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Kindheit in der Münzgasse - Heimatgeschichte einer Leipzigerin

Kindheit in der Münzgasse - Heimatgeschichte einer Leipzigerin

Vor einigen Jahren erwachte eine kleine Straße am Rande der Innenstadt aus ihrem Dornröschenschlaf und wurde zu einer weiteren beliebten Kneipenmeile bei jungen und junggebliebenen Menschen - die Münzgasse.

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Ingrid Gasch im Alter von vier Jahren.

Quelle: Privat

Ein Lokal nach dem anderen eröffnete. Wie viele weiß ich nicht, denn ich komme kaum noch dorthin. Dabei ist die Münzgasse so etwas wie meine kleine Heimat. Kinder- und frühe Jugendjahre verbrachte ich dort in der schweren Nachkriegszeit.

Damals war die etwa 200 Meter lange Münzgasse eine sehr belebte Straße. Ohne Bäume, ohne Autoverkehr, aber dafür gab es eine Unmenge an Läden und Geschäften - einen Bäcker, einen Fleischer, mehrere Lebensmittel- und Gemüsegeschäfte, einen Molkerei und einen Blumenladen, ein Spielwaren- und ein Eisenwarengeschäft sowie eines für Süßigkeiten. Im Zigarettenladen Ecke Riemannstraße konnte man auch sein Glück beim Lottospiel versuchen.

Auch an kleinen Handwerksbetrieben mangelte es nicht. Eine Klempnerei und eine Schlosserei, drei Schusterwerkstätten, eine Sattlerei, eine Korbwarenflechterei, ein Friseurgeschäft, eine chemische Reinigung, eine Tischlerei und eine Polsterei, eine Kohlenhandlung, sogar einen Kostümverleih gab es. Hinzu kamen noch die Kneipen - sechs Stück an der Zahl.

Auf der einen Seite war nur "Die kleine Münze". Dort tranken die Männer bevor sie nach Hause gingen ihr "Pfiffchen", ein kleines Glas Helles für 50 Pfennig. Auf der Seite mit den ungeraden Hausnummern die anderen fünf. Zuerst konnte man im "Kleinen Münzhof" gute bürgerliche Speisen zu sich nehmen, die nächste Kneipe war "Die Thomasklause" mit dem Ausschank von Echt Ullrich-Bier, dann kam "Das Schweizer Haus". Dort tranken wir Kinder gern eine schöne heiße Brühe im Winter. Im Haus Nummer 1 befand sich die Gaststätte "Bei Grasers" und am Ende die wohl in Leipzig damals berühmte und gut besuchte "Pony-Diele", eine Pferdefleischgaststätte vom Pferdefleischer Pole. Immerhin konnte man dort preiswert essen und jeden Tag zwischen Gulasch, Rouladen, Beefsteak oder einer deftigen Nudelsuppe wählen.

Und dann gab es natürlich uns, die Kinder aller Altersstufen. Wenn ich nach der Schule nach unten ging, fand ich immer eine Freundin oder einen Spielkameraden. Zu unseren täglichen Spielrunden fanden wir uns vorwiegend auf dem Floßplatz, in Schramms Hof und unserem Hof zusammen. Auf diesem stand unser Wohnhaus, welches durch den Krieg schwer beschädigt war, ein kleines Bürohaus einer Leimfabrik, eine Tischlerei und ein Gebäude der Stadtreinigung. Trotzdem bot der Hof noch genügend Platz für uns. Und er war zur Straße hin offen und so konnte jeder hereinkommen. Andere Höfe waren stets verschlossen.

Unsere bevorzugten Spiele waren Platzwechselspiele wie "Fischer, wie hoch steht das Wasser?", "Kaiser, König, Edelmann-!", "Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?" oder Ballspiele. Ich spielte am liebsten "Halli-Hallo". Aber auch das Spielen mit unseren Puppen stand oft auf dem Programm.

Nun kam es auch hin und wieder vor, dass plötzlich wildfremde, etwas ältere Männer in unserem Hof erschienen, vor dem kleinen Bürogebäude nachdenklich stehen blieben und etwas Trauriges vor sich hin sprachen. Anfangs waren wir schon beunruhigt und zogen uns zurück. Aber einmal fragten wir doch nach und erhielten eine für uns unverständliche Antwort: "Das war das Haus, wo ich damals als junger Mann immer zum Stempeln hin musste, als ich jahrelang keine Arbeit hatte. Dann ging es in das große Gebäude, dort bekam ich ein wenig Geld und anschließend gab es noch eine Suppe in der Suppenküche."

Ich hatte mich schon immer gewundert, warum über der stets verschlossenen Tür des Bürohauses in einer alten schwarzen Schrift "Bau- und Holzgewerke" stand. Rechts und links neben der Tür konnte man etwa zehn Namen für Berufsbezeichnungen lesen. An einige erinnere ich mich noch: Stuckateure, Tischler, Zimmerer, Fliesenleger, Anstreicher, Betonarbeiter, Maurer, Dachdecker u.a. standen untereinander in der alten verschnörkelten Schrift.

Von jedem Besucher hörten wir fast immer das gleiche: Stempeln - Geld - Suppe. Als ich einmal mit meiner Mutter darüber sprach, erzählte sie mir die Geschichte von unserem Wohnhaus, so weit sie diese wusste: Das Haus war ein dreistöckiges Seitengebäude mit großem Boden, hohem Dach und vielen Räumen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es zunächst als Waisenhaus genutzt. Ende der 1920er-Jahre kam wahrscheinlich eine Außenstelle des Arbeitsamtes samt Suppenküche darin unter und in den 1930er-Jahren wurde es als Wohnhaus für jeweils sechs Mietparteien umgestaltet.

Es waren große Wohnungen mit einer Wohnküche, Bad und Innentoilette. Eine erhielt der Großvater, weil er als Witwer mit drei Töchtern Platz brauchte. Später richtete er sich dort noch eine Schneiderwerkstatt ein. Im Zweiten Weltkrieg fielen Bomben, von unserem Haus blieb nur eine Hälfte stehen. Es sah immer aus wie ein gerupftes Huhn, ein Klotz ohne Dach. Ich weiß auch noch, als mein Vater mal wieder die Wohnung renovierte und die Wände mit der Malerbürste abwusch, erschien über der Schlafzimmertür das Wort "Kasse 5". Da habe ich also in einem ganz schön geschichtsträchtigen Haus gelebt. Und jetzt: Vor einiger Zeit wurden die kleinen Hofgebäude platt gemacht, dann kam auch unser Haus dran. Nur die ehemalige Tischlerei blieb stehen. Ein privater Parkplatz entstand.

Zum Glück konnte ich bis zum Renteneintritt vor zehn Jahren in meinem Beruf arbeiten und habe kein Arbeitsamt von innen sehen müssen. Aber eigentlich habe ich meine Kinderjahre in einem Arbeitsamt verbracht.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom ..
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