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Kartonmodellbau in Leipzig - mehr als bloße Bastelei

Kartonmodellbau in Leipzig - mehr als bloße Bastelei

Geduld ist das A und O, betont Heiko Schinke. Es braucht seine Zeit, ehe aus einem großen Kartonbogen ein dreidimensionales Modell geworden ist.

An einem Kartonmodell des Reichstags beispielsweise hat Schinke vier Monate geschnitten, gefaltet und geklebt, ehe es schließlich fertig war. Die Ergebnisse seiner Arbeit sind jetzt in der Inspirata am Deutschen Platz zu sehen.

Zur Ausstellungseröffnung am Samstag gewährte Schinke den Besuchern in einem kurzen Vortrag auch einen Einblick in die Geschichte des Kartonmodellbaus. Die ist älter, als man glauben mag: Die ersten bekannten Vorlagen stammen aus dem 16. Jahrhundert, erklärt Schinke und zeigt die Bilder eines Kruzifixes, dessen Nachbildung ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. Seinen Höhepunkt allerdings erlebte der Modellbau aus Karton im 19. Jahrhundert. Mit Erfindung der Lithografie war es möglich geworden, die Bögen in großer Stückzahl herzustellen und billig zu verkaufen. Auch für das Militär hatten die Modelle ihre Bedeutung: "Im Zweiten Weltkrieg beispielsweise wurden sie bei der Ausbildung benutzt", erklärt Heiko Schinke. "Anhand der Modelle konnten sich die Soldaten die Silhouette der eigenen und der feindlichen Panzerklassen einprägen."

Und heute? Nach einer Flaute in den Achtzigern brachte das Internet einen Aufschwung für die Kartonmodellbauer mit sich. "Heute gibt es dort unzählige Modelle zum Ausdrucken", weiß Heiko Schinke, der diesem Hobby schon seit der Schulzeit verfallen ist. "Damals lag ja jeder Ausgabe der Frösi ein Modellbogen bei", sagt er. Als ihm das Material aus der Jugendzeitschrift nicht mehr reichte, kaufte er es sich in der Tschechoslowakei. Erst die Studienzeit und die Promotion sorgten für eine Unterbrechung, ehe sich Schinke vor 20 Jahren wieder den Bögen widmete, die mit 160 Gramm pro Quadratmeter etwa doppelt so stark sind wie herkömmliches Druckerpapier.

Die Inspirata-Ausstellung zeigt nun einige der Stücke, die Schinke und andere Vereinsmitglieder gebaut haben - vom Völkerschlachtdenkmal über die Frauenkirche bis hin zu mittelalterlichen Städten. Auch mechanische Basteleien sind dabei: Mittels einer Kurbel werden Elemente im Modell bewegt. So strampelt ein Mann auf dem Fahrrad, oder ein Mahlwerk dreht sich. Für die großen und kleinen Besucher gibt es außerdem noch einige Bögen zum Nachbauen.

Das Wort "Bastelbögen" hören Schinke und die anderen Mitglieder des Arbeitskreises Geschichte des Kartonmodellbaus (AGK) übrigens nur ungern. Bei den einfachen Vorlagen sei das vielleicht noch in Ordnung. "Aber ein Modell des Schlachtschiffes Bismarck hat beispielsweise 7500 Teile, verteilt auf 60 A 4-Seiten", erklärt Heiko Schinke. Das sei von herkömmlicher Bastelei dann doch ein Stück weit entfernt. 220 Mitglieder zählt der AGK mittlerweile. "Rund 150 kommen aus Deutschland." Die übrigen verteilten sich auf die europäischen Nachbarländer; einige kommen aber auch aus Kanada und den USA. Ein- bis zweimal im Jahr treffen sich die Modellbauer und tauschen sich über ihr Hobby aus. Und einmal im Jahr geben sie eine Zeitschrift heraus, die sich mit dem Thema beschäftigt.

Die Leidenschaft für sein Hobby jedenfalls gibt Schinke nun auch an sein Kind weiter: "Wir basteln gemeinsam gerade an einer größeren Murmelbahn", erzählt er lächelnd. "Die kann später auch noch beliebig erweitert werden."

Die Schau "Kartonmodellbau - eine 500-jährige Erfolgsgeschichte" ist voraussichtlich bis Mai im Museum Inspirata, Deutscher Platz 4, zu sehen. Weitere Informationen unter www.inspirata.de.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.01.2015
Stefan Lehmann

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