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Kostenloser Nahverkehr – wäre das auch in Leipzig möglich?

Gratis mit Bus und Bahn Kostenloser Nahverkehr – wäre das auch in Leipzig möglich?

Ohne Fahrschein gratis mit Bus und Bahn fahren – in Leipzig wird das seit Jahren als „Bürgerticket“ diskutiert. Nun hat die Bundesregierung das Thema für sich entdeckt. Was würde das für die LVB bedeuten? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Kostenlos mit der Bahn durch Leipzig? Bevor das möglich wäre, müssten einige Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt werden.

Quelle: Kempner

Leipzig.  Der Plan klingt verlockend: Statt ein Ticket zu kaufen einfach in Bahn oder Bus steigen und losfahren. Die Überlegungen der Bundesregierung, gegen die Abgas-Belastung in deutschen Städten einen kostenlosen Nahverkehr einzuführen, schlägt seit Dienstag hohe Wellen. In Leipzig findet die Idee viele Befürworter. Laut einer Online-Umfrage von LVZ.de würden 78 Prozent das Auto stehen lassen, wenn die ÖPNV-Nutzung gratis wäre (Stand Mittwochmittag, 3500 Teilnehmer).

Kostenlos Bus und Bahn fahren

Würden Sie das Auto stehen lassen, wenn die Fahrt mit Bus und Bahn kostenlos wäre?

Bei den Leipziger Verkehrsbetrieben (LVB) und dem Mitteldeutschen Verkehrsverbund (MDV) wird das Thema schon seit Jahren unter dem Schlagwort „Bürgerticket“ diskutiert. Allerdings geht es hier nicht um ein Gratis-Angebot, sondern um eine solidarische Finanzierung des ÖPNV. Im Gespräch ist eine Abgabe von 20 bis 30 Euro pro Monat für alle Einwohner – diese können dann rund um die Uhr ohne Zusatzkosten Bus und Bahn fahren. Die Idee könnte nun neuen Schwung bekommen – zugleich lauern diverse Hürden. LVZ.de beantwortet die wichtigsten Fragen:

Worum geht es in der aktuellen Debatte eigentlich?

Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD), Verkehrsminister Christian Schmidt (CSU) und Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) haben in einem Brief an EU-Umweltkommissar Karmenu Vella angekündigt, ein Testprojekt für kostenlosen Nahverkehr zu starten, um die Zahl privater Fahrzeuge und damit die Abgasbelastung zu verringern. Die fünf „Modellstädte“, in denen das Konzept erprobt werden soll, befinden sich allesamt in West- und Südwestdeutschland: Bonn, Essen, Herrenberg (Baden-Württemberg), Reutlingen und Mannheim. Wann der Test startet und wie lange er laufen soll, ist derzeit ebenso wie die Gegenfinanzierung noch offen. Eine solidarische Finanzierung, wie in Leipzig vorgeschlagen, scheint dabei keine Option zu sein.

Wäre Gratis-ÖPNV auch in Leipzig möglich?

Theoretisch ja. Der Mitteldeutsche Verkehrsverbund (MDV) hatte zuletzt das „Bürgerticket“ in einem von sechs Gutachten zu möglichen Szenarien für die künftige Finanzierung des öffentlichen Nahverkehrs untersuchen lassen – und zieht es als Zukunftsmodell in Erwägung. Nun könnte das Thema neuen Schwung bekommen. Es sieht im Kern vor, dass jeder Bus und Bahn ohne Ticket benutzen kann. LVB-Chef Ulf Middelberg betrachtet es als „eine Option“, wie er in einem LVZ-Interview sagte. Eine konkrete Entscheidung steht aber aus. Dass nun die Bundesregierung beim Thema Fahrt aufnimmt, wurde bei den LVB „mit Überraschung“ zur Kenntnis genommen, wie inoffiziell verlautet.

Volle LVB-Straßenbahn der Linie 11

Volle LVB-Straßenbahn der Linie 11: Schon jetzt ist es in Leipzigs öffentlichen Verkehrsmitteln zu Stoßzeiten eng.

Quelle: Andre Kempner

Was würde das für Leipzig bedeuten?

Die Fahrgastzahlen der LVB würden sprunghaft ansteigen. Im vergangenen Jahr beförderten die Verkehrsbetriebe nach Informationen von LVZ.de mehr als 150 Millionen Passagiere – ein neuer Rekord. Um Millionen weiterer Fahrgäste zu befördern, müssten die LVB ihren Fuhrpark (derzeit: 293 Straßenbahnen, 157 Busse) massiv aufstocken, Taktzeiten verdichten und neben neuen Fahrzeugen auch zusätzliche Fahrer einstellen. Auch das schon jetzt stark beanspruchte Netz müsste erweitert und für die Zukunft fit gemacht werden – eine Mammutaufgabe.

Was würde das in Leipzig kosten?

