht in offener Bauweise durch die Wundtstraße zu bauen“, erzählt Expertin Bauer. Den Vorzug erhielt eine andere technische Lösung:  Ein unterirdischer Rohrvortrieb, bei dem die B 2 nicht aufgerissen werden muss.

Inzwischen treiben Baufirmen an der Ostseite der Wundstraße einen elf Meter breiten und fast sechs Meter tiefen Startschacht in die Erde. In ihn soll Mitte Januar eine Tunnelbohrmaschine hinabgelassen werden. Die Vortriebsmaschine wird dann eine Stahlbetonröhre mit einem Außendurchmesser von 3,10 Meter in den Untergrund treiben. „In der Maschine sitzt ein Mann und steuert sie“, schildert Hartmut Schiller vom Dresdner Planungsbüro ACI. „Die Erde vor dem Tunnelbohrer wird über Förderbänder zum Startschacht abtransportiert und auf Lkw geladen.“

Wenn die Bohrmaschine im Startschacht ist, soll sie sich zunächst parallel zur Wundstraße rund 290 Meter zur Richard-Lehmann-Straße vorarbeiten und so den neuen Regenauslasskanal an den alten Hauptsammler andocken. „Ende März wird die Maschine wieder in den Startschacht umgesetzt und sich diesmal von dort unter der Wundtstraße durcharbeiten“, so Schiller. Der 44 Meter weite Weg soll bis Ende Mai geschafft sein.

600 000 Kubikmeter Wasser abgepumpt

Vorgesehen ist, diese Arbeiten bei laufendem Verkehr durchzuführen; lediglich Anfang des Jahres werde es möglicherweise in zwei Nächten Komplettsperrungen der B 2 geben, heißt es. Damit der hohe Grundwasserspiegel den Tunnelbohrer nicht unter Wasser setzt, werden mehrere Brunnen gebohrt und Pumpen installiert, die den Grundwasserspiegel senken werden. Rund 600 000 Kubikmeter Wasser werden während der Tunnelarbeiten abgepumpt und in die Pleiße geleitet.

Die Startgrube ist bereits zur Hälfte fertig. Auf der anderen Seite der Wundstraße entsteht eine Zielgrube, aus der die Bohrmaschine wieder an die Erdoberfläche geholt werden soll. Dort wird auch vor dem Pleißemühlgraben ein neues „Entlastungsbauwerk“ errichtet, das Fest- und Schwebestoffe filtern sowie den Einstau des Mischwassers vor der Einleitung in die Pleiße regulieren soll.

Nach diesem Bauwerk verlaufen seit mehr als hundert Jahren zwei 40 Meter lange Röhren unter dem Pleißemühlgraben zur Pleiße. Die beiden zwei Meter starken Stahlröhren werden ebenfalls saniert. „Wir haben dort Spezialschläuche eingezogen“, berichtet Bauer. Das Material mit einer Wandstärke von über vier Zentimetern sei mit einem Schwerlaster eisgekühlt angeliefert und dann in die alten Röhren gepresst worden. „Dieser harzgetränkte Nadelfilz wurde in Thüringen gefertigt und härtet ab einer Temperatur von plus 40 Grad aus“, so Bauer. Jetzt werde dort heißes Wasser durchgepumpt, damit dies geschieht. „Am Ende wird das Material steinhart. Dieses Verfahren wurde bislang in dieser Dimension nur einmal in Hamburg angewendet.“

Das auf der Westseite vor dem Düker entstehende neue Bauwerk wird mit viel Technik ausgerüstet. Dort entsteht unter anderem eine Rückstausicherung, damit bei Hochwasser kein Wasser von der Pleiße zurück ins Kanalnetz flutet. Der im Rohrvortrieb erreichte Kanal funktioniert künftig wie ein großes Becken, um das anfallende Regenwasser aus dem Hauptsammler zu stauen. „Dort sammelt sich bei kleineren Niederschlägen das übergelaufene Mischwasser“, schildert Expertin Bauer. „Es kann dann später abgepumpt und zeitverzögert ins Klärwerk Rosental geleitet werden.“ Dafür wird Ende des kommenden Jahres entlang der Richard-Lehmann-Straße noch eine neue Abwasserleitung bis hin zur Fockestraße gebaut. „Dann wird auch der alte Auslasskanal unter der Wundtstraße mit Beton verfüllt sein“, sagt Bauer. Damit er nicht irgendwann völlig zusammenfällt und die Bundesstraße 2 in diesem Bereich abrutscht.

Alles soll im November 2017 geschafft sein. Der Vorteil: Künftig wird deutlich weniger Mischwasser in die Pleiße eingeleitet als bislang. „Wir haben die Niederschläge der vergangenen 30 Jahre ausgewertet“, so die Projektverantwortliche der Leipziger Wasserwerke. „Statistisch fließt künftig nur noch einmal im Jahr Mischwasser in die Pleiße – bislang war das bis zu zehnmal im Jahr notwendig.“ Die Umwelt werde dann deutlich weniger belastet.

Von Andreas Tappert

Leipzig, Wundtstraße 51.320803 12.362486
Leipzig, Wundtstraße
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