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Lokales Kitaplatz-Not: Harsche Kritik am Leipziger Rathaus
Leipzig Lokales Kitaplatz-Not: Harsche Kritik am Leipziger Rathaus
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12:01 25.10.2018
Kritisiert den Umgang im Leipziger Rathaus mit der Kita-Not: Stefan Spieker im Kindergarten. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Der Kita-Träger Fröbel, benannt nach dem Pädagogen Friedrich Wilhelm August Fröbel, beschäftigt deutschlandweit über 3500 Mitarbeiter, die 15 500 Kinder betreuen; in Leipzig betreibt Fröbel derzeit 22 Einrichtungen. Geschäftsführer Stefan Spieker spricht im Interview über das neue Gute-Kita-Gesetz – und erhebt Vorwürfe gegen die Stadt Leipzig: Fehlender Mut und schlechte Zusammenarbeit unter den Ämtern könnten dazu führen, dass die Stadt das Ziel, Ende 2019 genug Kita-Plätze zu haben, nicht erreiche.

Sie haben gerade offiziell den Forschungs- und Lehrkindergarten eröffnet. Was ist das Besondere an der Einrichtung?

Durch die Kooperation mit der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Uni Leipzig können wir Theorie und Praxis in der frühen Bildung zusammenbringen. Als Träger von Kitas wünschen wir uns sehr, dass Bildungs- und Interaktionsprozesse zwischen Erziehern und Kindern, aber auch zwischen Kindern untereinander intensiver erforscht werden. Wir wissen viel zu wenig über das Lernen und die Entwicklung von Kindern, wie beispielsweise Interaktionen zwischen Kindern mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund oder welche Wirkung Farben auf Kinder haben. Die Ergebnisse ermöglichen es uns hoffentlich, irgendwann unsere pädagogische Fachlichkeit ebenso weiterzuentwickeln wie unsere Betreuungsqualität für Kinder.

Dabei werden Handlungen von Kindern und Pädagogen mit der Kamera aufgezeichnet. Gibt es keine datenschutzrechtlichen Hürden?

Selbstverständlich ist das ein sensibles Feld. Es geht hier nicht um permanente, sondern um punktuelle Aufzeichnungen in fest definierten Räumen des Kindergartens. Wir haben diesen Bereich ausführlich mit den zuständigen Ethikgremien an der Universität und unseren Betriebsräten abgestimmt. Und natürlich werden auch die Eltern von Anfang an eng eingebunden, was in der Einrichtung erforscht und wie mit den Daten umgegangen wird. Bisher haben alle grünes Licht gegeben.

Sachsen hat den schlechtesten aller ostdeutschen Betreuungsschlüssel, es fehlt an Personal. Was muss passieren, um die Probleme schneller zu beheben – und wie geht Fröbel vor?

Die Staatsregierung hat mit der Übergabe des Bildungszentrums in Leipzig ein Zeichen gesetzt, wie wichtig ihr die Bildung ist. Die frühe Bildung legt das Fundament für alle folgenden Bildungsstufen. Daher sollte gerade hier großer Wert auf die besten Rahmenbedingungen gelegt werden. In jedem Falle muss der Freistaat mehr tun, um die Rahmenbedingungen zu verbessern und Geld in die Hand nehmen, um im Bereich der Personalschlüssel mindestens ins Mittelfeld der Bundesländer zu kommen. Das fordern wir als Fröbel regelmäßig in allen Gesprächen mit Kommunen oder Verbandsvertretern. Unsere Betriebsräte laden gerne Landtagsabgeordnete in unsere Kitas ein, um die verantwortlichen Politiker mit den Rahmenbedingungen vertraut zu machen. Das werden wir auch in Sachsen im Vorfeld der Landtagswahlen in jedem Falle wieder verstärkt machen.

Hilft das Gute-Kita-Gesetz beim Weg aus dem Dilemma?

