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„Kinder geschnappt und los“ - Leipziger beziehen nach Bombenfund in Gohlis Notunterkünfte

„Kinder geschnappt und los“ - Leipziger beziehen nach Bombenfund in Gohlis Notunterkünfte

Lange erfuhren sie fast nichts, dann ging alles ganz schnell. Nach dem Fund einer 250-Kilo-Bombe in Leipzig-Gohlis mussten 1500 Anwohner am Donnerstag ihre Wohnungen verlassen.

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Nachdem die Polizei sie zum Verlassen ihrer Wohnung aufgefordert hatte, schnappte sich Sandra Vorwerk ihre Söhne Levi (im Bild) und Pascal und fuhr mit ihnen zur Notunterkunft in die Schule am Nordplatz.

Quelle: Thomas Butzmann

Leipzig. Vielen war bis zum Abend unklar, ob sie tatsächlich gehen müssen. LVZ-Online sprach in einer Schule am Nordplatz, in der eine der vier Notunterkünfte eingerichtet wurde, mit den Betroffenen.

In einem Klassenraum spielt Sandra Vorwerk mit ihren Söhnen Levi (5) und Pascal (11). „Wir haben ja schon mittags erfahren, dass eine Bombe gefunden wurde“, erzählt die 33-Jährige. Am Nachmittag seien die Polizeifahrzeuge aber plötzlich aus der Straße verschwunden. „Danach war erstmal alles unklar“, so Vorwerk weiter.

Erst gegen 20 Uhr habe die Polizei an der Tür  geklingelt und ihr mitgeteilt, dass sie ihre Wohnung verlassen müsse. „Da habe ich die Kinder geschnappt und wir sind mit dem Auto los.“ Für die Unterkunft am Nordplatz habe sie sich entschieden, weil der elfjährige Pascal dort zur Schule geht. „Da kannten wir uns schon aus.“

Späte Information über Notunterkünfte

An einem anderen Tisch sitzt Rita Bach. „Ich habe schon am Mittag gemerkt, das was los ist“, berichtet die 55-Jährige. „Ich wusste nur nicht was.“ 19.30 Uhr sei sie dann von Mitarbeitern des Ordnungsamts zum Verlassen ihrer Wohnung aufgefordert worden. „Es lief alles ganz ruhig ab, ich sollte mir Zeit nehmen.“ Zum Nordplatz sei sie dann mit der Straßenbahn gefahren.

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Volker Hesse, Rita Bach und Waltraud Schumann (v.l.n.r.) warten in einem Klassenraum der Schule am Nordplatz auf Informationen, wann sie wieder in ihre Wohnungen zurück dürfen.

Quelle: Thomas Butzmann

Volker Hesse, der neben ihr sitzt, ist gar nicht mehr in seine Wohnung gekommen. „Ich war beim Arzt in der Stadt“, erklärt der 63-Jährige. Als er von der Bombe erfahren hat, habe er zunächst das Bürgertelefon der Stadt angerufen. „Bis 18 Uhr konnten sie aber keine Aussagen über Notunterkünfte geben“, erzählt Hesse weiter. Da die Stadtverwaltung seit Mittag von der Bombe wusste, sei das für ihn als betroffenen Bürger unverständlich.

Am Abend ist Hesse dann an die Polizei vor Ort verwiesen worden. „Die waren aus Dresden und haben mir auf dem Stadtplan die Stellen gezeigt, wo Notunterkünfte eingerichtet wurden.“ Daraufhin sei er dann in die Einrichtung am Nordplatz gefahren.

Einen Tisch weiter sitzt Waltraud Schumann. Trotz der Aufregung wirkt die 84-Jährige entspannt. „Wir haben damals im Krieg viel erlebt, aber eine Evakuierung war nicht dabei“, sagt sie mit einem Lächeln. Da ihre Wohnung in der Wolfener Straße nicht in Richtung des Fundorts zeigt, habe sie zuerst gar nichts mitbekommen. „Gegen zwölf Uhr rief mich meine Tochter aus Machern an, die aus dem Internet von der Bombe erfahren hatte“, fährt die Seniorin fort.

Als Schumann später zum Frisör wollte, sei schon alles abgesperrt gewesen. „Nachdem ich den Polizisten erklärt habe, wo ich hin will, haben sie mich aber durchgelassen.“ Anschließend habe sie die Nachrichten im Radio verfolgt. „Kurz vor acht kamen dann Beamte und sagten, ich soll das Nötigste zusammenpacken“, berichtet die 84-Jährige. Dann habe sie ihre Kinder angerufen und sei zum Nordplatz gelaufen. „Ich wusste ja nicht, dass die Straßenbahnlinie 12 noch fährt.“

„Die Sanitäter waren super“

In einem anderen Zimmer ist Ruth Apfelstädt gerade mit ihrem Mann angekommen. „Gegen 17 Uhr wurde per Lautsprecher über die geplante Evakuierung informiert“, so die 81-Jährige. Zwischen 18 und 19 Uhr habe die Polizei schließlich allen Bewohnern ihres Hauses in der Gothaer Straße mitgeteilt, dass sie ihre Wohnungen verlassen müssen.

Apfelstädt ist dann mit ihrem Mann in einem Krankenwagen zum Nordplatz gebracht worden. „Er kann schlecht laufen“, erläutert die Rentnerin. Der Transport habe gut geklappt. „Die beiden Sanitäter waren super“, spricht die 81-Jährige der Besatzung des Ambulanzwagens ein Lob aus.

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Jaqueline Hornoff wurde mit ihrem Sohn Florian in der Turnhalle einquartiert.

Quelle: Thomas Butzmann

In einer Sporthalle der Schule stellen Hilfskräfte unterdessen Liegemöglichkeiten auf. Auf einer Turnmatte spielt Jaqueline Hornoff mit ihrem dreijährigen Sohn Florian. „Gegen vier kam ich von der Arbeit, da war schon alles abgesperrt“, berichtet die 28-Jährige.

Als sie 19.15 Uhr ihren Sohn ins Bett bringen wollte, habe Hornoff gesehen, dass in den umliegenden Häusern in der Eisenacher Straße überall Polizisten sind. „Die habe ich einfach gefragt, ob wir raus müssen“, erzählt die junge Mutter weiter. Das hätten die Beamten bestätigt. „Ich habe dann etwas Essen und Trinken sowie die wichtigsten Wertsachen eingepackt und bin los.“

Mit Wasser wurden die Evakuierten am Abend versorgt, Essen gab es bis halb zehn noch nicht. Aber die meisten wünschten sich sowieso nur eines: Schnellstmöglich zu erfahren, wann sie wieder in ihre Wohnungen zurück dürfen.

Stefan Banitz

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