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Lokales Kleine Holzhausener Dreherei kommt ganz groß raus
Leipzig Lokales Kleine Holzhausener Dreherei kommt ganz groß raus
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00:36 21.09.2015
Geschäftsführer Ronny Hessel (links) und der technische Leiter Detlef Jahn diskutieren oft darüber, wie man Serienteile noch besser machen kann. Quelle: André Kempner
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Holzhausen

Von wegen in Leipzig gibt es neben den großen Autowerken kaum noch Industrieproduktion: Im Stadtgebiet wächst rasant eine Vielzahl kleiner Unternehmen, die mit ihren innovativen Produkten und speziellen Fähigkeiten Marktlücken erobern. Ein Beispiel in Holzhausen ist die Dreherei Günter Jakob. Sie hat sich auf Einzelteile und Prototypen spezialisiert; zum Beispiel Metallformen für die Plattenindustrie, Ersatzteile für mehr als 100 Jahre alte Turmuhren und Spezialtechnik für das Spezial-Einsatz-Kommando (SEK) der Polizei.

„Früher hatten wir einen Großabnehmer, mit dem wir 80 Prozent unseres Umsatzes machten“, erzählt Geschäftsführer Ronny Hessel. „Als der im Krisenjahr 2009 wegbrach, war plötzlich keine Arbeit mehr da. Damals wären wir fast an unseren Fixkosten kaputtgegangen.“ Doch an die Zeit, als das Unternehmen fast Pleite ging, denken der Chef und die Mitarbeiter inzwischen nicht mehr. Inzwischen hat das Unternehmen am Rande von Leipzig über 400 kleine Auftraggeber, von denen einige wenige maximal zehn Prozent des Umsatzes ausmachen. Nicht nur die Zahl der Beschäftigen ist von zwölf auf 16 gestiegen, sondern – viel wichtiger – der Umsatz wächst seit 2010 stetig an.

Vor einem Jahr stieß der Schallplattenhersteller r.a.n.d.muzik zum Kundenstamm. „Der wollte bei uns eigentlich nur ein Teil einer alten Plattenpresse nachbauen lassen, für die es keine Ersatzteile mehr gibt“, erzählt der technische Leiter Detlef Jahn. „Jetzt profitieren wir davon, dass wieder mehr Künstler neben ihrer normalen CD auch Schallplatten herstellen.“ Die dafür notwendigen Formen kamen bisher für viel Geld aus Amerika und England. Da kam dem Tüftler Jahn der Gedanke: „Das können wir auch.“

Seitdem werden in Holzhausen Metallformen für die Schallplattenherstellung bearbeitet – nur die Rohlinge kommen noch aus den USA. „Die könnten wir eigentlich auch produzieren, aber die Frage ist, ob wir das dürfen“, sagt Geschäftsführer Hessel. Die Holzhausener würden schon gern.

Zum Kundenstamm gehört auch ein Leipziger, der alte Turmuhren sammelt - meist 100 Jahre alt oder älter. „Wenn man in ein solches Uhrwerk schaut, dann merkt man gleich: Da hat sich damals jemand richtig einen Kopf gemacht“, erzählt Geschäftsführer Hessel. Viele Einzelteile der großen Uhren seien damals in Handarbeit hergestellt worden – handgeschmiedet und gefeilt.

Mittlerweile haben die Kunden die Präzisionsarbeit der Holzhausener schätzen gelernt. Die kommen in der Regel mit einem kaputt gegangenen Teil als Muster und lasse es mechanisch neu herstellt – manchmal bis zu einem Hundertstel eines Millimeters genau. „Ein Haar ist zehn Hundertstel stark“, veranschaulicht Jahn. Bei Bedarf könnten die Holzhausener ihre Teile sogar bis zu drei Tausendstel genau fräsen. „Das geht natürlich nur mit unseren extrem genauen Messmitteln.“

Auch für Firmen, die mehr PS aus Serienautos holen wollen, ist die Dreherei Günter Jakob inzwischen eine feste Adresse. In der Werkstatt stapeln sich Kurbelwellen und Kupplungen für Rennautos; ebenso Turbolader, die nachgearbeitet werden – um mehr Leistung aus den Autos zu holen. „Bei den Turboladern werden die Durchlässe leicht um 1,5 bis zwei Millimeter verbreitert“, schildert Jahn. „Dadurch gelangt viel mehr Luft in die Einspritzkammer, wo sich der Druck und die Verbrennung verbessern.“ Die Teile würden allerdings nicht von einzelnen Autoliebhabern gebracht, sondern von Firmen, die sich auf solche Leistungssteigerungen spezialisiert haben. „Auch die Ersatzteilproduktion für teure Maschinen, an denen nur einige wenige Teile verschlissen sind, wird immer häufiger bei uns angefragt“, so Hessel.

Mittlerweile wagt sich die kleine 16-Mann-Firma sogar an Neuentwicklungen – im Verbund mit zwei ähnlich hoch spezialisierten Unternehmen aus Liebertwolkwitz und Borsdorf. Gemeinsam wurde ein Akku-betriebenes Gerät entwickelt, mit dem Elite-Polizisten Gitter zerschneiden könne – auch solche aus Spezialstählen, wie sie in Gefängnissen verwendet werden. Die bisherige Technik sei zu laut und zu schwer gewesen, heißt es. Deshalb habe das Trio aus der Region eine Neuheit entwickelt, die nicht nur leiser ist, sondern auch leichter und schneller. „Wir bauen dafür die Mechanik, mit der die Gitterstäbe zerstört werden“, verrät Geschäftsführer Hessel. Dies sei nicht leicht gewesen, weil Gitter in Gefängnissen aus Manganstahl bestehen, der sich beim Schneiden verhärtet und dadurch für herkömmliches Schneidwerkzeug immer fester wird. Deshalb sei es eine Herausforderung gewesen, ein Material für das Schneidwerkzeug zu finden, und dessen Geometrie optimal zu gestalten. „Es soll ja nicht nur für einen Schnitt genutzt werden“, sagt Hessel. Bis die richtige Kombination gefunden war, seien mehrere Protopyen des neuen Geräts gebaut worden. Inzwischen befinde sich ein Testgerät beim Anwender. Ob und wann es zum Einsatz kommt, steht zwar noch nicht fest. Aber auf die Entwicklung aus dem eigenen Haus ist das kleine Unternehmen stolz.

Der Firmenchef ist optimistisch, dass der Aufwärtstrend anhält. „Es gibt in Deutschland nicht mehr so viele Firmen, die solche Spezialanfertigungen wie wir machen“, stellt er fest. Er profitiere von einem exzellenten Facharbeiterstamm, der teilweise noch aus DDR-Zeiten stamme. Deshalb sei theoretisch auch denkbar, ein eigenes Großserienprodukt zu entwickeln und zu fertigen. „Aber so weit sind wir noch nicht“, sagt Hessel und fügt hinzu: „Das Metallhandwerk hat – so wie wir es betreiben – auch heutzutage eine Zukunft. Denn das Fachwissen, das wir im Laufe der Jahre gesammelt haben, kann angehenden Ingenieuren an Hochschulen kaum vermittelt werden.“

Von Andreas Tappert

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