Eigentlich ist das Gute-Kita-Gesetz genau dafür geschaffen worden, nämlich um den Ländern dabei zu helfen, ihre Rahmenbedingungen insbesondere beim Betreuungsschlüssel zu verbessern, um irgendwann die OECD-Empfehlungen zu erreichen. Bis dahin ist es ein langer und vor allem sehr kostenintensiver Weg. Die Bertelsmann-Stiftung hat relativ genau ermittelt, wie viel Geld benötigt wird, um die wichtigsten Maßnahmen, die in dem Gesetz verankert sind, zu finanzieren – das wäre ein Vielfaches der derzeit vorgesehenen Summe. Wir bei Fröbel vertreten die Auffassung, dass wir, um eine Wirksamkeit für bessere Qualität zu erzeugen, mindestens fünf Prozent des derzeitigen Volumens zusätzlich aufwenden müssen: Das wären bei 30 Milliarden Euro, die jährlich in die frühe Bildung investiert werden, mindestens 1,5 Milliarden Euro für Qualitätsentwicklungsmaßnahmen. In jedem Fall wird mit dem Gesetz ein Anfang gemacht. Wir haben allerdings die große Sorge, dass die mit dem Gesetz versprochene Beitragsfreiheit zu einer erheblichen (Finanz-)Mittelkonkurrenz mit den Maßnahmen für eine bessere Qualität in den Kitas führt. Eigentlich gehört die Entlastung der Eltern in ein eigenständiges Gesetz.

In Leipzig ist die Unzufriedenheit groß; Familien bekommen beispielsweise trotz erfolgreicher Klage vor Gericht nicht gleich einen Platz für ihr Kind. Was sind nach Ihrer Erfahrung die höchsten Hürden?

Leipzig war einmal richtig gut aufgestellt, was die qualitative Entwicklung der Kitas anging. Gemeinsam mit der Stadt haben die Träger in engem Vertrauensverhältnis die Sanierung und den Ausbau der Kitas mit großer Motivation gestemmt. Seit einigen Jahren hat sich hier etwas verändert. Wir haben zwar nach wie vor mit kompetenten und erfahrenen Ansprechpartnern zu tun, aber unser Eindruck ist, dass sich niemand mehr traut, schnelle Entscheidungen zu treffen und insbesondere die Zusammenarbeit der verschiedenen Ämter in der Stadt nicht mehr gut funktioniert. Die meisten Träger sind motiviert und engagiert, um einen Beitrag für den Kitaplatz-Ausbau in Leipzig zu leisten. Aber wenn wir als Träger unsere Projekte umsetzen wollen, fühlt man sich wie eine Flipper-Kugel, es geht von einem Ansprechpartner zum nächsten, manchmal zu uns zurück, dann an die nächste Stelle.

Wie kann das anders laufen?

Wir wünschen uns eine zentrale Stelle, in der alle Anliegen ganzheitlich betrachtet und geklärt werden und wir nicht nacheinander vom Jugendamt zum Bauamt, zum Gesundheitsamt und wieder zurück zum Jugendamt verwiesen werden und am Ende alle auf die Kämmerei zeigen. Über unser aktuelles Projekt, die Erweiterung des Waldkindergartens, verhandeln wir bereits seit fünf Jahren und würden gerne bis Jahresende die Einrichtung eröffnen. Aber das Bauamt hat immer wieder neue Auflagen festgelegt.

Das klingt nicht so, als könnte die Stadt ihr offiziell formuliertes Ziel erfüllen, bis Ende 2019 genügend Kita-Plätze anzubieten.

Wenn es so weitergeht wie bisher, halte ich das für ausgeschlossen. Dabei fehlt es in Leipzig wirklich nicht an engagierten und gutwilligen Trägern, die sich bereit erklärt haben, neue Einrichtungen zu planen und auf den Weg zu bringen.

Würde sich Fröbel unter besseren Umständen stärker in Leipzig engagieren?

Eindeutig ja. Viele Rahmenbedingungen haben sich zwar in den letzten Jahren verschlechtert – insbesondere ist die Finanzierung der Sachkosten deutlich schlechter geworden – aber wir stehen zu unserem Engagement für den Standort Leipzig.

Wie stellen Sie Ihr Personal auf die veränderten Bedingungen angesichts des Zuzugs aus Kriegs- und Krisenländern ein?

Wir beschäftigen uns seit 2015, also seit Beginn der Zuwanderung, mit der neuen Herausforderung. Unsere Pädagogen wachsen in die Situation hinein. In Schulungen werden sie sensibilisiert, was andere kulturelle Hintergründe beispielsweise von Muslimen betrifft – aber auch in Bezug auf Konfliktsituationen. Es gab schon mal deutsche Eltern, die ein Problem damit hatten, dass ab und zu englisch oder eine andere Sprache gesprochen wird. Doch Diversität und Gleichberechtigung sind uns wichtig. Die Erzieherinnen und Erzieher gehen situationsspezifisch und sehr besonnen vor. In jedem Falle begreifen wir Kitas als einen wichtigen Ort, in dem Kinder durch vertrauensvolle und enge Kontakte zu Menschen aus anderen Ländern – ob andere Kinder oder Erzieherinnen und Erzieher – Vorurteile früh abbauen können oder Ängste vor Fremdheit gar nicht erst entwickeln.