4,6 Milliarden Euro – so hoch wäre die Investitionssumme für ein Mobilitäts-Szenario mit Bürgerticket bis zum Jahr 2030. Das hat die Stadt jüngst in einer Prognose errechnet. Zum Vergleich: Würde am derzeitigen Konzept festgehalten, wären es „nur“ 597 Millionen Euro. Wie groß der finanzielle Aufwand tatsächlich ist, kann niemand seriös beziffern. Fakt ist: Die Einnahmen durch Tickets beliefen sich bei den LVB zuletzt jährlich auf etwa 100 Millionen Euro. Sie sind die mit Abstand größte Einnahmequelle neben den städtischen Zuschüssen (45 Millionen Euro jährlich) und den Fördermitteln des Freistaats Sachsen (zuletzt 40 Millionen Euro). Um den Betrieb bei steigenden Kosten aufrecht zu erhalten, sind derzeit jährliche Fahrpreiserhöhungen notwendig. Im August steht nach Informationen von LVZ.de erneut eine Tarifrunde an. Wie hoch diese ausfällt, entscheiden im März die MDV-Gremien.

Wer soll das bezahlen?

Das ist die entscheidende Frage. Der Städtetag hat den Bund bereits an das Prinzip erinnert: „Wer bestellt, bezahlt.“ Gerd Landsberg, Chef des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, betont: Die klammen Kommunen und Verkehrsbetriebe könnten es nicht finanzieren. Bundesweit belaufen sich die Ticket-Einnahmen im öffentlichen Nahverkehr auf rund 12 bis 13 Milliarden Euro pro Jahr. Falls Städte einen kostenlosen ÖPNV stemmen müssen, würde das Investitionen von zusätzlichen Milliarden notwendig machen. Allerdings könnten auch Kosten eingespart werden - für Ticketkontrollen, Fahrscheinautomaten und letztlich auch die Straßenunterhaltung, wenn der Innenstadtverkehr abnimmt.

Wie lange würde die Einführung eines Gratis-ÖPNV dauern?

Im Moment ist das Thema noch Zukunftsmusik. Den gesamten Nahverkehr umzustellen, würde Jahre dauern. Vor der Einführung eines verbundweiten Gratis-ÖPNV im MDV, zu dem die LVB gehören, müssten zudem rechtliche Bedingungen geklärt werden. Alleine schon die Beteiligung der beiden Bundesländer Sachsen und Sachsen-Anhalt macht es für den Ballungsraum Leipzig-Halle besonders kompliziert. „Bahnfahrer machen an keiner Landesgrenze Halt“, heißt es immer wieder. Eine praktikable Lösung müsste daher zwingend länderübergreifend sein. Kostenloser Nahverkehr könne „höchstens ein langfristiges Zukunftsprojekt werden“, sagt Gerd Landsberg vom Deutschen Städte- und Gemeindebund.

Ticketautomaten könnten nach dem neuen Modell abgeschafft werden

Ticketautomaten könnten nach dem neuen Modell abgeschafft werden. Mehrere deutsche Städte haben das bereits getestet.

Quelle: Kempner

Gibt es schon irgendwo kostenlosen Nahverkehr?

Es gibt Freifahrten für einzelne Kundengruppen, etwa Schwerbehinderte und – seit diesem Jahr – Landesbeamte in Hessen. Mit Freifahrten für alle Fahrgäste gibt es aber nur wenig Erfahrung, obwohl darüber seit Jahrzehnten diskutiert wird. Das brandenburgische Templin hat einen Versuch 2003 nach fünf Jahren aufgegeben – die Fahrgastzahlen hatten sich vervielfacht, aber es war auf Dauer zu teuer. Auch die Spreewaldstadt Lübben verbannte zeitweise die Ticketautomaten. Als erste europäische Hauptstadt begann das estnische Tallinn vor fünf Jahren ein Experiment mit Gratis-ÖPNV für die Bewohner. Das belgische Hasselt sowie Portland und Seattle in den USA haben Versuche gestartet, inzwischen aber abgebrochen. Im australischen Melbourne sind dagegen seit einiger Zeit alle Straßenbahnen kostenlos unterwegs. Der Auto-Verkehr in der Innenstadt hat sich dadurch erheblich verringert.

Wie sind die Reaktionen auf das Vorhaben?

Die LVB wollten auf Anfrage von LVZ.de am Mittwoch offiziell keine Bewertung abgeben und verwiesen auf den Bundesverband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Dieser ist bisher skeptisch. „Schon heute drängeln sich die Fahrgäste überall in Bussen und Bahnen. Ein kurzfristiger, sprunghafter Fahrgastanstieg würde die vorhandenen Systeme vollständig überlasten“, so VDV-Präsident Jürgen Fenkse. Bevor über kostenlose Angebote nachgedacht werden könne, sei der Ausbau der Kapazitäten mit Hilfe öffentlicher Finanzierung erforderlich. Das sei auch in Leipzig grundsätzlich nicht anders, heißt es von den LVB. (mit dpa)

Von Robert Nößler

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