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Lokales Kommt Leipzigs „City-Tunnel II“?
Leipzig Lokales Kommt Leipzigs „City-Tunnel II“?
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00:22 22.01.2018
So könnte der neue Ost-/West-Tunnel nach aktuellem Planungsstand errichtet werden (blau): Er beginnt unweit der Berliner Brücke (rechts), verläuft nördlich des Hauptbahnhofs und von dort zur Nordseite des RB-Stadions. In Plagwitz würde er wieder auftauchen und so die südlichen und westlichen Wohngebiete von Leipzig erschließen.  Quelle: Grafik: Patrick Moye
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Leipzig

Die Zeit der visionären Großprojekte schien in Leipzig Vergangenheit zu sein. Denn seit der Inbetriebnahme des City-Tunnels im Dezember 2013 hat die Stadt keine großen Verkehrsprojekte mehr angeschoben. Doch seit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) in dieser Woche eine neue unterirdische Ost-West-Bahnverbindung ins Gespräch brachten, ticken die Uhren anders: Verkehrsplaner fangen jetzt an, über den Bau der Verbindung nachzudenken, die mit rund sieben Kilometern Länge deutlich länger werden könnte als der bestehende 1438 Meter lange S-Bahn-Tunnel unter der City.

Im Rathaus hieß es gestern, die ganze Entwicklung sei „sehr erfreulich“. Denn mit dem Tunnelprojekt eröffne sich die Gelegenheit, Leipzigs Mobilitätsprobleme in den Griff zu bekommen. „Aber jetzt geht es erst einmal darum zu schauen, ob eine Machbarkeitsstudie sinnvoll ist“, betonte Stadtsprecher Matthias Hasberg. „Es gilt zunächst die Voraussetzungen für eine zweite Tunnelstrecke zu erkunden: Wie wird die demografische und wirtschaftliche Entwicklung der Stadt in den nächsten Jahrzehnten sein, welche Probleme könnten im Untergrund lauern, wie ist – ganz grob – die Eigentumssituation bei notwendigen Flächen.“ Geklärt werde natürlich auch, welche Akteure überhaupt mit an den Tisch müssen. Erst wenn dies alles abgearbeitet ist und vielversprechende Ergebnisse vorliegen, könne an die Gründung einer offiziellen Tunnel-Planungsgesellschaft gedacht werden, die das Projekt dann so detailliert durchdenkt, dass für seine Finanzierung erfolgversprechende Fördermittelanträge bei Bund, EU und Land gestellt werden können.

So könnte der City-Tunnel II verlaufen.

Am weitesten hat sich in das Tunnel-Projekt bislang der Zweckverband für den Nahverkehrsraum Leipzig (ZVNL) eingearbeitet. Denn in dessen Entwurf für einen neuen Nahverkehrsplan ist detailliert aufgelistet, welche Vorbereitungen für den zweiten Leipziger S-Bahn-Tunnel getroffen werden sollen, wenn Stadt und Land dem ZVNL dafür grünes Licht geben – wofür jetzt vieles spricht. Sobald diese Zustimmungen offiziell vorliegen, will der Verband untersuchen lassen, welche Züge durch den „City-Tunnel II“ fahren könnten, welche Auswirkungen das auf das bestehende Mitteldeutsche S-Bahn-Netz hätte und ob das Mega-Projekt wirtschaftlich sinnvoll wäre. Auch der dafür notwendige Streckenausbau und der Aus- beziehungsweise Neubau von Zugangsstellen sollen betrachtet werden, heißt es im Planentwurf. Dieser Entwurf wird am 31. Januar vom Stadtrat offiziell zur Kenntnis genommen und soll anschließend noch im Februar von der Landesdirektion genehmigt werden. Ab März könnten dann theoretisch die ersten Untersuchungen für den „City-Tunnel II“ beginnen.

Rechnet sich der Tunnel erst bei einer Million Leipziger?

Ob die Arbeiten an dem Mega-Projekt anschließend weitergehen – oder eingestellt werden – hängt vom Ausgang der ersten Untersuchungen ab. Denn das Projekt hat nur eine Chance, wenn sein Nutzen größer ist als seine Kosten. Entscheidend dafür wird sein, welche neuen S-Bahn-Verbindungen durch den neuen Tunnel geführt werden können und wie viele Fahrgäste diese nutzen würden. Ganz entscheidend dafür dürfte auch sein, welche Haltepunkte wo entstehen können – und wie sie frequentiert werden. Dass für das Projekt auch zahlreiche technische Herausforderungen bestehen, zeichnet sich schon ab: So müsste das Elsterbecken unterquert und dafür gleichzeitig der Grundwasserspiegel abgesenkt werden.