Sie haben im Sommer fünf Einrichtungen des Sozialwerks übernommen, das sich aus Leipzig zurückgezogen hat. Wie haben Sie diesen Kraftakt verdaut?

Das war keine leichte Aufgabe, da wir wegen der bereits vorliegenden Kündigungen vom Sozialwerk schnell handeln mussten. Eine schwierige Phase vor allem für das Personal, weil es ohne eine klare Orientierung in der Luft hing und Zukunftsängste hatte. Sehr geholfen hat die Werbung, die unser Betriebsrat und die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft für den Trägerwechsel am Ende gemacht haben. Das hat Ängste genommen und am Ende sind alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Tarifvertrag aufgenommen worden – viele haben sich gehaltlich verbessert und niemand ist schlechter gestellt worden. Norbert Hunger, unser Geschäftsleiter der Region Sachsen, hat mit jedem Einzelnen der rund 80 Betroffenen Gespräche geführt und die Übernahme der Einrichtungen realisiert. Die Profile der übernommenen Einrichtungen sind wirklich toll und passen sehr gut zu Fröbel. Der Bauernhofkindergarten zum Beispiel korrespondiert sehr gut mit unseren anderen naturnahen Leipziger Einrichtungen, dem Waldkindergarten oder dem Naturkindergarten Wassermühle.

Bekommen Sie Feedback, wie es den Mitarbeitern seit der Übernahme geht?

Über Herrn Hunger bekomme ich viele positive Rückmeldungen. Unser Betriebsrat hält einen engen Kontakt zu den ehemaligen Betriebsräten beim Sozialwerk. Um den Austausch lebendig zu halten, gibt es einmal im Monat ein Treffen mit Leitern aller Leipziger Einrichtungen.

Fröbel setzt sich für bessere Bezahlung von pädagogischen Fachkräften ein, ist Preisstifter für die „Stiftung Lesen“, unterstützt Familien mit Fluchterfahrung. Und wo ist der Haken? In der Größe des Unternehmens?

Fröbel wächst kontinuierlich, aktuell betreuen wir 15 500 Kinder durch 3500 Mitarbeiter. Das ist eine Herausforderung und in der Tat nicht leicht, immer kurze Wege der Kommunikation zu finden. Aber wir tun alles, um das Wachstum gut zu organisieren und eine hohe Motivation auf allen Ebenen zu erzeugen und zu halten, damit wir unseren Mitarbeitern ein gutes Arbeitsumfeld und unseren Kindern bestmögliche Lern- und Betreuungsbedingungen bieten können.

Stadt widerspricht und verweist auf über 11000 neue Plätze

Die LVZ hat die Stadt mit den Vorwürfen von Fröbel-Chef Stefan Spieker konfrontiert. Aus dem Amt für Jugend, Familie und Bildung kommt schriftlich Widerspruch. Die Stadt verweist auf 11 100 neu geschaffene Plätze in den letzten Jahren. „Diese gewaltige Leistung war nur möglich, weil Investoren und Bauherren, freie Träger, die kommunalpolitischen Mandatsträger und die Verwaltung sehr gut und zielorientiert zusammen gearbeitet haben.“

Das Stocken von Prozessen „durch planungs- und baurechtliche, naturschutz- und immissionsschutzrechtliche sowie erschließungstechnische Fragen“ räumt man im Amt von Leiter Nicolas Tsapos ein, doch eine Task Force unter Leitung von Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) tage wöchentlich unter Mitwirkung aller betroffenen Ämter, um für Beschleunigung zu sorgen. Zudem stehe das neue Sachgebiet „Bau Kita“ des Amtes Investoren und Trägern als Ansprechpartner zur Verfügung.

Das offiziell formulierte Ziel, bis Ende 2019 genügend Kita-Plätze in Leipzig anzubieten, sei nicht in Gefahr, heißt es. Bis zum Jahreswechsel 2019/2020 sollen circa 2900 Plätze zusätzlich geschaffen werden. „Einen wichtigen Beitrag leisten hierzu die Leipzig-Kitas, elf kommunale Neubauten in den besonders nachgefragten Quartieren.“

Die von Spieker kritisierte mehrfache Verzögerung bei der Erweiterung des Waldkindergartens wird mit der mehrfachen Änderung von Bodenrichtwerten begründet. Daher „mussten in den vergangenen Jahren mehrere Verkehrswertgutachten und Erbbaurechtsentwürfe erarbeitet werden“. Nach Schließung des Erbbaurechtsvertrags im August befinde sich der danach gestellte Bauantrag noch in der Prüfung.

Von Mark Daniel

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