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Lokales Kinderhaus „Pestalozzi“ genießt sachsensweit guten Ruf
Leipzig Lokales Kinderhaus „Pestalozzi“ genießt sachsensweit guten Ruf
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08:00 29.09.2018
Ein Herz und eine Seele: Die Bornaer Kinderhaus-Chefin Urte Fischer mit René Bille, der hier aufwuchs, und dem kleinen Jonas (2), einem Schützling des Hauses Quelle: Guido Schäfer
Borna

René Bille ist 39, längst dem Bornaer Kinderhaus „Pestalozzi“ entwachsen, aber immer noch fast täglich hier. „Das hier ist meine Familie, ich habe keine andere.“ René kam 1989 mit zehn Jahren zusammen mit Bruder und Schwester hier her. Die Mutter war gestorben, der Vater überfordert und gewalttätig. „Das ,Pestalozzi’ war das Beste, was uns damals passieren konnte.“ Hausbesuch und Spurensuche. Welche Schicksale verbergen sich hinter den Zwei- bis 18-Jährigen? Wie sieht ein Tag im Kinderhaus aus? Was unterscheidet das „Pestalozzi“ von anderen Kinderhäusern? Wo kann man helfen? Und weshalb gilt René als Vorbild?

Nach dem zweiten Weltkrieg für Kriegswaisen gegründet

Das „Pestalozzi“ wurde nach dem zweiten Weltkrieg für die Kriegswaisen gegründet, wird vom Internationalen Bund (IB) getragen und genießt sachsenweit auch wegen des Miteinanders von behinderten und nicht behinderten Kindern und dem Schwerpunkt Sport einen glänzenden Ruf.

Absprung: René musste 1997 ausziehen. Mit 18. Der Gesetzgeber schreibt das so vor. Er wäre gern geblieben. Seitdem besucht er seine Familie so oft er kann, hilft den Kindern beim Eingewöhnen, feiert Geburtstage mit, ist die gute Seele des „Pestalozzi“. Heiligabend ist René der Weihnachtsmann. Dann kommen viele ehemalige Heimkinder mit ihren Familien hier her.

Chefin Urte Fischer kümmert sich

Die Chefin: Urte Fischer ist 50 und seit 2012 Leiterin des Kinderhauses. Auf ihrer Visitenkarte steht „Kinderhaus Borna – Heim/Tagesgruppe/Wohngruppe für Kinder mit Behinderungen“. Für ihren Titel ist kein Platz auf der Karte. „Ich brauche keinen Titel“, sagt Fischer. Und sie sagt: „Kinderhaus hört sich besser an als Kinderheim.“ Weil das eine nach einem Zuhause klingt und das andere auch 2018 stigmatisierend.

Vor der Wende: Als René nach Borna kam, wohnten 60 Jungs und Mädchen im „Pestalozzi“. „Um 5.45 Uhr wurden wir geweckt, dann ging es zum Frühsport.“ Liegestütze, Kniebeugen, solche Sachen. Hatte Züge von militärischem Drill, war aber immer noch viel besser als Angst und Schrecken beim Vater. Einmal die Woche gab es Rotlicht-Bestrahlung – politische Bildung. „Uns ist es hier insgesamt gut gegangen.“ René hat den Absprung geschafft, ist seit Jahren in Lohn und Brot, arbeitet in Leipzig als Hausmeister. „Aus ihm ist ein empathischer und wunderbarer Mensch geworden“, sagt Frau Fischer. „Er ist ein Vorbild.“ Für das, was ein Kinderhaus leisten kann.

Mangelware Ausbildungs- und Arbeitsplätze

Mangelware Ausbildungs- und Arbeitsplätze: Leiterin Fischer appelliert an kleine Unternehmen und Familienbetriebe, die zupackende Hände brauchen. „Unsere Jugendlichen haben eine hohe soziale Kompetenz, sind hilfsbereit und fleißig. Sie brauchen und verdienen eine berufliche Perspektive.“

Tagesablauf: 30 Festangestellte kümmern sich um 35 Kinder – Erzieher, Pädagogen, Köche, Hausmeister. Frühsport und politisches Dogma sind gegangen, feste Regeln sind geblieben. Ab sechs Uhr werden die auf drei Etagen untergebrachten Kinder geweckt. Ganz Kleine wie der zweijährige Jonas werden altersgerecht umsorgt. Ab 6.30 Uhr wird gefrühstückt. Cornflakes, Müsli, Brot, zweimal in der Woche gibt es Brötchen. Die Brotbüchsen für die Grundschulkinder befüllt der Nachtdienst, die Großen sind für ihre Schulverpflegung selbst zuständig. Die Zimmer werden picobello verlassen. Bett gemacht, Fenster offen, Licht und Heizung aus. Tagesstätten-Kinder und Grundschüler werden von den Frühdiensten gefahren, alle anderen laufen oder fahren mit Bus oder Bahn zu ihren Schulen. Beeinträchtigte Kinder werden von Fahrdiensten abgeholt.