Viele Experten vertreten die Meinung, dass sich ein „U-Bahn-System“ – über das Leipzig nach dem Bau dieses Ost-/West-Tunnels verfügen würde – erst für Städte ab eine Million Einwohner rechnet. Allerdings: Wenn Leipzig starkes Einwohnerwachstum anhält – bis Ende 2030 sind 720.000 Einwohner prognostiziert – könnte die Stadt bis zur Fertigstellung dieses zweiten S-Bahn-Tunnels im Jahr 2050 auch die Eine-Million-Einwohner-Grenze geknackt haben.

Für die Planungen des 2013 eröffneten ersten Leipziger S-Bahn-Tunnels waren schon Jahrzehnte vor der Wende die ersten Zeichnungen und Kostenrechnungen angefertigt sowie eine riesige Menge von Plänen erstellt worden. Nach der Wende hatten dann die Leipziger Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube und Wolfgang Tiefensee das Projekt aufgegriffen. Zusammen mit dem Stadtbaurat Engelbert Lütke-Daldrup blieben sie 13 Jahre am Ball, stritten hartnäckig um die Förderung des Bundes und des Landes und ließen nicht locker, um die Leipziger vom Nutzen des Projekts zu überzeugen.

Ost-West-Röhre sollte schon 2005 in Leipzig entstehen

Die Idee für den Bau eines Ost-West-Tunnels ist nicht so alt wie die für den ersten Tunnel unter der City, der bereits 1902 diskutiert wurde. Der Tunnelbau in Ost-West-Richtung wurde erstmals 2003 ein Thema, als sich die Stadt um die Olympischen Spiele 2012 bewarb. Damals wollten die Planer den auf dem Sportforum vorgesehenen Olympiapark per Tunnel optimal erschließen. Er sollte allerdings anders verlaufen, als es heute angedacht ist: Vom vorhandenen S-Bahn-Netz ab Grünau, unter Plagwitz, Lindenau und dem Sportforum hindurch bis zur Westseite des Hauptbahnhofs. Auf der vier Kilometer langen Strecke waren mehrere Stationen vorgesehen, unter anderem südlich eines geplanten Olympischen Dorfes, auf dem Kleinmessegelände und dem Sportforum. Die Planungen für das 500 bis 800 Millionen Euro teure Projekt sollten bis zur Olympia-Entscheidung des IOC am 6. Juli 2005 in Singapur fertig sein, damit die beiden Röhren anschließend in sechs Jahren durch den Untergrund hätten gefräst werden können. Mit dem Tunnel wollten die Planer die IOC-Forderung erfüllen, dass 200.000 Besucher den voll besetzten Olympiapark binnen zwei Stunden verlassen könnten.

Das Projekt war vom Tisch, als die Bewerbung 2004 scheiterte. Die heute angedachte Ost-West-Führung wäre für das Sportforum ähnlich ideal wie die damalige: Besucher der RB-Arena und der Mehrzweckhalle Arena könnten bequem per S-Bahn an- und abreisen. Und Leipzig wäre optimal für internationale Großveranstaltungen gerüstet.

Beim Bau drohen viele Überraschungen

Wie sehr ein Großprojekt aus dem Ruder laufen kann, erlebten die Leipziger beim Bau des ersten S-Bahn-Tunnels unter der City. Das Vorhaben war im Jahr 2003 ursprünglich mit Gesamtkosten von 571,72 Millionen Euro kalkuliert worden. Als 2013 die erste Bahn durch die Tunnelröhren fuhr, waren 960 Millionen Euro ausgegeben worden. Auch bei der Bauzeit gab es böse Überraschungen: Mitte der 90er-Jahre wurde als Fertigstellungstermin für den City-Tunnel der Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 genannt.

Doch ein jahrelanges Gerangel um die Kosten- und Risikoverteilung verzögerte den Start immer wieder. Zuletzt verschob die Jahrhundertflut von 2002 den Baustart. Als das Projekt schließlich 2003 in Gang kam, wurde eine Fertigstellung für 2009 avisiert. Doch Überraschungen im Untergrund sorgten immer wieder für Verzögerungen. So stießen die Bauleute mehrfach auf extrem hartes Gestein, und unter dem Hauptbahnhof musste enormer Zusatzaufwand betrieben werden, weil beim Bau der Stützen des Promenaden-Einkaufszen-trums gepfuscht worden war. Die erste reguläre S-Bahn rollte dann am 15. Dezember 2013.

Von Andreas Tappert

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