Mobiliar ist gefragt

Blick ins Kinderhaus: Es ist gemütlich und bunt. An den Wänden: Selbstgemalte Bilder. Und Fotos von den Kindern. Spielsachen sind keine Mangelerscheinung. „Wir sind gut ausgestattet“, sagt Leiterin Fischer. Gefragt ist momentan vor allem Mobiliar, gern auch ein Radio oder ein Fernseher oder Erstausstattung für jene, die mit 18 ausziehen müssen.

Kindeswohlgefährdung: Im Kinderhaus ist keiner, weil das Jugendamt vorschnell eine kriselnde Familie auseinandergerissen hat. Hier sind Kinder und Jugendliche, die misshandelt worden sind, die verwahrlosten. Manche Eltern sind mit anderen Dingen als ihren Kindern beschäftigt. Alkohol und/oder Drogen. Andere leiden an psychischen Erkrankungen. „Es ist schlimm, was manche Kinder durchgemacht haben, bevor sie zu uns kommen. Das geht uns allen hier immer wieder nah“, sagt Urte Fischer. Viele der kleinen Kinder sind extrem aufs Essen fixiert. Man kann sich vorstellen, warum das so ist.

Bezugsperson für jedes Kind

Die 50-Jährige hat selbst zwei erwachsene Kinder, 26 und 27 Jahre alt., die behütet aufwuchsen. „Einen Rückzugsort wie daheim und einen Menschen für sich alleine haben die Kinder hier nicht.“ Im „Pestalozzi“ hat jedes Kind eine Bezugsperson. Der, die kümmert sich um Arzttermine, Impfungen, Gespräche in der Schule oder am Ausbildungsplatz.

Familienzusammenführungen: Nicht immer ist Drogen- oder Alkoholkonsum der Eltern im Spiel. Im „Pestalozzi sind zwei Kinder geistig behinderter Eltern. Mama und Papa arbeiten in einer Werkstätte für Behinderte, lieben ihre Kinder, können sie aber nicht so erziehen, wie es sein muss. Herzzerreißend: Familienzusammenführungen werden im „Pestalozzi“ so gut es geht ermöglicht. In manchen Fällen müssen Erzieher des Kinderhauses dabei sein. Im Fall der geistig behinderten Eltern nicht.

Fußball besonders beliebt

Sportlich: Wolfgang Täumel ist 65, Diplomsportlehrer und Sozialpädagoge und seit sechs Jahren Erzieher im „Pestalozzi“. Täumel sagt: „Wir sind ein sportliches Haus. Sport lebt von Kommunikation, Teamfähigkeit, der Einhaltung von Regeln. Und natürlich Spaß.“ Mannschaftsport steht ganz oben auf der Liste. Nummer eins dabei: Fußball. Die Fußballer von RB Leipzig sind in der Johann-Sebastian-Bach-Straße 12 in Borna in aller Munde, vor ein paar Wochen veranstaltete der RB-Fanclub „Bornaer Bullen“ vorm „Pestalozzi“ ein Grillfest mit Fußball-Turnier, tobten Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen über die Wiese. Ansatz im „Pestalozzi“: Man misst einer wie auch immer gearteten Behinderung keine große Bedeutung bei. Täumel: „Beim Sport können Erfolge unabhängig von kognitiven Fähigkeiten erzielt werden.“

Es gibt Hoffnung

Wenn frühkindliche Prägung fehlt, leidet das geistige Wahrnehmungs- und Lernpotenzial. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. René Bille hat heute noch große Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben. Die entsprechenden „Leitungen“ wurden beim kleinen René nicht verlegt. Jonas ist zwei Jahre alt und lebt mit seiner vierjährigen Schwester im Kleinkindbereich des Hauses. Übergangsweise. Die Mutter bemüht sich, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Sie will ein neues Zuhause für sich und die Kinder aufzubauen. Es gibt Hoffnung, sagt Frau Fischer.

Von Guido Schäfer

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